„Das Durchhalten hat sich bezahlt gemacht“

Optimistischer Rück- und Ausblick beim Fleischverarbeitungsbetrieb Reinert

Donnerstag, 10. Januar 2013

Roland Verdev leitet das Reinert-Werk in Kronstadt. Foto: Christine Chiriac

Das Werk „H. & E. Reinert S.R.L.“ bei Marienburg/Feldioara ist der einzige ausländische Produktionsstandort des deutschen Familienunternehmens „H. & E. Reinert“, dessen Stammwerk sich in Versmold befindet. Dort „dreht sich seit drei Generationen alles um die Wurst“, wie es auf der Homepage heißt, und auch das Kronstädter Werk produziert seit 2007 Rohwurst, Brühwurst, Kochschinken. Die Firma beschäftigt rund 165 Mitarbeiter und startet ins neue Jahr mit positiven Nachrichten.

Noch vor zwei Jahren hatte Roland Verdev, der damalige Verkaufsleiter, in einem Interview mit der „Karpatenrundschau“ von seinen ersten guten Eindrücken über die Arbeit in Rumänien gesprochen. Hinter den vielversprechenden Einschätzungen kamen jedoch auch Sorgen zum Vorschein: insbesondere kulturelle Unterschiede innerhalb des deutsch-rumänischen Teams, ‘typische’ Schwierigkeiten der ausländischen Investoren im rumänischen Wirtschaftsumfeld und dazu die allgegenwärtige Krise ließen damals die Zukunft des jungen Kronstädter Unternehmens etwas unsicher klingen.

Jetzt ist es soweit: „Das Durchhalten hat sich bezahlt gemacht“, sagt Roland Verdev, der inzwi-schen die Geschäftsführung der Firma übernommen hat. „Nicht nur, dass wir das Licht am Ende des Tunnels erblicken – wir sind durch den Tunnel durch!“ Reinert Kronstadt ist zum „Selbstläufer“ geworden und verzeichnet jährlich einen Umsatzzuwachs von rund 25 Prozent – obwohl zurzeit der Gesamtmarkt für Fleisch und Wurst in Rumänien sinkt.

Eine positive Entwicklung gegen den Trend, die auch von den Handelspartnern entsprechend wahrgenommen wird, so Verdev. „Qualität, Vertrauen, Verlässlichkeit sind uns nach wie vor besonders wichtig. So konnten wir auch in Deutschland neue Kunden gewinnen, die unsere rumänischen Spezialitäten wie den Sibiu-Salami vermarkten. Wir sind weiterhin bestrebt, Rumänien in Westeuropa, vor allem im deutschsprachigen Raum, bekannt zu machen.“

Die Produkte des Kronstädter Werkes gehen außerdem nach Tschechien, Bulgarien oder in die Slowakei, und das Rohfleisch wird nicht mehr gänzlich aus Deutschland eingekauft, sondern von einheimischen Produzenten. Hierzulande hat Reinert großen Erfolg mit den Kinderprodukten „Martinel“, die etwa 17 Prozent seines Gesamtumsatzes ausmachen.

„Was unseren rumänischen Mitarbeitern zudem sehr gut gelungen ist, sind die Marketingaktivitäten. Mit niedrigen Kosten und hoher Effizienz, vor allem mit viel Eigenkreativität, machen sie unsere Marke sichtbar“, fügt Roland Verdev hinzu. Sicherlich ist der Weg nicht abgeschlossen, aber die jetzigen Schwierigkeiten haben eher in der Politik des Landes ihren Ursprung, als in der Wirtschaft selbst, wie der Geschäftsführer hervorhebt.

Reinert hat ein Geheimnis: den „Faktor Mensch“. Recht früh begann das Unternehmen, intensive Mitarbeiterschulungen und interne Personalentwicklungsseminare anzubieten. „Vor wenigen Jahren haben die Mitarbeiter einfach nur ‘ihren Job gemacht’. Heute bringen sie ihre Ideen ein und lösen selbständig Probleme. Die Besprechungen haben Inhalte.“

Professionelle Anleitung diesbezüglich bekam die Firma von Camelia Buss-Ciontoiu, deren Biografie sowohl die rumänische, als auch die deutsche Perspektive vereint. Die Bukaresterin lebt seit vielen Jahren in Deutschland, wo sie Erwachsenenbildung, Psychologie und Soziologie studiert hat und Coaching- sowie Berater-Ausbildungen absolviert hat. Für Reinert Kronstadt engagiert sie sich seit 2009. Ihre Arbeit bestand hier aus der Koordination von Trainingseinheiten im Bereich interkulturelle Kompetenz und Coaching der Angestellten.

„Die Herausforderung war, aus einer Gruppe von Menschen ein Team zu bilden“, sagt die Beraterin. „Dass die Entscheidung  ‘von oben’, von den Führungskräften kommt, und der Mitarbeiter nur Vorgaben umsetzen muss – diese Mentalität hat sich dramatisch verändert. Das Unternehmen funktioniert viel effizienter, wenn sich Leitung und Mitarbeiter in ständigem Dialog befinden, wenn zu Themen wie Kommunikation, Konfliktmanagement, Strategie oder Zielvorgabe regelmäßig und offen Feedback gegeben wird. Sicherlich, in einem Dialog müssen die Beteiligten viel mehr Kritik einstecken, und gerade deshalb ist Dialog sehr produktiv.“

Die „kulturellen Unterschiede“ betrachtet Camelia Buss-Ciontoiu nicht als Hindernis; eher die Unterschiede von Mensch zu Mensch versucht sie, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Allein in der Arbeitsweise werden von einem Land zum anderen Differenzen spürbar: „In Deutschland wird meistens – aber auch nicht immer – sehr zielorientiert, effizient und diszipliniert gearbeitet. Man weiß genau, was man will. In Rumänien ist es noch nicht üblich, so viel zu verlangen – weder von sich selbst, noch von den anderen. Doch dieses Selbstbewusstsein lässt sich entwickeln.“

Camelia Buss-Ciontoiu weiß, dass „Krisen“ eher willkommene Herausforderungen darstellen, als Probleme: „In der Krise kann man sehr viel machen: sich mit dem Markt und den Produkten befassen, sich mit den Menschen auseinandersetzen. So hat man nachher einen sicheren Aufstieg.“

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