Das ehemalige Gummersbacher Handball-Idol Hansi Schmidt wird 70

Montag, 24. September 2012

Hansi Schmidt
Foto: Johann Steiner

Hansi Schmidt im Sprungwurf: Als den kräftigsten Handballer der 60er und 70er Jahre bezeichnet der ehemalige Bundestrainer Vlado Stenzel den Marienfelder Modellathleten.

In diesem September geht ein lang ersehnter Wunsch von Karin Schmidt in Erfüllung: ein Urlaub in Südtirol. Es ist der erste, den sie mit ihrem Mann in dem schönen Landstrich an den Südhängen der Alpen verbringen wird. Es ist ein Geburtstagsgeschenk, das sie sich und ihrem Mann gemacht hat: Das ehemalige Handball-Idol Hansi Schmidt  wird am 24. September 70 Jahre alt. Südtirol, das ein ähnliches Schicksal, wie Hansis alte Heimat, das Banat, hatte, interessiert den Wahl-Gummersbacher schon seit seiner Jugend. Beide Provinzen sind nach dem Ersten Weltkrieg von der K.u.k-Monarchie losgelöst und anderen Ländern zugeschlagen worden. Hansi Schmidt fühlt sich noch wie einst seine Vorfahren der alten Monarchie verbunden und deshalb auch Südtirol.

Hansi Schmidt, der „mit Hingabe“ Lehrer war und seit Sommer 2006 Pensionär ist, hat mit dem Handball nicht mehr viel zu tun. Er beobachtet noch aufmerksam  das Geschehen um den VfL Gummersbach. Er sieht sich das eine  oder andere Spiel der Blau-Weißen an. Um sich fit zu halten, spielt er Tennis und Tischtennis. Seit gut einem Jahr hat er eine neue Aufgabe: Zusammen mit seiner Frau kümmert er sich um sein jüngstes Enkelkind: Rosa Marie, Tochter seines jüngsten Sohnes Christoph Eric, die am 29. August ein Jahr alt geworden ist.

Einen Tag pro Woche widmen sich Karin und Hansi Schmidt ausschließlich der Enkelin. Enkel Karl Ludwig, der mit den Eltern im US-Bundesstaat Georgia lebt, wird am 24. September telefonisch gratulieren.

Hansi Schmidt, geboren in der Gemeinde Marienfeld im Dreiländereck Rumänien/Serbien/Ungarn, hat Sportgeschichte geschrieben. Für viele ist der Erfinder des verzögerten Sprungwurfs ein Idol, für andere auch heute noch ein rotes Tuch. Doch wie immer man zu diesem ehemaligen Ausnahmesportler stehen mag, an einem kommt man nicht vorbei: Mit seinem Namen ist der steile Aufstieg einer Provinzmannschaft zum weltbesten Hallenhandballteam verbunden. Der VfL Gummersbach war bis zum Sommer 2006 mit zwölf gewonnenen Titeln deutscher Rekordmeister. Im Sommer 2007 hat der THW Kiel die Gummersbacher mit dem Gewinn der 13. Meisterschaft überholt.

Zu sieben der zwölf VfL-Erfolge in der Bundesliga hat Hansi Schmidt als Torschütze vom Dienst und Spielmacher entscheidend beigetragen. Für den Gewinn dieser sieben Titel brauchte er elf Anläufe. Zehnmal hat er im Finale um die deutsche Meisterschaft gestanden. Zu den sieben deutschen Meistertiteln kommen drei Vizemeistertitel hinzu.

Als sich Hansi nach dem 12:11-Sieg über Grün-Weiß Dankersen im Endspiel um die deutsche Meisterschaft  am 16. Mai 1976 als Titelträger aus dem Handballoberhaus verabschiedet, sagt der junge Jimmy Waltke: „Wenn du aufhörst, werden wir im nächsten Jahr Meister.“ Und tatsächlich: Der deutsche Meister 1977 heißt Dankersen. Den darauffolgenden Titel eines deutschen Meisters wird der VfL erst 1982 gewinnen. Hansi hinterlässt eine Lücke, die nicht nahtlos geschlossen werden kann. Sein wahrer Nachfolger ist seiner Einschätzung nach Erhard Wunderlich.

Diejenigen, die ihn beim VfL hinausdrängen wollen, aber in seinem Schatten von 1973 bis 1976 vier Meistertitel in Folge gewonnen haben, können ihn nicht vollwertig ersetzen. Die Bilanz von Hansi  spricht eine  eindeutige Sprache: 338 Tore in 53 EC-Spielen, 18 Länderspiele für Rumänien und 98 für Deutschland, 484 Tore für die deutsche Mannschaft, 1066 Tore  in 173 Bundesligaspielen für Gummersbach.

Von 1967 bis 1971 wird Hansi fünfmal hintereinander Bundesliga-Torschützenkönig. Fünfmal steht Gummersbach in der Liste der Gewinner des Europapokals der Landesmeister. Bei vier Erfolgen ist Hansi Schmidt dabei. In einem EC-Endspiel unterliegt Hansi Schmidt mit dem  VfL. Noch höher als den Europapokalsieg mit dem VfL  schätzt er den Gewinn des Pokals der Armeeklubs der sozialistischen  Länder mit Steaua Bukarest 1963 ein.

Gegner der Bukarester Mannschaft in diesem in der rumänischen Hauptstadt ausgetragenen Hallenturnier sind unter anderen Dukla Prag, ZSKA Moskau und Honved Budapest. Das Finale gewinnt Steaua gegen die starke Truppe aus Prag. In diesen Mannschaften war die Weltelite des Handballs versammelt.
Hansi Schmidt, der als 21-Jähriger den Bukarester Armeesportklub verlässt,   geht ab Herbst 1963 seinen eigenen Weg, der teilweise recht steinig ist. Der Banater Schwabe bleibt in Deutschland, der Sport erleichtert es ihm, Fuß zu fassen, er beißt sich durch. Aus dem Flüchtling wird ein Superstar, dem die Handballanhänger zu Füßen liegen.

Er ist mehr als ein Jahrzehnt lang der Schütze vom Dienst beim VfL und in der deutschen Nationalmannschaft. Er gehört zusammen mit  dem Rückraumspieler Hans Moser, dem Torsteher Michael Redl, dem Flügelflitzer Josef Jakob und dem Kreisläufer Werner Stöckl, die alle  zu Weltmeisterehren gekommen sind, zum Besten, was der Banater und der rumänische Hallenhandball hervorgebracht hat. Für den ehemaligen Bundestrainer Vlado Stenzel sind Hansi Schmidt und Hans Moser die weltbesten Hallenhandballspieler der 60er und 70er Jahre.

Hansi Schmidt erlebt im Unterschied zu diesen Weltklasseleuten seine große Zeit in Deutschland. Er ist nicht nur der Superstar der 60er und 70er Jahre, sondern auch ein Unbequemer, der seine Meinung sagt und sich mit Trainern und Funktionären anlegt. Der inzwischen zur Legende gewordene Weltklassespieler hat seinen Wert gekannt und auch das eine oder andere Mal seinen Willen durchgesetzt. So ist er auch den Olympischen Spielen 1972 fern geblieben.

Hansi Schmidt  ist im Besitz einer Autogrammkarte seines ehemaligen Mannschaftskollegen Gheorghe Gruia von Steaua Bukarest. Der Halbrechte, der mit Rumänien Weltmeister und mit seinem Klub Europapokal-Sieger geworden ist, schreibt darauf in typisch südländischer Art: „Damit Du es weißt. Sie hätten Dich gebraucht.

Ich küsse Dich.“ Diese beiden Klasseleute hätte der Präsident des Rumänischen Handball-Verbandes, Johnny Kunst-Ghermănescu, gerne über das Jahr 1963 hinaus in der Mannschaft  des Bukarester Armeesportklubs Steaua spielen sehen. Mit Hansi und Gruia wäre diese fast unschlagbar gewesen. Doch weil es anders kommt,  ist aus Europapokal-Spielen einmal der eine, das andere Mal der zweite als Sieger vom Platz gegangen. Und deshalb hat keiner Hansis Flucht mehr bereut als Kunst.

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