„Das Eyland soll ein Paradies werden“

Ehemalige Residenzstadt Potsdam lockt Promis an, feiert einen König und baut ein Schloss wieder auf

Freitag, 17. August 2012

Abseits der Touristenströme findet man Schlösser in idyllischer Lage – wie hier das Schloss Babelsberg am Tiefen See.

Sanssouci war das Sommerschloss Friedrichs des Großen und ist heute die Haupttouristenattraktion der Stadt.
Fotos: der Verfasser

Vor wenigen Jahren zeugte nur das Fortunaportal gegenüber der Nikolaikirche vom baldigen Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses.
Foto: Wikimedia Commons

Die ehemalige Residenzstadt Potsdam ist die kleine, aber feine Schwester des nahen Berlin. Eingebettet in die malerische Flusslandschaft der Havel, findet der Besucher dutzende Schlösser und Parks, dazu zahllose architektonische Kleinode und viel Geschichte – nicht zuletzt im Jubiläumsjahr für Friedrich den Großen.

Den wohl schönsten Blick über die Potsdamer Kulturlandschaft hat man von den beiden Aussichtsplattformen des Belvedere-Schlosses auf dem Pfingstberg. Von hier oben gleitet der Blick über die Havelseen und die Wälder der Umgebung, über die Kirchturmspitzen und Schlösser von Potsdam und an klaren Tagen sogar bis zum 30 Kilometer entfernten Berliner Fernsehturm. Das zweitürmige Belvedere (1847-1863) gehört zu den jüngsten Repräsentationsbauten, die von den Herrschern des Königreiches Preußen zwischen 1660 und 1918 in und um Potsdam errichtet wurden.

In der von der Havel durchflossenen und von zahlreichen Seen umgebenen Sommerresidenz der preußischen Könige findet der Besucher eine von meisterhafter Hand gestaltete Landschaft, in die sich idyllisch Schlösser, Pavillons und Wasserspiele einfügen. Schon 1664 meinte Johann Moritz von Nassau-Siegen zu Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem Großen Kurfürsten: „Das ganze Eyland muss ein Paradies werden“. Bei der Gestaltung ihrer Parkanlagen orientierten sich die Herrscher aus dem Hause Hohenzollern an Versailles, dem Vorbild der Schlossbau- und Gartenkunst im Europa des 17. Jahrhunderts. Überall in Europa eiferte der Adel diesem Vorbild nach. Doch kaum irgendwo wurde eine Landschaft so umfassend, so konsequent umgestaltet wie hier an der Havel.

Dies ist nicht zuletzt das Verdienst des Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné. Er gestaltete nicht jeden der insgesamt 18 kleineren und größeren Gärten und Landschaftsparks im Großraum Potsdam, die innerhalb von 250 Jahren hier entstanden, aber er fügte während seiner Zeit am preußischen Hof die königlichen Parkanlagen und die Stadt zu einer harmonischen Gesamtlandschaft zusammen. Seit 1990 stehen weite Teile davon unter dem Weltkulturerbe-Schutz der UNESCO.

Landschaft als Kunstwerk

Ein Hauptprinzip Lennéscher Gestaltungsphilosophie bestand in der Anlage von Sichtachsen zwischen markanten Geländeerhebungen und Bauwerken. Diese Achsen durchziehen die gesamte Potsdamer Stadt- und Parklandschaft und bieten immer wieder überraschende Durch- und Ausblicke, mal kürzere und mal weitere. Wie etwa von den 25 Meter hohen Türmen des Belvedere auf das zwei Kilometer entfernte, elegante Sommerschloss Sanssouci, unangefochtenes Highlight unter den Potsdam-Besuchern.

Jetzt im August kommen besonders viele Touristen. Vor allem an diesem dritten Wochenende, wenn wieder die „Potsdamer Schlössernacht“ stattfinden. Hotels und Pensionen sind in diesen Tagen ausgebucht, die 33.000 Eintrittskarten sind bereits viele Monate im Voraus ausverkauft. Seit 13 Jahren verwandelt das Kunst- und Kulturspektakel den größten Potsdamer Park in eine riesige Freilichtbühne mit unzähligen Kulissen und Szenerien. Bis nach Mitternacht gibt es Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen und allerlei Kleinkunst in einem der wohl schönsten Schlossparks Deutschlands – dem Park von Sanssouci.

Das berühmte Sommerschloss „Sans Soucis“ (französisch: Ohne Sorge) entstand 1743 auf Wunsch von König Friedrich des Großen, dessen 300. Geburtstag übrigens in diesem Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen begangen wird, auf einem Hügel nahe dem damaligen königlichen Küchengarten. Das Werk des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff begründete den sogenannten „Friederizianischen Rokoko“. Im Laufe von Friedrichs Regentschaft wurde der Park ausgedehnt und mit weiterem zeitgenössischem Garten-Repertoire wie künstlichen Ruinen, Grotten, Mühlen und einem chinesischem Teehaus ausgestattet. Höhepunkt des Schaffens war der Bau des Neuen Palais (1763-1769). Das mächtige Schloss sollte nach dem aus preußischer Sicht glücklichen Ausgang die neugewonnene Macht als eine der fünf europäischen Großmächte symbolisieren.

Ein Schloss für das Parlament

Sein Pendant hatte das Neue Palais im Zentrum der Potsdamer Altstadt. Das dortige Stadtschloss stand auf den Grundmauern einer aus dem Mittelalter datierenden Festungsanlage, von wo aus der Havelübergang bewacht wurde. Das Schloss erhielt seine endgültige barocke Form zwischen 1744 und 1751. Zusammen mit der imposanten St. Nikolai-Kirche und dem Alten Rathaus rahmte es zwei Jahrhunderte lang den wohl schönsten Platz der Stadt – den Alten Markt. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde dieses bauliche Ensemble durch alliierte Bomber zerstört, das Stadtschloss 15 Jahre nach Kriegsende als Symbol des Preußentums abgerissen.

Zwanzig Jahre nach der Wende und nach endlosen, hart geführten Diskussionen in der Stadt entsteht derzeit auf dem Grundriss des Schlosses und in dessen historischer Fassade ein neues Gebäude, in das ab 2013 der brandenburgische Landtag einziehen wird. Zugleich soll der historische Stadtgrundriss in der Umgebung wieder hergestellt werden, alte Straßen, Plätze und Gebäude neu entstehen.

Bis es soweit ist, lohnt sich ein Spaziergang durch die gut erhaltene Altstadt, die in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert wurde. Nördlich des alten Marktes liegt die sogenannte erste und zweite barocke Stadterweiterung. Die ursprünglich meist zweigeschossigen Häuschen wurden im 18. Jahrhundert errichtet, als die Bevölkerung Potsdams im Zuge des Ausbaus zur Garnisonsstadt stark wuchs. Heute haben sich in diesem Viertel interessante Läden und eine Vielzahl an Lokalen angesiedelt. Gleich nebenan befindet sich das Holländische Viertel – ein Kuriosum, das ein Schlaglicht auf die wechselvolle Geschichte Preußens wirft. 

Viertel für Holländer und Russen

Erbaut wurden die 150 Backsteinhäuser im holländischen Stil zwischen 1734 und 1742 im Zuge der zweiten Stadterweiterung durch den holländischen Architekten Johann Boumann. Ihm ist in einem der Häuser in der Mittelstraße ein Museum gewidmet. Eigentlich wollte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. auf diese Weise holländische Handwerker nach Potsdam locken. Ihre Zahl blieb allerdings unter den Erwartungen. Das Beispiel zeigt, dass Preußen in seiner kurzen Geschichte immer wieder auf Zuwanderung von außen setzte, wobei die Gründe meist recht pragmatisch waren. Zuerst wollte der Große Kurfürst das nach dem 30-jährigen Krieg bevölkerungsmäßig ausgeblutete Preußen stärken, später spielten auch wirtschaftliche Motive eine Rolle: Neben den im Wasserbau begabten Holländern kamen verfolgte Hugenotten, protestantische Franzosen, Protestanten aus dem Salzburger Raum sowie Weber aus Böhmen. Für die Hugenotten beispielsweise ließ Friedrich der Große gegenüber des Holländischen Viertels die Französische Kirche errichten, heute das älteste im Original erhaltene Gotteshaus der Stadt; die Böhmen siedelten im heutigen Stadtteil Nowawes.

Ein fünfzehnminütiger Spaziergang bringt den Besucher über die Grenze des alten Stadtzentrums hinaus zur Kolonie Alexandrowka. Die Kolonie wurde 1827 Heimstatt für die letzten in Potsdam lebenden Mitglieder eines russischen Soldatenchors, dessen Mitglieder in den Napoleonischen Kriegen in die preußische Residenzstadt gelangt waren und mit Bewillung von Zar Alexander I. hier bleiben durften. Aus Dankbarkeit ließ Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. die Siedlung mit ihren 13 Holzhäusern im russischen Stil errichten. Im 14. Haus auf dem nahen Kapellenberg lebte der russisch-orthodoxe Pfarrer neben dem namengebenden Gotteshaus. Von hier ist es nur ein kurzer Spaziergang zum eingangs erwähnten Belvedere und weiter zum Heiligen See. Im Villenviertel an dessen Ufern wohnt heute wie vor dem Krieg die Prominenz aus Wirtschaft, Fernsehen und Politik, wie Günther Jauch, Wolfgang Joop oder Nadja Auermann. Im Neuen Garten zwischen Heiligem See und Jungfernsee liegt ein wenig versteckt das romantische Schloss Cecilienhof, ein erst 1917 fertiggestelltes Gemäuer im englischen Landhausstil. Hier wurde 1945 Geschichte geschrieben, als Stalin, Truman und Churchill im Potsdamer Abkommen die politische Neuordnung Europas besiegelten.

Wer Potsdam besucht, sollte sich Zeit nehmen, die landschaftlichen Schönheiten in Ruhe zu entdecken. Die Stadt atmet an fast jeder Ecke Geschichte, die von engagierten Bürgern in jüngster Zeit vermehrt wiederentdeckt wird und sich in der Rekonstruktion von Teilen der Altstadt ausdrückt. Dazu bietet Potsdam ein reiches Kulturleben und viele Freizeitmöglichkeiten, beispielsweise im Unterhaltungspark der traditionsreichen Babelsberger Filmstudios, wo schon Marlene Dietrich und Fritz Lang drehten.

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