„Das Gesetz 118 ist eher eine Sozialhilfe“

Gespräch mit Octav Bjoza, Vorsitzender des Vereins der ehemaligen politischen Häftlinge in Rumänien (AFDPR)

Mittwoch, 13. März 2013

AFDPR-Landesvorsitzender Octav Bjoza
Foto: Ralf Sudrigian

Octav Bjoza ist nach dem Ableben von Constantin Ticu Dumitrescu im Dezember 2008 zum AFDPR-Interim-Vorsitzenden gewählt worden. Im September 2009 wurde er als Vorsitzender vom AFDPR-Kongress bestätigt und zwei Jahre später, im September 2011, für ein weiteres vierjähriges Mandat wiedergewählt. Bjoza wurde am 11. August 1938 in Jassy/Iaşi geboren, verbrachte aber seine Kindheit und Jugend in Kronstadt/Braşov. Als Schüler des Şaguna-Lyzeums wurde er Mitglied der „Garda Tineretului Român“ – einer Jugendorganisation, die einen aktiven Widerstand gegen das kommunistische Regime organisieren wollte. Das brachte ihm 1958 als Student im ersten Jahr in der Fakultät für Geografie und Geologie der „Al. I. Cuza“-Hochschule in Jassy nicht nur den Ausschluss von der Hochschule, sondern auch eine Verhaftung zu 15 Jahren Zwangsarbeit ein. Bjoza verbrachte bis zu seiner Freilassung 1962 vier Jahre in den Gefängnissen und Zwangslagern von Zeiden/Codlea, Gherla, Văcăreşti, Jilava, Galaţi, Brăila, Strâmba, Stoieneşti, Salcia, Bacul 4 und Grindu-Periprava. Auch nach seiner Haftentlassung wurde Bjoza bis 1989 von der Securitate überwacht.

Nach der Wende war Bjoza zeitweilig Mitglied der Bauernpartei (PNŢCD), auf deren Wahlliste er auch zum stellvertretenden Bürgermeister von Weidenbach/Ghimbav gewählt wurde (1994 bis 1996). Bjoza setzt sich aktiv für die Belange der ehemaligen politischen Häftlinge ein und ist auch der Verfasser mehrerer Bücher über politische Häftlinge im kommunistischen Rumänien. Im Interview mit dem ADZ-Journalisten Ralf S u d r i g i a n, aufgenommen im Kronstädter AFDP-Sitz (Marktplatz/Piaţa Sfatului 11), spricht Octav Bjoza in der ihm eigenen unverblümten Weise über die Lage der immer älter und zahlenmäßig geringer werdenden ehemaligen politischen Häftlinge in der heutigen rumänischen Gesellschaft.

Wie viele Mitglieder zählt der Verein heute?

Am 31. Dezember des Vorjahres waren es 11.000 Mitglieder. Dabei sind rund 56.000 Personen heute Nutznießer des Gesetzes 118/1990. In den ersten Jahren waren wir noch gut über 100.000. Viele haben sich nicht eingeschrieben, um Geld zu sparen. Unser Leiden hat nicht gleichzeitig mit der Haftbefreiung aufgehört oder mit der Rückkehr aus Arbeitslagern oder aus der Deportation. Nein, das Leiden setzte sich fort bis Dezember 1989 und sogar darüber hinaus. Denn ich zum Beispiel habe mich selbst bei Securitate-Verhören oder in den Arbeitslagern nie so gedemütigt gefühlt, wie in den letzten drei bis vier Jahren.

Welche Parteizugehörigkeiten hatten die ehemaligen politischen Häftlinge?

Ganz verschiedene. Es waren PNŢ-Mitglieder zweier Kategorien, denn so steht es einem Rumänen gut – in Flügelkämpfe verwickelt zu sein, Liberale, Legionäre, Cuzisten, Sozialdemokraten um Constantin Titel Petrescu. Wir Häftlinge tragen unsichtbare Dienstgrade, die nur wir kennen. Leider haben uns unsere Generäle und Marschalls verlassen – geblieben sind die Feldwebel und einfachen Soldaten, die nun das fortführen, was sie von ihren Vorbildern erlernt haben.

Hat da die Einheit unter Ihren Mitgliedern nicht zu leiden?

Schon früh wurde mir in der Haft beigebracht: „Junge, pass auf, im Leben sollst du nicht mit Ethnien, Ideologien oder Konfessionen zu tun haben. Du hast mit Menschen zu tun. Nur gib Acht, du wirst sie nicht so leicht finden.“

Und die sogenannten „Revolutionäre“?

Es gibt keinen Vergleich zwischen ehemaligen politischen Häftlingen und jenen, die im Dezember auf die Straße gingen. Es waren ganz andere Bedingungen. Aber die Revolutionäre haben ein eigenes Staatssekretariat mit 40 Mitarbeitern. Rund zehn von ihnen verfügen über Dienstwagen und Fahrer und unerhört hohe Gehälter. Wir aber hatten in diesen 23 Jahren nie einen eigenen von unserem Kongress gewählten Vertreter, der in der Regierung oder in einem parlamentarischen Ausschuss an die politischen Häftlinge erinnert. Die meisten unserer Abgeordneten wissen so gut wie nichts über uns. Sie wissen nicht, dass gut die Hälfte des Donaukanals von den politischen Häftlingen gegraben wurde, wobei Tausende Opfer zu beklagen sind. Man weiß nicht, dass wir Balta Brăilei eingedämmt haben, Bewässerungsanlagen im Bărăgan gegraben haben, den Bicaz-Staudamm errichtet haben, wie auch das Stadion in Konstanza, dass wir Schilf geerntet haben oder im Bergwerk geschuftet haben. Warum das so ist? Weil sich in unserem Parlament eine Wasserfauna an das Leben auf dem Festland angepasst hat: es sind Haie und Kraken und ab und zu ein Chamäleon, das ganz locker von einem Ast auf den anderen springt, also die Partei wechselt, ohne dabei an seine Wähler zu denken. Viele der Parlamentarier sind die Söhne jener, die uns ins Gefängnis gesteckt oder in den Tod geschickt haben. Sicher, man sollte nicht verallgemeinern, aber die wenigsten Parlamentarier sind echte Patrioten. Viele kennen nicht einmal die richtige Anordnung der Farben der Nationalflagge.

Gibt es Besonderheiten für die Haftbedingungen politischer Häftlinge in rumänischen Kerkern gegenüber jenen in den anderen sozialistischen Ländern?

Nirgendwo in der kommunistischen Welt wurden so viele (bezogen auf die Einwohnerzahl des Landes) und so grausame Verbrechen begangen wie bei uns. Wir haben sogar unsere „Lehrer“ aus der Sowjetunion übertroffen. In Rumänien gab es Gefängnisse für Schüler – ich kenne Fälle von 9- bis 12-jährigen Kindern, die von der Securitate verhört wurden, um auszusagen, wer gestern Abend Vater besucht hatte und was dabei gesprochen wurde. So ein Gefängnis gab es bei Târgşor zwischen Ploieşti und Târgovişte. Es gab zwei Gefängnisse für Frauen: in Mislea und in Miercurea Ciuc. In Piteşti gab es eine Haftanstalt für Studenten. Dort wurden die grausamsten Verbrechen verübt – alles nach einem von Nicolschi und der damaligen „Securitatea Poporului“ ausgedachtem Programm. Nach 1990 konnte derselbe Nicolschi sich an nichts mehr erinnern und behaupete, die Häftlinge hätten sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Bei dieser sogenannten Umerziehung („reeducare“) wurden unter den Häftlingen Schlägertrupps gebildet. Freunde mussten sich gegenseitig verprügeln. Es gab Schläge auf die Fußsohlen, Prügel mit dem nassen Strick, das erzwungene Trinken von Salzwasser. (Herr Bjoza erwähnt auch andere haarsträubende Demütigungen und Foltermethoden, deren Schilderung wir aber nicht allen Lesern zumuten können – Anm.d.Red.). Das Ziel war, dich als Person zu zerstören. Du solltest dich für dich selber schämen.

Rachegedanken sind Ihnen aber heute fremd.

Wir können vergeben, aber wir dürfen nicht vergessen. Deshalb haben wir gehofft, dass dem Kommunismus der Prozess gemacht wird. Die Wahrheit selber festzulegen ist nicht möglich, weil jeder von uns, auch unwillkürlich, subjektiv bleibt. Aber ein Prozess gegen den Kommunismus hätte so vieles aufzudecken gehabt!

Gegen das Vergessen wäre auch ein von Ihnen vorgeschlagenes Museum in Kronstadt gewesen!

Es gab Versprechungen. Auch ein Haus wurde uns angeboten – gegenüber dem Deutschen Forum. Aber nichts ist geschehen. Ich habe da, in unserem Sitz, das eine und andere gesammelt und zusammengestellt. Wir müssen uns selber helfen, denn jene, die uns wirklich helfen möchten, sind eine Minderheit in der jeweiligen Partei.

Was wäre heute noch wichtig und möglich, für die ehemaligen politischen Häftlinge zu unternehmen?

Das Gesetz 118/1990 sollte eine materielle Wiedergutmachung für uns sein. Festgelegt wurde eine Entschädigung, die heute 200 Lei pro Haftjahr oder Deportationsjahr beträgt. Übrigens ist das auch falsch gewesen, es hätte zwischen Haft und Deportierung unterschieden werden müssen. Wir hatten das Recht auf kostenlose Medikamente. Ich bin einer der wenigen, die gesund der Haft entkommen konnten. Nach 1990 hieß es: zu viele kostenlose Medikamente. Also wurde gekürzt. Nur drei pro Rezept, dann sollten es nur billigere Arzneimittel sein. Später wurden von unseren sowieso kleinen Renten (wir konnten ja nicht während unserer Berufslaufbahn promovieren) die Sozialabgaben abgezogen. Das ist der Dank des Vaterlandes für jene, die ihre Jugend, ihre Freiheit für ihr Volk geopfert haben. Eine Gratis-Kurkarte pro Jahr gibt es. Aber, was man nicht weiß, pro Karte gibt es 20 Antragsteller.

Dann haben wir uns auch ein Gesetz erhofft, das uns ermöglicht, den Staat anzuklagen, um Geldentschädigungen zu fordern für das, was wir verloren hatten: Freiheit, Eigentum, sogar das Leben für viele unter uns. Erst 2009 wurde für so ein Gesetz gestimmt. Als man sah, wie viele wir noch sind, geriet man in Panik und Premier Boc setzte einen Regierungserlass durch (Nr.62), der solche Forderungen auf den Höchstbetrag von 10.000 Euro begrenzte. Das Verfassungsgericht griff ein und erklärte, das Gesetz als verfassungswidrig, weil bereits das Gesetz 118 in Kraft sei. Aber dieses Gesetz ist eher eine Sozialhilfe, es sichert auf Lebenszeit die Existenz. Das heißt aber noch lange nicht, dass du zurück erhältst, was du damals für immer verloren hattest: das Haus, die Freiheit, die Gesundheit. Das verlangen wir von diesem Gesetz. Was hinterlassen wir unseren Kindern und Enkelkindern? Nur die Tränen und die Schmerzen der langen Wartejahre? Wir konnten uns ja nicht bereichern, wie die Securisten.

Es gab Fälle, wo die Häftlinge bei ihrer Haftbefreiung zu einer Mitarbeit mit der Securitate verpflichtet wurden. Wie beurteilen Sie solche Situationen?

Ich kenne solche Fälle auch aus meiner Arbeit als Laienforscher in den Archiven der Securitate. Es gab mehrere Arten von Spitzeln. Einige wussten gar nicht, dass sie Spitzel sind. Sie sprachen mit dem Securitate-Offizier, ohne zu wissen, dass dieser anschließend einen Bericht darüber verfasst, in dem es heißt: „Unsere Quelle berichtet, dass ...“ Sie hatten nichts unterschrieben und wussten nicht, worum es ging. Andere wiederum hatten Mitarbeitserklärungen unterschrieben, wurden aber schnell ausgemustert, als sich herausstellte, dass sie zum Beispiel gern tranken, oder weil sie als unsicher eingestuft wurden, oder weil sie nur Belangloses zu berichten wussten. Auch diesen kann man verzeihen. Dann wieder gibt es jene, die verprügelt und gefoltert wurden, oder hungern mussten, um solche Papiere zu unterzeichnen. Einige haben sich dennoch geweigert, Informationen zu liefern. Nicht alle konnten in demselben Maße Widerstand leisten. Wir selber können nicht über andere urteilen, weil wir ja nicht unsere eigenen Grenzen in solchen Ausnahmesituationen kennen. Wie hätten wir uns verhalten, wenn wir noch eine Stunde Schläge ertragen mussten? Oder wenn uns vielleicht nur angedeutet wurde: „Überlege es dir gut und denk auch an dein Kind!“? Es fällt mir jedoch schwer, jenen zu verzeihen, die nach 1975 ins Mitarbeiternetz der Securitate gelangt sind. Das war leider auch bei meinem ehemals besten Freund der Fall.

Sie arbeiten auch an einer Übersicht der ehemaligen politischen Häftlinge, die in Zeiden inhaftiert wurden. Worum handelt es sich dabei?

Wir, die politischen Häftlinge, arbeiten oft mit übertrieben hohen Zahlen, wenn es um uns geht. Von der Securitate kommen wiederum minimale Zahlen. Da versuche ich, ein möglichst wahres Bild zu liefern. So kam ich zu den Archiven der ehemaligen Gefängnisse vom Kronstädter Schlossberg und von Zeiden. Ich habe rund zwei Drittel dieser Arbeit hinter mir. Ungefähr acht politische Häftlinge kann ich in einer Stunde aus den Unterlagen identifizieren und in eine tabellarische Übersicht aufnehmen. So werde ich zu einigen Angaben über die Zahl der Häftlinge gelangen, die für dieses Gebiet aufschlussreich sein könnte.

Wie sehen Sie CNSAS, die Landesbehörde zum Studium des Securitate-Archivs?

CNSAS ist politisiert. Die Vorstandsmitglieder werden nach ihrer politischen Zugehörigkeit ernannt. Da sollten junge Forscher, unabhängig von ihrer politischen Überzeugung, Zugang haben. Und was inakzeptabel ist: AFDPR ist in diesem Rat nicht vertreten. Es heißt, wir dürfen dafür keine Entlohnung erhalten. Wir haben vorgeschlagen, ehrenamtlich dabei zu sein. Auch das ist nicht möglich. Genauso im Falle des Instituts für Erforschung der Verbrechen des Kommunismus (IICCMER). Ich unterstreiche: Es handelt sich um Vertreter, die allein AFDPR auf seinem Kongress bestimmt. Ansonsten habe ich sehr gute Beziehungen zu den Forschern und dem CNSAS-Vorstand. Aber ich sage es ihnen unverhohlen: „Hier geht es nicht um Politik. Hier handelt es sich um Geschichte, um Forschung.“

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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