Das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung in Heldsdorf (I)

Die Bevölkerung musste lange Zeit gegen eine massive Verschmutzung kämpfen

Sonntag, 07. April 2013

Wie aus der Geschichte der Gemeinde Heldsdorf ersichtlich, hat es auf der Gemarkung und auch auf dem Gebiet der heutigen bebauten Fläche viele Sümpfe gegeben. Diese Sümpfe wurden im Laufe der Zeit durch Entwässerung trockengelegt. Die oberen Schichten sind Ablagerungen auf dem ehemaligen Seegrund, der das Burzenland und auch ganz Siebenbürgen einmal war, bestehend aus Löss, Sand und Konglomeratschichten. Das Grundwasser ist oft schon bei 2 bis 3 m Tiefe anzutreffen, was zur Folge hat, dass es auch den äußeren Einflüssen leichter ausgesetzt ist. Die Wirkung der Natur als „bester Filter“ ist eingeschränkt.

Solange diese äußeren Einflüsse (chemische und bakterielle) nicht existierten, war das Grundwasser als Trinkwasser in Heldsdorf gut und jeder Hof hatte den eigenen Brunnen, manche auch mehrere. Wegen der Nähe des Grundwasserspiegels zur Erdoberfläche reichte meistens der Ziehbrunnen mit Holzeimer. Es gab aber auch Drehbrunnen (Kette oder Drahtseil wurde auf einer Welle auf- und abgespult) und Handpumpen.

Fast alle Lebensgemeinschaften trachteten darnach, dass ihre Siedlungsgebiete an einem fließenden Wasser gelegen sind, was eine Fülle von Vorteilen bietet. Dieses mag wohl auch die Überlegung unserer Vorfahren gewesen sein, von der Burzen einen Teil des Wassers in ein gegrabenes Flussbett zu leiten und Wolkendorf, Zeiden, Heldsdorf und Marienburg zu Anrainern des „Neugrabens“ (in Heldsdorf „Großbach“ genannt) zu machen. Kleinere Gewässer wie Krisbich, Kropich, Zoisbich und den Kleinbach (in den der Neugraben geleitet wurde) hatte ja Heldsdorf. Auch der etwas lehmige Hechtbach, der lange Zeit als das Naturbad der Heldsdörfer galt, kann eigennützigerweise noch dazu gezählt werden.

Die Burzen entspringt im kalksteinhaltigen Königstein und wird auf ihrem Weg von reinem zufließenden Quellwasser gespeist. Lange Zeit wurde der Neugraben zum Viehtränken, Wäschewaschen und wegen seines  bemerkenswerten Fischreichtums genutzt. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung änderte sich dieser Zustand. Im Folgenden sollen die Ursachen der Grundwasserverschmutzung kurz analysiert werden.
Der größte Grundwasserverschmutzer war lange Zeit eindeutig der Neugraben (Großbach).

In Zernen/Zărneşti wurde ein großes Werk für Zellulosegewinnung zur Papierherstellung aus Tannen- und Fichtenholz gebaut. Das Holz wird hier mit giftiger Sulfitlauge behandelt. Der wichtigste Begleitstoff der Zellulose im Holz ist Lignin, das sich mit dieser Säure verbindet. Diese Verbindung zusammen mit anderen Giftstoffen und Resten von Sulfitlauge wurden in barbarischer umweltverschmutzender Weise in das saubere Burzenwasser abgeleitet.
Der Neugraben trennt sich von der Burzen und durchfließt Wolkendorf und Zeiden, wo es die Farbstofffabrik „Colorom“ gab. Was vor dem 2. Weltkrieg eine kleine IG-Farben-Niederlassung  hauptsächlich für den Vertrieb war, wurde in der kommunistischen Zeit zu einem gigantischen Betrieb ausgebaut mit entsprechend erweiterter Produktpalette von Farbstoffen.

Zur Herstellung dieser Stoffe benötigt man Ausgangs- und Zwischenprodukte von hoher Giftigkeit. Viele dieser Chemikalien sind in hohem Maße krebserregend. Die in dieser Produktionsanlage anfallenden Abwässer mussten auf irgend eine Weise „aufbereitet“ werden. Die zusätzliche Wasserverschmutzung des Neugrabens war damit vorprogrammiert. Die Farbe des Wassers wechselte oft von schwarz in rötlich-braun bis hin zu dunkelrot, je nach den Nuancen der Farbstoffe, die gerade produziert wurden. Die intensive Schaumbildung war auch ein Indiz für die Verunreinigung des Wassers. Diese katastrophale Lage im Bereich der Umweltverschmutzung war den lokalen Behörden und vor allem den Fachleuten des Werkes sehr wohl bekannt. Für wirkungsvolle Aufbereitungsanlagen wären aber große Investitionen erforderlich gewesen. Wie so oft in kommunistisch regierten Staaten wurde auch hier eine „Vogel-Strauß-Politik“, der Vertuschung von unangenehmen Tatsachen auf Kosten der dadurch betroffenen Menschen betrieben.

Dr. Hans Rothbächer hatte aus dem Großbach Wasserproben nach Deutschland gebracht und an seiner Arbeitsstätte, einem mit modernsten elektronischen Geräten ausgerüstetem Chemielabor, untersucht. Durch verschiedene spektroskopische und chromatografische Verfahren konnte er eine Vielzahl von organischen Farbstoffkomponenten, aber auch sulfitische Verbindungen, entstanden beim Holzaufschluss, nachweisen. Besonders bedenklich waren vor allem die stark krebserregenden Stoffe wie Anilin, Naphthylamin, Benzidin und deren Verbindungen.

Am Neugraben auf Zeidner Hattert, ungefähr in Höhe der alten Mühle, wurde die Kläranlage der Stadt Zeiden gebaut und, wie im Sozialismus oft üblich, dass nicht alles auch funktioniert was gebaut wird,  gelangten sämtliche Abwässer aus Zeiden ungereinigt in den Neugraben, wobei Zeiden ein ganz beträchtliches Städtchen geworden war, mit ziemlich viel Industrie.

Es muss noch gesagt werden, dass der Neugraben lange Zeit auch als Müllabfuhr der Anliegerortschaften benützt wurde. Wenn man im Zentrum auf der Brücke stand und die schwarze, zähflüssige Brühe betrachtete – war es ein trostloser und trauriger Anblick. Von alten Sägemehlöfen, Glas, Papier, bis Plastikerzeugnissen jeder Art, gab es alles zu sehen. Nach der Überschwemmung von 1975 war vor der Schleuse hinter der Niedergasse ein ganzer Berg von Sperrmüll angesammelt. Danach wurde die Schleuse gänzlich zerstört. Ganz zu Recht schreibt Hermann Klein in einem seiner Gedichte: „Wo der Großbach durch das Dorf stinkt ....“

Die Konzentration von Chemikalien und Farbstoffen war so groß, dass der Alt ab Marienburg auch schwarz weiterfloss. Viele Brunnen in der Nähe des Neugrabens führten schon schwarzes Wasser seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts. In anderen wieder schmeckte es nur „nach Bach“ und trotzdem wurde das Wasser verwendet, weil man sich ja „daran gewöhnt hatte“.
Der Mensch hat seine natürlichen Abwehrkräfte, aber ganz ohne Folgen ist die Sache doch nicht. „Böse Zungen“ meinten, das Trinkwasser sei die Ursache so vieler Krebserkrankungen und Sterbefälle in Heldsdorf, vor allem bei der jüngeren Generation. Auch andere Krankheiten könnten dieselbe Ursache haben, eine wissenschaftliche Analyse hat es nie gegeben.

Die Zoisbich (Zeissbach) hat großen Einfluss auf Brunnen aus der westlichen Türkgasse, Rumänischen Kirchgasse und aus dem neuen Viertel, das hinter der rumänischen Schule entstanden ist. Nach dem Krieg führten sie nur bei starkem Regen und bei Schneeschmelze Wasser. Als in den frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Zeidner Weide als Schießplatz der in Kronstadt stationierten Schlachtflugzeugstaffel benutzt wurde, begann aus den Bombenlöchern wieder das Wasser zu rieseln.

Als dann noch das Flussbett gereinigt (neu gegraben) und noch andere Entwässerungskanäle gegraben wurden, entstand ein herrliches Bächlein, wo sich die Kinder sommers nur so tummelten. Auch viele Erwachsene gingen hin baden. Mit der Bebauung des Hundsberges bei Zeiden, war es mit der Herrlichkeit bald vorüber. Zuerst entstand eine Schweinemästerei, dann ein Geflügelkombinat und zuletzt ein Geflügelschlachthof. Die Abwasser wurden zwar in den Neugraben gepumpt, aber wenn Stromunterbrechung war, musste sie halt die Zoisbich schlucken. Das genügte, dass sie ständig eine schwarze, stinkende Brühe führte, die der des Neugrabens in nichts nachstand, vielleicht sich durch die chemische Zusammensetzung unterschied.

Die Krisbich war nach dem Krieg so gut wie ausgetrocknet. Im Jahre 1956 wurde das Flussbett gereinigt und die kalte Kropisch dazugeleitet, sodass die Krisbich wieder normal da war, wie ehedem. Das Geflügelkombinat wurde gebaut. Zunächst wurde der Mist trocken entfernt. Seit auf Batterien umgerüstet, wurde der Mist in zwei große Sammelbecken gespült und von hier mit Traktoren auf die Felder geschafft. Oft mangels Treibstoffen für die Traktoren musste halt die Krisbich die ganze Masse schlucken. Aus der Milchkühefarm, ein wenig mehr flussaufwärts, kam nochmals eine Ladung dazu. Der Mist lagerte sich an den Ufern ab, bis der Kanal ganz zu war.

Ungefähr zweimal pro Jahr musste das Flussbett ausgebaggert werden, der Mist aufs Ufer gelegt und dort liegengelassen, bis der Regen ihn zurückspülte.
Bei der Vergrößerung und Modernisierung der Schweinemästerei bei den Tannen (Zoiner Andreas) verlegte man gleich eine Leitung bis zum Neugraben. Mit zwei Mammut-Pumpen wurde von dort der ganze Mist in den nur wenig wasserführenden Unterkanal hinter das ehemalige Elektrizitätswerk gepumpt.

(Fortsetzung folgt)

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