„Das Halbe, Fragmentarische aber, ist eigentlich menschliches Gebiet“

Internationale Tagung der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft

Samstag, 07. Oktober 2017

Die 19. Internationale Tagung der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft in Kooperation mit den Universitäten Heidelberg und Mannheim fand in diesem Jahr in den schönen Räumlichkeiten der Heidelberger Akademie der Wissenschaften statt und trug den Titel „Hofmannsthals Komödie des Scheiterns“. Dieses Thema eröffnete eine Vielfalt von neuen, bereichernden Perspektiven im Hinblick auf die Interpretation des Hofmannsthalschen Werkes.

Prof. Dr. Barbara Beßlich (Heidelberg) und der Vorsitzende der Hugo-von-Hofmannsthal-Gesellschaft, Prof. Dr. Alexander Honold (Basel), erläuterten in ihren Begrüßungsworten, wie tief verankert der Begriff des Scheiterns im Oeuvre des österreichischen Schriftstellers ist. Gemeint sind die Projekt oder Fragment gebliebenen Werke, die poetisch-komödiantischen Szenarien des Scheiterns, die lebensweltlichen und kulturpolitischen Dimensionen des Scheiterns – so auch die Bezeichnungen der drei Tagungssektionen. Von den krisenhaften Etappen des Künstlertums ist in Hofmannsthals Aufzeichnungen und Briefen immer wieder die Rede.

Die diesjährigen Beiträge wurden wie immer von hochkarätigen Germanistinnen und Germanisten, von ausgewiesenen Hofmannsthalforschern sowie von erfahrenen Herausgebern der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe gehalten. Den Auftakt machte Prof. Dr. Mathias Mayer (Augsburg) mit einem Vortrag über die Komik des Scheiterns und verdeutlichte, dass das Scheitern bei Hofmannsthal eine nicht vermeidbare Existenzform ist und dass man in seinem Werk vom gelungenen Resultat eines Scheiterns sprechen kann. Prof. Dr. Juliane Vogel (Konstanz) veranschaulichte die Textdynamiken bei Hofmannsthal, indem sie auf die Einflüsse Goldonis und die Tradition der „commedia dell’arte“ sowie auf das soziale Einsetzen der komischen Ensembles einging. Auf die Fülle der Motive in „Silvia im Stern“ sowie auf die Bedeutung der antagonistisch konzipierten Figurengestaltung und der Darstellung von Schein und Wirklichkeit durch Sprache bezog sich in ihrem Vortrag PD Dr. Anna-Katharina Gisbertz (Mannheim).

Aus dem Beitrag von PD Dr. Friederike Reents (Heidelberg), die eine Interpretation der unvollendeten Sprechoperette „Das Hotel“ anvisierte, ging Hofmannsthals Interesse für das Atmosphärische und seine Nähe zur Neuen Sachlichkeit hervor. Prof. Dr. Inka Mülder-Bach (München) referierte über die Dynamiken des Scheiterns im „Andreas“-Roman, Prof. Dr. Barbara Beßlich über Traditionsverhalten und Gegenwartsbezug im politischen Lustspiel-Fragment „Timon der Redner“ und Prof. Dr. Stephan Kraft (Würzburg) über das Changieren der Dienerfigur in dem Stück „Der Unbestechliche“. Dem Vortrag von Prof. Dr. Gregor Streim (Jena) war das Verhältnis Hofmannsthals zur Berliner Dramatik im Gegensatz zur Theatertradition in Wien zu entnehmen, wobei die Frage, ob Hofmannsthals Scheitern im Burgtheater und in Berlin produktiv war, offen blieb. Prof. Dr. Jochen Hörisch (Mannheim) sprach über das ultimative Scheitern und die „ars moriendi“ bei Hofmannsthal und Dr. Shu Ching Ho (Neuss) rückte anhand der Dramen-Fragmente „Semiramis“ und „Die Kinder des Hauses“ die Frage des Scheiterns einer west-östlichen Synthesebildung in den Mittelpunkt ihrer Analyse.

In den vier Arbeitsgruppen, die in den Räumlichkeiten des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg tagten, wurden äußerst anregende Problemstellungen diskutiert. Dabei eruierte PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendick (Berlin) den Begriff des sozialen Dilettantismus, der aus der Dekadenzkritik des frühen Hofmannsthal in seine Begründung des Komischen eingeht. Prof. Dr. Cristina Fossaluzza (Venedig) arbeitete die intertextuellen und interkulturellen Bezüge in der Komödie „Cristinas Heimreise“ heraus und fokussierte auf die Rolle Venedigs in Hofmannsthals Werk. Dr. Katja Kaluga und Dr. Olivia Varwig (Frankfurt am Main) boten anhand des Lustspielfragments „Das Hotel“ Einblicke in Hofmannsthals Arbeitsprozess und einen Überblick über den Nachlass und die Arbeitsweise der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe sowie über die editorische Praxis. PD Dr. Doren Wohlleben (Heidelberg) richtete ihr Augenmerk auf Hermann Brochs Studie „Hofmannsthal und seine Zeit“ und auf dessen letztes Prosawerk „Die Schuldlosen“, um Kulturkritik und Absolut-Satire zu ergründen.

Ein besonderer fachlicher Gewinn für die Teilnehmenden an der Tagung war die Präsentation von Dissertationsprojekten zu Hofmannsthal. Diese stellten unter Beweis, dass die Hofmannsthal-Exegese lange nicht beendet ist und dass es junge Doktorandinnen und Doktoranden schaffen, die bis dato vorhandene ausführliche Bibliografie zu bewältigen und originelle Beiträge mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten zu leisten.

Der ehemalige Vorsitzende der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft, Prof. Dr. Heinz Rölleke, der in diesem Jahr in den Ehrenrat aufgenommen wurde, berichtete über den Stand der Kritischen Hugo von Hofmannsthal-Ausgabe. Die Idee einer kritischen Werkausgabe, die Hofmannsthals gesamten Werknachlass aufarbeiten sollte, wurde erstmals von Rudolf Borchardt am Nachmittag von Hofmannsthals Beerdigung geäußert. 1969 begannen die editorischen Arbeiten. Die ersten beiden Bände erschienen 1975. Seit 1989 leitet der Wuppertaler Germanist Heinz Rölleke die editorischen Arbeiten. In den Jahren 1969-2008 wurde die Ausgabe finanziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, inzwischen wird sie von der S. Fischer Stiftung (Berlin) unterstützt. 1971 bis 1974 finanzierte zudem der Schweizerische Nationalfonds eine Arbeitsstelle in Basel. Es liegen bereits 40 Bände vor. Dieses Jahr wird der 41. Band „Herausgeberschaft“ erscheinen, sodass nur noch der Band „Reden und Aufsätze 4“ fehlt. Am Ende wird die Ausgabe fast 30.000 Druckseiten mit Kommentaren aufweisen. Der Editionsplan umfasst 800 Werke und Werkpläne, die Gedichte nicht mitgerechnet. Die Digitalisierung der Ausgabe soll fortgesetzt werden. Deshalb sind Förderer der Edition weiterhin erwünscht.

Das Rahmenprogramm ist ebenfalls lobend zu erwähnen, denn die Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Axel Michaels (Heidelberg), Prof. Dr. Elsbeth Dangel-Pelloquin (Basel) und der Schriftstellerin Katharina Geiser (Zürich) über Heinrich Zimmer als Indologen, als Nachlassverwalter Hofmannsthals, als Familienvater sorgte für Spannung und Sensation. Unterhaltsam und angenehm belehrend war auch die szenische Lesung aus Hofmannsthalschen Werken im Heidelberger Theater, die den Titel „Menschliches Gebiet“ trug und von den talentierten Schauspielern Nicole Averkamp, Sheila Eckhardt, Steffen Gangloff und Olaf Weißenberg durchgeführt wurde.

Die Tagung endete mit einer Mitgliederversammlung, die Salzburg als nächsten Tagungsort ankündigte, und mit einer literarischen, von Hans-Martin Mumm geistreich gestalteten Stadtführung auf den Spuren von Hofmanns-thal und George.

Auch diesmal erwies sich die Tagung der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft als ein kompetentes, international wirksames Meinungs- und Austauschforum der Hofmannsthal-Forschung.

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