„Das ist das Geheimnis unseres Erfolgs: die junge Generation sich selbst sein zu lassen“

ADZ-Gespräch mit Michael Szellner, dem Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Arad

Mittwoch, 11. Januar 2017

Michael Szellner ist Physiklehrer am deutschen Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum und setzt sich seit vielen Jahren aktiv für die deutsche Gemeinschaft in Arad ein.
Foto: Zoltán Pázmány

Das Deutsche Forum in Arad legt viel Wert auf die junge Generation. Dies, weil sich das Team um Michael Szellner dessen bewusst ist, dass nur so das Fortbestehen der deutschen Organisation auf Langzeit gesichert werden kann. Immer wieder war das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Arad vor Herausforderungen gestanden: Weil die Jugend fehlte, wurden Lokalforen in Paulisch, Schimand, Lippa und Glogowatz geschlossen. Doch auch Positives konnte jüngst gemeldet werden. Vor zwei Jahren kamen ein paar Jugendliche aus Glogowatz zusammen, um – erneut – ein deutsches Forum zu gründen. Das Gleiche geschah in Hellburg/Şiria, wo es nie zuvor ein Lokalforum gegeben hatte. „Wir hoffen, dass 2017 auch das Forum in Lippa wiedergegründet wird“, sagt Michael Szellner zuversichtlich. Warum er so gern junge Menschen fördert, das erfahren Sie aus folgendem Interview, das Raluca Nelepcu mit Michael Szellner führte.

 

Die Jugend spielt eine wichtige Rolle in der Arader deutschen Gemeinschaft. Wie schaffen Sie es, die Jugend dafür zu begeistern, im Deutschen Forum aktiv zu sein?

Mit der Technik „Guttenbrunn“. Adam Müller-Guttenbrunn war ein uneheliches Kind und hat den Namen „Müller“ getragen und nicht „Lukhaup“. Er hat sich auch den Namen des Dorfes zugelegt, das eigentlich gegen ihn war. So irgendwie ist das auch bei uns gelaufen. Ich wollte gar nicht das Amt, es hat sich 1993 so ergeben, dass ich plötzlich vom einfachen Beisitzer, delegiert vom Forum, der Entscheidungsträger bei der Jugendorganisation geworden bin, die damals „Banat Junge Akademiker“ geheißen hat und auf Anregung der Deutschen Banater Jugend und des gleichnamigen Vereins in Deutschland entstanden war.

Damals war ich jung und sehr rebellisch und ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Jugendorganisation auf keinen Fall der Organisation der Erwachsenen untergeordnet wird, sondern ein eigenständiger Verein bleibt, der auf freiwilliger Kooperationsbasis mit dem Verein der Erwachsenen funktioniert. Inzwischen hat sich erwiesen, dass diese Zusammenarbeit die einzig richtige war, denn landesweit hat es immer wieder Änderungen der Leitungen der Jugendorganisationen gegeben, nach dem Prinzip der Machtworte der Älteren, die unbedingt die Jugendlichen zwingen wollten, etwas zu tun, was sie selbst bis dahin nicht erreicht hatten.

Das ist das Geheimnis unseres Erfolgs: Die junge Generation sich selbst sein zu lassen. Ich bin in das Erwachsenenforum aufgerückt und viele der ehemals rebellischen Jugendlichen sind auch aufgerückt, weil sie freiwillig die Verantwortung übernommen haben, weil sie erwachsen geworden sind. Das funktioniert dann so: Zu Jahresbeginn veranstalten wir das Seminar „Hilf dir selbst“. Bei diesem Seminar gibt es lockere und formelle Gespräche zwischen der Exekutive des Forums und der Jugendorganisation „Banat-JA“, wo wir sagen, was wir machen wollen und wie. Wir bitten die Jugendlichen mitzumachen. Jeder weiß inzwischen, was erwartet wird und was zu tun ist. Außerdem gehen wir auch auf die Wünsche der Jugendlichen ein, insofern das machbar ist. Das läuft wirklich wie in einer Familie. Auch wenn sie nicht „Jugendforum“ heißen, sind die Jugendlichen vom Verein „Banat-JA“ de facto das Jugendforum, aber sie haben eben die Freiheit, selbstständig zu sein. Darum kommen sie auch gerne zu uns.
 

Was lernen die Jugendlichen, die da engagiert sind?

Sie haben beim Forum Bedingungen, die sie als Jugendliche selbst nicht tragen könnten. Sie haben Zugang zu einem Raum, wo sie Zeit miteinander verbringen können, sie beteiligen sich an den Betriebskosten und lernen dabei zu verstehen, dass das Leben auch etwas kostet. Sie lernen, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen, und wachsen langsam in das Leben der Gemeinschaft hinein.
 

In einer Familie lernt man vieles voneinander. Was können denn die Erwachsenen von den Jugendlichen lernen?

Anpassungsfähigkeit. Wir haben in sehr vielen Situationen feststellen müssen, dass wir festgefahren waren, einfach mit der Überzeugung, die Tradition muss so bleiben. Aber das hat zu nichts Gutem geführt. Also haben wir Elemente der Tradition aufgegeben, die uns geschadet haben, und haben neue Sachen übernommen. Ein klassisches Beispiel: Vor ungefähr 15 Jahren hat es immer geheißen: „Die Kerwei ist eine traditionelle schwowische Angelegenheit. Da haben die Rumänen nichts zu suchen. Die dürfen nur zuschauen“. Das war auch die Haltung des Kirchenrates. Sie hatten aber nicht beachtet, dass damals viele deutschen Familien ausgewandert sind und es gab ein Populationsloch in der Statistik – es fehlte genau die Generation der Jugendlichen, die damals die Trachten hätte anziehen und das Fest weiterführen sollen.

Im Jahr 2000 hatten wir eine sehr, sehr heftige Debatte im Kirchenrat – es hat nur gedonnert – und am Ende hat der Kirchenrat eingewilligt, dass wir – als Gäste – auch Andersnationalen die Teilnahme an der Kirchweih gewähren. Damals machte der sehr junge Vorsitzende der Bulgarenorganisation, Boris Augustinov, zum ersten Mal mit, es war auch das erste Jahr, wo der Journalist Adrian Ardelean akzeptiert wurde, auch dass er eine schwowische Tracht anzieht und mittanzt. Es hat ja niemandem geschadet, wenn unsere Gäste für einen Tag Deutsche waren. Die Leute haben dann begriffen, dass Jugendliche, wenn sie mitmachen wollen, aufgenommen und in die deutsche Gemeinschaft integriert werden müssen. Bei der letzten Kirchweih machten 42 Trachtenpaare mit, weil wir nicht mehr Kleider hatten. Aber Willige waren viel mehr da. Verstehen Sie, was ich mit Anpassungsfähigkeit meine? Unsere kleine Gemeinschaft muss ja irgendwie überleben.
 

Wie viele Mitglieder zählt das Deutsche Forum zurzeit?

Gleich nach der Wende, als noch mehrere Deutsche in der Stadt gewohnt haben, hatten wir das Maximum an eingeschriebenen Mitgliedern: 4500. Jetzt haben wir knapp über 200 zahlende Mitglieder – das sind Leute mittleren Alters, die eine Berufstätigkeit ausüben und auch ihren Beitrag zahlen. Eigentlich sind es nochmal um die 270-300 Mitglieder, die über 75 sind und des Beitrags enthoben sind, weil das in der ursprünglichen Satzung so festgehalten war.

Es kommen ständig Kinder und Jugendliche hinzu und wir hoffen, dass man mit der Zeit dieses Populationsloch nach und nach auffüllt. Wir werden wahrscheinlich nie wieder zu den Zahlen von früher kommen, aber wir wollen eine gewisse Stabilität erreichen.
 

Welche Rolle spielt die deutsche Gemeinschaft im Leben der Stadt Arad?

Wir machen jetzt weniger als 2 Prozent der Bevölkerung der Stadt Arad aus – es leben fast 2000 Deutsche in der Stadt, die sich zum Deutschtum bekannt haben. In den Industriezonen, in den dort angesiedelten Unternehmen, ist das mittlere Management von Leuten besetzt, die Deutsch als Muttersprache sprechen oder die Absolventen unserer Schule sind. Und das heißt schon was. Wir sind froh und stolz, dass es diese Leute gibt.
 

Was ist charakteristisch für die Arader Deutschen?

Charakteristisch für sie ist, dass sie keine geschlossene Gemeinschaft sind und nie eine gewesen waren. In der sogenannten „Sammelstelle“ der Deutschen, das ist die ehemalige Gemeinde Neuarad, heute ein Stadtteil von Arad, leben Leute, die vor fast 300 Jahren aus dem Raum Nürnberg hierher gezogen sind – sie sprechen einen fränkischen Dialekt und waren eine geschlossene Gemeinschaft. Vor den Neuaradern sind die Städtler hierher gezogen, das war vor der Beendung des Türkenkriegs – die sogenannten „Altstädtler“, die völlig in die Mehrheitsbevölkerung eingegangen sind. Dann gibt es noch eine dritte Kategorie: Das sind die Hinzugezogenen, die in den Dörfern vom Boden enteignet wurden, die ehemaligen Bauern. Durch die Zwangsindustrialisierung sind sie in die Stadt gezogen und sind die neuen Blockbewohner. Das ist vor 40 Jahren geschehen. Diese drei Arten von Deutschen in der Stadt sind nie wirklich ganz zusammengewachsen. Wenn wir unsere Kulturprogramme durchführen, dann tragen wir dieser Situation Rechnung. Wir haben zwei, drei traditionelle Volksfeste, bei denen die Neuarader angesprochen werden. Dann gibt es kleinere Veranstaltungen, mindestens eine größere jeden Monat, wo vor allem die Städtler hinkommen, und dann gibt es Veranstaltungen, wo sich alle zeigen und wo es Interaktionen zwischen den drei Kategorien gibt. Es ist eine schwierige Lage, aber wir machen, seit es uns als Forum gibt, das Beste daraus.

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