Das kleine Meer bei Hermannstadt

Das siebenbürgische Salzburg – ein in Vergessenheit geratener Kurort

Freitag, 05. August 2011

So sieht es am Tököly/Brâncoveanu-See nach den Sanierungsarbeiten aus.

Blick auf das Strandbad mit neuem Betonklotz, in dem es ein Hallenbad gibt. Im Hintergrund die alt-neue Kuranlage.

Dieses schmucke Becken mit warmem Salzwasser befindet sich im Betonklotz.

Hinweisschilder geben im Strand Auskunft über die Beschaffenheit des Wassers und zeigen anhand historischer Fotos, wie die Anlage einst ausgesehen hat.
Fotos: Hannelore Baier

Sagt man in Hermannstadt/Sibiu, ich fahre nach Salzburg, ist für Einheimische klar, dass der Badeort in 12 oder 16 Kilometer Entfernung (je nachdem ob die Bahn oder das Auto als Verkehrsmittel genutzt wird) gemeint ist und nicht die weitaus berühmtere Stadt in Österreich. Anders als die Mozartstadt wird das siebenbürgische Salzburg/Ocna Sibiului entweder geschätzt oder verschmäht.

Es gibt Leute, die auf die Heilkraft der salzigen Brühe schwören und andere, die sich davor hüten, den dicken Zeh in die dunkle Flüssigkeit zu tauchen. Die Salzburg-Liebhaber wiederum teilen sich in solche, die die „Seen“ bevorzugen und andere, die lieber ins Strandbad gehen. In beiden Fällen handelt es sich um Seen, bloß sind jene im Strandbad etwas weniger salzig und die Anlage ist auch nach der umfassenden Sanierung badefreundlicher. 

Natürliche Salzstöcke

Wie zu vermuten, verdankt der Ort seinen Namen dem großen Salzvorkommen, dem größten in Südsiebenbürgen. Gefördert wurde es seit vorgeschichtlicher Zeit bis 1931, als das letzte Salzbergwerk geschlossen wurde. In den nach und nach aufgelassenen Gruben bildeten sich die Seen. Aus der Franzengrube zum Beispiel, aus der bis ins Jahr 1775 Salz gefördert wurde, entstand der „Bodenlose See“.

Forschungen zufolge formierten sich einige Seen durch Auswaschung des Gesteins und Wasserinfiltrationen. Einem Reiseführer aus dem Jahr 1983 zufolge gibt es insgesamt 52 Seen mit einer gesamten Wasserfläche von 35.741 Quadratmetern. Da wurden die Tümpel, die selbstverständlich ebenfalls Salzwasser enthalten, offensichtlich mitgezählt. Gebadet wird heute in rund 15 der kleineren und größeren Seen.

Die therapeutische Wirkung des Salzwassers, des Schlamms und der salzigen Luft kannte man seit Jahrhunderten, genutzt werden die Heilkräfte in der Kuranlage seit dem 2. September 1846, so die Tafel im Kurort. Warmbäder wurden 1858 eröffnet. Seit 1885 hat Bad Salzburg – es gibt auch Salzburg Stadt, bei den Einheimischen heute „Ocna cuţite“ genannt, nach der einstigen Messer- und Stahlwarenfabrik Simon Redtenbacher – einen eigenen Bahnhof, dessen einst schmuckes Aussehen das heute verwahrloste Gebäude und der noch verrottetere Park jenseits der Schiene nur noch andeuten.

Der seinerzeit moderne Kurkomplex wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Das wunderschöne, von Wiener Architekten erbaute stöckige Gebäude im Jugendstil gab man nach der Wende – wie viele ähnliche Anlagen – dem Verfall preis. Nach der Verstaatlichung von 1948 hatte es in Salzburg während des ganzen Jahres Kurbetrieb gegeben, der 1997 völlig eingestellt wurde.

Mit verminderter Kapazität 2002 wieder aufgenommen ist die gesamte, nach alten Bauplänen neuerrichtete Kuranlage, seit 2006 erneut in Betrieb. Ihr gehört das 4-Sterne-Hotel „Helios“ mit 52 Zimmern (und Hallenbad) sowie das 3-Sterne-Hotel „Salinas“ mit 23 Zimmern, Restaurants und ein Konferenzzentrum an. Den Kurgästen stehen außer einem kleinen Hallenbad mit salzig-schwefligem Wasser und einem Freibad (mit Süßwasser), ein Fitnessraum, ein Feldtennisplatz und Tischtennisplatten, Sauna, Whirlpool, ein türkisches Bad und Massageangebote zur Verfügung, sowie vom Arzt verschriebene Packungen und Therapien.

In den vergangenen Jahren sind ausserdem zahlreiche schickere oder bescheidenere Pensionen entstanden, Zimmer vermieten aber auch die Ortsbewohner. Der Campingplatz neben dem Bahnhof ist heuer unbewohnt, dafür wird gegenüber am Berghang (wild) gecampt. Neue Camping-Häuschen gibt es an den Seen, aber auch an anderer Stelle im Ort. Gottseidank haben die Kitsch-Verkäufer den Kurort noch nicht entdeckt – hoffentlich bleibt es dabei! Das Notwendige ist in kleinen Läden und einem kürzlich eröffneten größeren Geschäft gegenüber dem „Strand“ erhältlich.

Das Hermannstädter Meer

Dank Salzburg brauchen die Hermannstädter kein Meer. Die absoluten Fans sind vor 8 Uhr früh bereits an den Seen, um die salzige Morgenluft und die verträgliche Sonne zu genießen. Die brennt an den Seen an warmen Tagen ärger als am Meeresstrand, weil keine Brise und keine Schattenspender in den Mulden vorhanden sind. Bei der Sanierung wurden nun Sandflächen und Areale mit Stühlen und Schirmen eingerichtet, aber nur für wenige Badegäste.

Leider sind die Arbeiten (aus EU-Fonds) nur halbherzig durchgeführt worden: wenige Tage nach der feierlichen Eröffnung im Beisein von Tourismus-Ministerin Elena Udrea fehlten bereits die ersten Duschköpfe, die Treppen führen nur bis an die Seeoberfläche, wobei das Gleiten ins Wasser weniger schwierig ist, als das Rauskommen.

Allerdings sind die Holztreppen breit und stabil, denn die bisherigen Hühnerleitern waren stellenweise recht gefährlich. Dass das Urwüchsige im Wettkampf mit der sogenannten Zivilisation meist den Kürzeren zieht, ist längst bekannt, und das ist auch am Tököly/Brâncoveanu-See geschehen, der nun terrassierte Ufer hat, das Umfeld anderer Seen blieb jedoch in bisherigem Zustand erhalten. Neben beschirmten Terassen wurden Lauben aus Holz aufgestellt, wohin man sich vor der prallen Sonne – oder dem Regen – retten kann. Baden ist auch an wenig sonnigen Tagen möglich, denn das Wasser ist warm.

Jedermanns Sache ist es sicher nicht, sich in dem bis 20 Meter tiefen Tököly-See mit einem Salzgehalt von 310 Gramm pro Liter zu suhlen. Schwimmen kann man dort nicht: Der Auftrieb ist so groß, dass Neulinge sofort auf den Rücken gekippt werden. Weniger gesalzen ist der Schwalben/Rândunica-See mit 197 g/l, und dennoch kann an der Wasseroberfläche nur rumgehangen werden.

Nach dem Rauskommen ist die Haut bald weißgescheckt vom angetrockneten Salz. Manche schmieren noch Schlamm drauf, der besonders heilsame Kräfte entfalten soll. In einem der Seen ist das Wasser extrem schlammig – und wirksam bei rheumatischen Erkrankungen.

Schwimmen im Strandbad und Hallenbad

Wer schwimmen möchte, geht ins Strandbad. Gebaut ist es um die drei heutigen Seen Horia, Cloşca und Crişan mit einem Salzgehalt unter 100 g/l. Der Eintrittspreis liegt mit 15 Lei um 3 Lei höher als bei den Seen, dafür gibt es Warmwasser zum Duschen und mehr Liegen rund um die mit Holzdielen eingefassten Seen. Liegen kann man aber auch auf den gepflegten Grasflächen, wo es schattiger ist als unter den wenigen Schirmen.

Viele Hermannstädter fahren an heißen Sommertagen zu einem Abendbad nach Salzburg. Selbst per Zug ist das möglich: Der fährt um 17.23 Uhr aus Hermannstadt ab, um 18 Uhr ist man im Wasser, um 20.50 Uhr gibt es den Rückzug, 21.30 Uhr kann man erfrischt zu Hause sein.

In den vergangenen Jahren hat der Strandbetreiber einen Betonklotz errichtet, in dem es ein Hallenbad mit Salzwasser, Sauna, Whirlpool sowie Becken für Kalt-Heiß-Wechselbäder gibt. Wer das Baden im Salzwasser im Winter nicht missen möchte, kann das hier tun. Nicht zu empfehlen ist der Besuch im Hallenbad allerdings für Personen mit Kreislaufproblemen: Der Organismus muss sich oftmals von  -10 Grad auf + 33 Grad salzige Feuchte umstellen.

Der Eintritt kostet pro Tag 50 Lei, man kann jedoch ein Abo für 400 Lei kaufen, das für 12 Eintritte gültig ist. Ideal ist diese Möglichkeit im Frühjahr und Spätherbst, wenn das Schwimmen in den Seen des Strandes zur Abkühlung nach der Sauna genutzt werden kann.

Badevergnügen im Freien von März bis November

Da Salzburg insgesamt in einer windgeschützten Talmulde liegt, ist Sonnenbaden von Ende März bis November möglich, wenn man sonnige Tage erwischt. Ein eigenartiges Vergnügen ist das Baden in den Salzseen im Frühjahr, oftmals aber auch im Herbst, dank eines für Salzseen charakteristischen Phänomens, der Heliothermie: Die Wärmeenergie der Sonnenstrahlen wird von den Salzpartikeln gespeichert, und weil die weniger salzige Oberflächenschicht ein schlechter Leiter ist, nicht wieder an die Atmosphäre abgegeben.

Je höher die Salzkonzentration und je tiefer der See, desto wärmer ist das Wasser. In zwei Metern Tiefe können über 45 Grad Celsius erreicht werden. So erklärt sich, wieso das Baden nach einigen sonnig-warmen Tagen im Freien möglich ist.

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