Das Kulturerbe wird bewahrt

Notizen von der Festveranstaltung der „Begegnung auf dem Huetplatz“

Donnerstag, 17. Mai 2012

Winfried Ziegler

Sigrid Haldenwang

Frank Thomas Ziegler

Prof. Dr. Zeno Pinter
Fotos: Hannelore Baier

Hermannstadt – Kulturerbe bewahren. Die abgedroschene Formulierung als Motto für die  Festveranstaltung im Rahmen der zehnten „Begegnung auf dem Huetplatz“ klang wenig Neugierde weckend. Möglicherweise war das auch der Grund dafür, dass ihr nur rund hundert Teilnehmer beiwohnten. Die vier Kurzvorträge beinhalteten jedoch zahlreiche hochinteressante Neuigkeiten und Aussagen aus sozusagen allen wichtigen Bereichen der Sachsengeschichte auf siebenbürgischem Boden und wurden kompetent sowie ansprechend von Kennern des jeweiligen Metiers vorgetragen.

Einen Auftakt zur Veranstaltung stellte die Vorstellung des Buches „An den Toren der Welt“ des emeritierten evangelischen Bischofs D. Dr. Christoph Klein dar, das heute nochmals in feierlichem Rahmen im Festsaal des Bischofshauses präsentiert wird.

Unter „Welt“ verstehe Bischof Dr. Klein die Kulturgesellschaft und Kultur im weitesten Sinn als zivilisatorische Werte, sagte der vormalige Bischofsvikar Dr. Hans Klein. Als Vorsitzender des Ortsforums Hermannstadt moderierte er den ersten Teil des Vortragsnachmittages, in dem zunächst Winfried Ziegler, von der Ausbildung her Historiker, den Namensgeber des Treffens, genauer gesagt des Platzes, der dem Treffen der Hermannstädter den Namen verliehen hat, vorstellte: den Sachsengrafen Albert Huet. Ein Anlass zur Themenwahl war, dass sich sein Geburtstag heuer zum 475. Mal jährt.

Die Würdigung Huets erfolgte im historiografischen sowie sozialpolitischen Kontext, wobei Ziegler selbstverständlich auf die berühmte Rede vor dem siebenbürgischen Landtag in Weißenburg (heute Alba Iulia) von 1591 einging. In ihr habe Huet nicht nur die Rechte der Sachsen verteidigt, sondern gleichzeitig auch als Vertreter eines bürgerlichen Standes dessen Bedeutung für die Gesellschaft im Gegensatz zum parasitären Leben des Adels hervorgehoben, so der Redner. Für die Freiheit der Sachsen hat Huet aber auch mit der Waffe gekämpft im siebenbürgischen Heer, das 1595 in den Krieg gegen die Türken zog. Desgleichen erkannte der Sachsencomes die Bedeutung des Schulwesens und ließ nach Honterus’ Vorbild das Hermannstädter Gymnasium neu einrichten, holte Lehrer aus dem Deutschen Reich und legte den  Grundstein für eine umfangreiche Büchersammlung, die zunächst Schulbibliothek und nun ein wichtiger Bestand der Bibliothek im Brukenthalmuseum ist.

Mehrere Schätze der Brukenthalsammlungen präsentierte Frank Thomas Ziegler, der Kustos der evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt hierfür, in seinem von einer PowerPointPräsentation begleiteten Vortrag.

Zunächst ging er auf die im Dezember 2006 dem Brukenthalmuseum rückerstatteten wertvollen Gemälde ein und zeigte die „Bilder, die Sie alle lieben“ (so Frank Ziegler ans Publikum) von Hans Memling oder Pieter Brueghel d. J. Von den „in der ganzen Welt bekannten Meisterwerken“ widmete er Jan van Eycks „Mann mit der blauen Sendelbinde“ besondere Aufmerksamkeit. Faszinierend aber sind „banale“ Neuentdeckungen, die während der Inventarisierung (im Zuge der Rückerstattung der Brukenthal’schen Sammlungen an die evangelische Kirche) aus der Vergessenheit zutage gefördert wurden. Heute ein Kuriosum sind „Kapselporträts“, d. h. in Döschen eingesetzte kleine Gemälde von Personen.

Schmunzeln mag man desgleichen über die Tanzordnungen, die Handbüchlein, die Damen bei Bällen erhielten und in die sich die Partner für die verschiedenen Tänze eintrugen. Als sein liebstes Stück zeigte Frank Thomas Ziegler eine Tanzordnung in Form einer Europakarte vom Tanzfest, das als Kreuzfahrt am 1. Februar 1890 gestaltet worden war. Dabei wurde in Hermannstadt mit einem Walzer begonnen, mit Polkas, Quadrillen usw. wurde durch Europas Städte getanzt und nach der Polka in Polen auf dem Ostsee-Zibinskanal nach Hause gekommen.

Dass die Bauvorhaben der Gegenwart – in Hermannstadt war es u. a. die Sanierung der Hauptplätze in der Vorbereitung für das Kulturhauptstadtjahr und nun die Autobahn – auch auf die Geschichtsforschung Einfluss haben, machte der Vortrag von Prof. Dr. Zeno Karl Pinter deutlich. Dank dieser Bauvorhaben wurden in den letzten 10-12 Jahren mehr archäologische Forschungen durchgeführt als in der gesamten Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, so Pinter. Manche der Funde bringen neue Erkenntnisse, andere Ergänzungen zum vorhandenen Wissen und wieder andere Informationen über inzwischen verschwundene Siedlungen oder Baudenkmäler.

Zu letztgenannter Kategorie gehören die Fundamente einer kleinen Adelskapelle, vermutlich des legendären Hermann, zu der am Kleinen Ring die Spuren des Erdwalls mit Palisaden der ehemaligen Ritterburg gefunden wurden, in deren Mitte die Kapelle stand. Dass die siebenbürgischen Fluren noch viel aus der Vergangenheit zu bieten haben, ist entlang der im Entstehen begriffenen Autobahn Hermannstadt – Arad festzustellen, wo derzeit fünf Archäologenteams 20 ehemalige Siedlungen freilegen – und von den Autobahnbauern gern für die Verspätungen verantwortlich gemacht werden...

Eine andere Art Spaziergang, und zwar durch den Wortschatz, ermöglichte anhand des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuches die Sprachforscherin Dr. Sigrid Haldenwang. Geschlendert wurde anhand aufschlussreicher Beispiele durch das rheinische Wortgut, das moselfränkische, in dem altromanisches Wortgut erhalten geblieben und von den Siedlern nach Siebenbürgen mitgebracht worden ist.

Von den Wortwendungen aus dem oberdeutschen Wortgut ging es zu den Entlehnungen aus dem Ungarischen und Rumänischen weiter. Das Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch ist ein Nachschlagwerk für die allgemeine deutsche Sprachgeschichte und Mundartforschung, für die Siedlungsgeschichte, für Studien zum Sprachausgleich, zum Wesen der Sprachkontakte, Interferenzen mit Nachbarsprachen, für volkskundliche Untersuchungen und anderes mehr, schlussfolgerte Dr. Haldenwang. Vor allem aber dokumentiert es die im Untergang begriffenen rund 240 siebenbürgisch-sächsischen Mundarten und implizite das im Sprachgut widerspiegelte Volksleben der Siebenbürger Sachsen.

Das Kulturerbe wird bewahrt.

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