Das Leben neu gestalten

Stefana Popa hat ein erfolgreiches Programm für Karriere-Wiederbelebung gegründet

Montag, 06. Juni 2016

Nach ihrem Theaterstudium hat Stefana Popa im Bereich der Karriereberatung gearbeitet.

Das Maskottchen von „Rahat bici“

„Jeden Sonntagabend begann ich mich plötzlich schlecht zu fühlen. Es vergingen mehrere Wochen, bis ich den Grund erkannte: ich musste am nächsten Tag ins Büro. Es gab viele Vormittage, an denen ich nicht aus dem Bett steigen wollte, so sehr hasste ich meinen Job. Trotzdem kündigte ich nicht, weil es ein gut bezahlter Arbeitsplatz war. Jeden Montag sagte ich zu mir: nur noch ein wenig durchhalten, dann ist Freitag. Ich lebte fürs Wochenende. Und für den Gehaltstag“.

Diese Geschichte kennt sicher jeder, der wenigstens ein paar Jahre im Arbeitsfeld verbracht hat. Und sicher auch die nächste: „Als Schülerin habe ich immer gerne Aufsätze geschrieben. Trotzdem habe ich Wirtschaft studiert. Meine Eltern meinten, dieses Studium würde mir später einen gut bezahlten Job ermöglichen. Dann hatte ich jahrelang einen langweiligen Bürojob. Oft vergingen Stunden, in denen ich nichts tat. Ich habe nur im Internet herumgesurft und nach Reisezielen gesucht. Denn Reisen war schon immer meine große Leidenschaft. Dann bekam ich ein Kind und war zwei Jahre lang im Mutterschaftsurlaub. Jeden Tag in diesen zwei Jahren habe ich zu mir gesagt: Ich werde nicht zurück ins Büro gehen. Ich werde etwas machen, was mir gefällt. Ich werde einen Reiseblog gründen. Dort werde ich meine beiden Hobbys, Schreiben und Reisen, vereinen. Dann vergingen die zwei Jahre. Ich musste in den Job zurück. Der Mut, einen Blog zu gründen, fehlte mir einfach“.

Viele Leute mit ähnlichen Geschichten sind im Internet auf die Kurse des Programmes für Karriere-Wiederbelebung „Rahat Bici“ gestoßen, die periodisch in Bukarest stattfinden. Sie haben an wöchentlichen Treffen teilgenommen und aus ihren vielen Ideen wurden Pläne. Dann wurde aus den Plänen Wirklichkeit.  „A face din rahat bici“ ist eine rumänische Redewendung und bedeutet soviel wie „Das Unmögliche möglich machen“. Das Programm, das von der Bukaresterin Stefana Popa ins Leben gerufen wurde, funktioniert wie Magie. Hier entdeckt man seine „Superstärken“ und verwandelt sich aus einer unglücklichen Büromaus in einen strahlenden Unternehmer. Der Weg, den man zurücklegen muss, ist kein einfacher. „Das ist aber auch das Schöne am Programm“, meint Stefana. 

Vom Theater zur Karriereberatung

Sie wollte schon immer „etwas Wichtiges“ machen.  Zuerst träumte sie davon, die Welt durch Theater zu verändern. Nach sechs Jahren Theaterstudium in Paris und Bukarest wurde ihr klar, dass dieser Traum nicht in Erfüllung gehen kann. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt.  „Der Aufwand ist viel zu groß und die Auswirkung auf die Gesellschaft viel zu klein“, meint Stefana. Sie begann eine Laufbahn im Bereich des sozialen Unternehmertums und der Karriereberatung. „Theater und Karriereberatung haben etwas gemeinsam: mit viel Phantasie bringen sie eine positive Veränderung in die Welt. Mein Ziel war nicht, im Gebiet der Karriereberatung zu arbeiten, sondern eine eigene kleine Welt zu schaffen, die von anderen Regeln und Werten regiert wird. So entstand incubator 107, der Ort, wo jeder jeden etwas lehrt“.
 „Incubator 107“ (auf Deutsch: Brutkasten 107) ist ein Zentrum für alternative Erziehung. Hier werden seit 2011 Workshops mit soziokultureller Thematik organisiert.

Tausende von Menschen, die voneinander lernen  und ihre Kenntnisse weitergeben wollten, haben bis heute an diesen Seminaren teilgenommen. Bei „Incubator“ kann man alles Mögliche lernen: von Yachting, Jonglieren und Theater spielen über Massage, Make-Up und Numerologie bis hin zu Gitarrenspielen, Fotografieren oder Spielzeuge basteln. Das Projekt hat sich inzwischen erfolgreich in Kronstadt/Braşov, Klausenburg/Cluj-Napoca, Großwardein/Oradea, Hermannstadt/Sibiu und Temeswar/Timişoara ausgebreitet. Die Mitglieder sind wie eine große Familie. „Manche haben gesagt, was bei Incubator geschieht, sei soziales Unternehmertum. Andere haben gesagt, es wäre eine kreative Gesellschaft. Diese kleine Welt hat in etwas mehr als vier Jahren enorm viel geschafft“. Viele Leute haben hier Talente entdeckt, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie haben. Andere haben ihr Wissen weitergegeben und Freundschaften fürs Leben geschlossen.

Einen Weg finden

Nach vier Jahren Projektleitung bei „incubator“ hat Stefana gefühlt, dass sie eine noch größere Veränderung ins Leben der Menschen bringen kann. „Bei incubator ging es um unsere Ideen und Leidenschaften und um den Wunsch, unser Wissen über verschiedene Hobbys auch an andere weiterzugeben. Ich hatte inzwischen bemerkt, dass Karriereberatung mehr Klarheit, Entschlossenheit und Qualität ins Leben bringen kann. Bei incubator hatte ich Leute kennengelernt, die zwar von ihrem Hobby sehr begeistert waren, aber im Alltag sehr frustriert. Obwohl sie ihr Hobby liebten, fehlte ihnen der Mut, ihren gut bezahlten aber langweiligen Job zu kündigen. Stefana hat das Projekt „Kündige!“ im Rahmen von incubator 107 gestartet. „Die Leute, die sich ins Programm einschreiben, wollen bessere Menschen sein. Sie wollen ihr Leben neu gestalten. Es sind Leute, die für sich selbst arbeiten wollen, nicht für irgendeinen Chef. Es kommen Leute, die fest daran glauben, dass das Arbeitsleben auch Spaß machen kann. Und dass der Job viel mehr ist als nur eine Geldquelle. Viele kennen den Weg zu diesen Zielen aber noch nicht. Ich helfe ihnen dabei, ihn zu finden“, beschreibt Stefana das Programm.

Hausaufgaben und Detektivarbeit

Das Programm „Rahat bici“ besteht aus acht Gruppentreffen (je ein dreistündiges Treffen pro Woche) und acht individuellen Treffen (eins pro Woche). „In der Gruppe treffen sich etwa zehn Leute, es gibt Präsentationen, Gruppenübungen, Diskussionen und individuelle Arbeit. Bei den individuellen Treffen berate ich jeden Teilnehmer. Wir sprechen über die Schritte, die er unternehmen muss, um ans gewünschte Ziel zu gelangen. Dabei wende ich neurolinguistische Programmierung (NLP) an. Die Treffen sind an jede Person angepasst. Als erstes muss sich jeder seiner bisherigen Arbeitsgeschichte bewusst werden, seiner Begabungen, aber auch der Regeln, die er sich selbst aufgezwungen hat. Dann planen wir die Ziele und anschließend arbeiten wir daran, die Begabungen zu entwickeln, die uns dabei helfen, das Ziel zu erreichen“. Wie in der Schule bekommen die Teilnehmer Hausaufgaben, damit sie ihren „Transformationsprozess“ nicht nur Stefana überlassen, sondern auch alleine daran arbeiten. „Jeder muss 50 Lei als Pfand abgeben. Eine Woche später, beim nächsten Treffen, macht jeder Teilnehmer eine Selbsteinschätzung und beschließt alleine, ob er es verdient, das Pfand zurückzubekommen“. Zu den Gruppentreffen werden oft Experten eingeladen, die jederzeit für Fragen verfügbar sind. „Die Teilnehmer am Programm sind wie Detektive, die Beweise und Indizien über ihr eigenes Potenzial sammeln. Dann sind sie wie Alchimisten, die alles kombinieren, was sie gelernt haben, und daraus ihr Leben neu gestalten“, meint Stefana.

Die Angst vor dem Unbekannten

Ihrer Meinung nach ist die Zeit, die man an einem unpassenden Arbeitsplatz verbringt, keine verlorene Zeit. Man müsste sie eher als Lebensetappe betrachten. Viele Leute haben einen Job, den sie hassen. Trotzdem versuchen sie aus Bequemlichkeit nicht, einen anderen Arbeitsplatz zu finden.  „Ich glaube, dass unsere größte Angst die Angst vor dem Unbekannten ist. Wir ziehen das Böse, das wir kennen, dem Bösen, das wir nicht kennen, vor“. Stefana glaubt nicht, dass so etwas wie „die wahre Berufung“ überhaupt exisiert. Bis jetzt hat sie drei verschiedene Karrierewege eingeschlagen und ist sicher, dass der, auf dem sie sich zur Zeit befindet, nicht der letzte sein wird. „Wir sind viel zu vielschichtig und dieser Druck, dem wir ausgesetzt sind, die wahre Berufung zu finden, führt nur dazu, dass wir frustriert und orientierungslos werden. Jeder Mensch hat mehrere Berufungen, es gibt verschiedene Bereiche, in denen er sich entwickeln und wachsen kann“.

Bei „Rahat bici“ entdecken die Teilnehmer kein Talent, von dem sie nicht gewusst haben. „Sie nehmen bloss etwas ernst, von dem sie wissen, dass sie es haben. Unsere Begabungen kommen überall zum Vorschein. Sogar während eines Jobs, den wir hassen. Hier entdeckt man nichts Neues. Hier wird bloß alles klar“. Stefana erzählt von einer Teilnehmerin, die davon träumte, Schmuckdesignerin zu werden. Bei den Gruppentreffen stellte sich jedoch heraus, dass sie sehr gut im Team arbeiten konnte. Und so wurde sie „Theta Healing“-Therapeut. Sie hat den Traum vom Schmuckdesign noch nicht aufgegeben. Nur hat sie eingesehen, dass zu diesem Zeitpunkt etwas anderes besser zu ihr passt. Nicht nur Leute, die ein Problem oder eine Blockade haben, kommen zu „Rahat bici“. „Es sind auch solche, die sich schon auf ihrem Weg befinden. Sie wollen aber besser werden. Statt alle möglichen Bücher über den Erfolg im Arbeitsleben zu lesen, kommen sie zu mir. Ich gebe ihnen die Inhaltsangabe und dann machen wir uns an die Arbeit“.

Sommerkurse in Kronstadt

Bis jetzt hat das Programm nur in Bukarest stattgefunden. 45 Leute haben schon daran teilgenommen. Stefana hat in diesem Sommer vor, auch in anderen Städten Treffen zu organisieren und Leute kennenzulernen. Die erste Stadt, wo ein Training stattfinden wird, ist Kronstadt. Die Gruppensitzungen und individuellen Beratungstreffen werden in der Teestube „Ceai et caetera“ in der inneren Vorstadt organisiert. Wer teilnehmen will, kann eine E-Mail mit einem Motivationsschreiben und einem Lebenslauf an facem@rahatbici.ro schicken. Alle Teilnehmer zahlen ein Pfand im Wert von 300 Lei. Interessant ist, dass man das Pfand zurück bekommt, wenn man bei wenigstens sieben der acht Treffen mitmacht. Die individuellen Beratungstreffen kosten je 60 Lei. Mehr Details unter: www.rahatbici.ro.

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