Das Lebenswerk eines Kronstädter Pädagogen

Über die Neuauflage der „Rudimenta cosmographica” von Johannes Honterus

Sonntag, 05. April 2015

Das Denkmal von Johannes Honterus vor dem heutigen gleichnamigen Lyzeum stellt den Pädagogen mit einem geöffneten Buch in der einen Hand und mit dem Zeigefinger der anderen auf die Schule weisend dar. Das Buch könnte durchaus die „Rudimenta cosmographica“ sein.

Thomas Şindilariu ist Vorsitzender des Ortsforums Kronstadt.
Fotos: Hans Butmaloiu

Die Suche im Internet nach Übernahmen oder Reproduktionen von Illustrationen aus der „Rudimenta cosmographica“ ergab unzählige Treffer. Hier ein Beispiel: http://www.atlascoelestis.com enthält eine Seite der in „Parigi da Guillaume Morel nel 1559“ herausgebrachten „Arati Solensis, Phaenomena et prognostica, Parisiis, MDLIX Apud Guil. Morelium“, welche die Himmelskarte wie folgt übernommen hat: „ alle tavole di Johannes Honter (1498-1549), pubblicate nella edizione delle opere complete di Tolomeo: Cl. Ptolemaeus, Omnia, quae extant opera, Geographia excepta (Basel, Henri Petri, 1541)“. Foto: http://www.atlascoelestis.com

Im Verlauf eines kurz nach seiner Wahl als Vorsitzender des Lokalforums Kronstadt geführten Gespräches kündigte Thomas Şindilariu an, sich um die Herausgabe von Büchern durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) bemühen zu wollen. Anfang 2015 erhielt er ein neues Mandat und teilte in der kurz darauf abgehaltenen Pressekonferenz mit, dass noch in der ersten Jahreshälfte eine neue Ausgabe der „Rudimenta cosmographica“ von Johannes Honterus erscheinen soll. Über die Bedeutung dieses Buches, vor allem aber über das, was man als „Leben“ einer Enzyklopädie bezeichnen könnte, sprach ADZ-Redakteur Hans Butmaloiu mit dem Leiter des Archivs der Honterusgemeinde, Thomas Şindilariu.

Sie setzten 2015 die Reihe der Veröffentlichungen durch das Lokalforum Kronstadt mit einem Band fort, der bald erscheinen soll. Worum geht es darin  genau?

Es geht um die „Rudimenta cosmographica“ von Johannes Honterus, in ihrer letzten Fassung von 1542, die in Hexametern gedichtet vorgelegt wurde, in einer Form also, damit sie sich der Schüler besser und leichter merken kann. Um genauer zu sein, werde ich ein wenig ausholen: Die Tätigkeit, welche Johannes Honterus in Kronstadt entfaltet, ist von zwei Grundlinien geprägt. Über den regional-städtischen Rahmen hinausreichend sind die reformatorischen Schriften. Der Großteil der Druckertätigkeit von Honterus konzentriert sich jedoch auf das Schulbuch, die Schulbuchproduktion. Es ist das wesentliche Element, das man in typisch sächsischer Pragmatik vorgezogen hat.

Vorgezogen hat man nämlich aus dem großen Werk der Reformation das Schulische, das schulische  Segment, und das war 1539 fertig. Die Gründung des Honterus-Gymnasiums ist ein paar Jahre vorzuverlegen, also nicht 1544, wie man lange Jahre angenommen hat, wegen dem Stichjahr, wo die Matrikel beginnt, sondern das war schon weit früher fertig, wie der werte anerkannte Kollege Gernot Nussbächer schon vor Jahren festgestellt hat.

Also spätestens 1539 hat das schon funktioniert, als humanistisches städtisches Gymnasium, nach – unter anderem – Nürnberger Vorbild als Stadtschule. Für diese Schule hat man Lehrmaterialien nicht nur gekauft - und zwar durch massive Investitionen des Stadtrates in Bücher,  man hat in der Zeit Bücher im Wert von zwei repräsentativen Häusern der Inneren Stadt in bester Lage angeschafft. Das wäre heute ein Einzelwert von mindestens drei Millionen Euro aufwärts! Man hatte aber beschlossen, dass dieses Geld für Bildung notwendig ist, und ohne lange herumzufackeln hat man das auch gemacht! Gleichzeitig hat man aber auch die Grundlagen der Eigenproduktion gelegt: die Papiermühle und die Buchdruckerei.

Dafür setzte sich Johannes Honterus ein...

Ja, denn zu dem Zeitpunkt war er ja noch nicht Stadtpfarrer, sondern erst Ratsherr, eine Eigenschaft, in welcher er sich darum kümmerte. In diesem Kontext ist die „Rudimenta cosmographica“ neben der lateinischen Grammatik sein Hauptwerk. Beide Werke gab es schon in vorherigen Fassungen, doch in Kronstadt kamen sie dann, in Endfassung, um bei der „Rudimenta“ zu bleiben, im Jahre 1542 heraus.

Und dieses Buch wurde zu dem, was man heute einen „Bestseller“ nennen würde?

Bestseller? Nee, es wurde zu einem „Best-Klauer“ - denn „seller“ beinhaltet ja Verkauf und hier wurde gar nichts verkauft! Gut, copy-right ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts, doch man muss es ein wenig im Kontext sehen: Die Ehre des Gelehrten kann man daran messen, wie oft er „geklaut“ wurde.
  
Bleiben wir aber sachlich und sehen wir, welches das Erfolgsrezept dieses Buches, seiner Langlebigkeit von anderthalb Jahrhunderten und überaus weiten Verbreitung ist. Das Werk ist ein Leitfaden des Grundwissens, des lexikalisch aufbereiteten Grundwissens, welches der Schüler eines humanistischen Gymnasiums jener Zeit haben muss. Es behandelt diese Kenntnisse, sagen wir mal, nicht erschöpfend, aber die Gebiete, auf denen er sich auszukennen hat, die werden in Versform vermittelt. Heute könnten wir sagen, es ist eine erste Schulenzyklopädie.      

Bleiben wir ein wenig bei der Entstehung dieses Buches, seines Verfassens durch Johannes Honterus...

Natürlich ist es nicht das Ergebnis von eigenen Forschungen, sondern eine Aufbereitung des damaligen Wissensstandes mit Betonung auf Aufbereitung! Der Schüler im 16. Jahrhundert, davon ist auszugehen, konnte Latein und lernte die einzelnen Absätze nacheinander auswendig, „um zu lernen, was er zu wissen hat“, bitte schön! Über die Krankheiten, über die Geografie, über die Bahn der Himmelskörper - um dann vom Lehrer abgefragt zu werden. Übrigens: Honterus war ein Anhänger des Ptolemäischen Weltbildes, nebenbei gesagt.

Also, die „Rudimenta“ wurde an die 150 Jahre lang, auszugsweise oder fast ganz, immer wieder abgeschrieben und herausgegeben. Selbst in Mallorca gab es 1626 einen Druck, bis zu dem letzten in Paris. Die Stärke dieses Werkes bestand in seiner pädagogischen Handlichkeit, welche ihm den nachhaltigen, breiten Erfolg bescherte. Ein Buch muss, um Erfolg zu haben - ist übrigens heute genauso – seine Zielgruppe so ansprechen, dass es „sitzt“. Das war bei der „Rudimenta“ 150 Jahre in Europa der Fall, denn sonst hätte man es kaum so oft nachgedruckt. Daraus geht hervor, welche Relevanz Honterus als Pädagoge hatte.

Kommen wir nun zu der Neuauflage 2015 zurück.

Es wurde schon vorher übersetzt; jetzt reden wir von einer neuen Übersetzung unter der Federführung der Arbeitsgruppe für Siebenbürgische Landeskunde, mit kritischem Einleitwort, Register, dreisprachig, ein Teamwork sehr vieler Mitarbeiter. Es handelt sich nicht um eine bibliophile Liebhaberei, bei der ein altes Buch nochmals schick herausgebracht wird, sondern um eine durch den Erklärungsapparat zugänglich und verständlich gemachte Ausgabe, an der man sich vielleicht auch ein Beispiel nehmen kann. Es passt hervorragend zu dem, was in diesem Jahr als Motto der Minderheitenprogrammatik unterwegs ist. 2015 hat die Landeskirche als Jahr der Bildung ausgerufen. Das Sachsentreffen wird unter dem Motto: „Schule, gestern, heute, morgen“ stattfinden, es passt also vortrefflich, dass dieses Buch voraussichtlich zeitgerecht vorliegen wird.  

Das Ganze wurde erst möglich, da durch das Deutsche  Ortsforum  Kronstadt ein Projekt im Rahmen des Siebenbürgenforums zustande kam, sodass wir die Drucklegung hier in Kronstadt übernehmen können.

Wir danken herzlichst für diese Ausführungen!

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