Das Lichträtsel von Pătrăuți

Verbirgt sich in der ältesten Kirche Stefans des Großen ein geheimer astronomischer Symbolismus?

Freitag, 07. Oktober 2016

Harmonische Symmetrien bestimmen die Architektur der Kirche.

Am 8. August zur Tagesmitte fällt der Lichtstrahl aus dem Turm auf das bläuliche Symbol des Polarsterns am Sims des Nordfensters.

Im Fensterbogen darüber eine Darstellung des Polarsterns in gelb-orange – als ob es dieser wäre, der auf den Sims herunterstrahlt!

Der heilige Evdochimus unter dem Sims des Nordfensters – links und rechts von ihm das Zeichen des Polarsterns.

Pfarrer Gabriel Herea vor dem Votivbild mit Stefan dem Großen
Fotos: George Dumitriu

1453, als Mehmed II. in die Kirche von Byzanz galoppierte und sie zur Moschee ausrief, war Stefan der Große noch ein Junge, der sich auf seine Zukunft auf dem Thron der Moldau vorbereitete, schreibt Pfarrer Gabriel Herea in seinem Buch „Pătrăuți“. Undenkbar, dass der dramatische Moment der Islamisierung der Festung des heiligen Konstantin den jungen Prinzen nicht beeinflusste, setzt er fort. 1457, als dieser dann den Thron bestieg, fand sich Stefan selbst in der Rolle des Nachfolgers des heiligen Konstantin. In den ersten Jahren seiner Herrschaft modernisierte er sein Land, baute eine militärische Infrastruktur auf... und besiegte schließlich die Armee der Osmanen. Mehmed II. sieht sich daraufhin genötigt, 1476 persönlich gen Suceava zu ziehen, um Stefan vom Thron zu stoßen. Vergeblich.

Gut zehn Jahre später, 1487: Stefan der Große sieht sich gezwungen, mit den unter Sultan Baiazid II. neu erstarkten Türken Frieden zu schließen. Er beginnt, das Land mit steinernen Kirchen als Zeugen für dessen christliche Identität zu befestigen. In den verbleibenden 17 Jahren seiner Herrschaft stiftet er über 40 Gotteshäuser. Die erste und damit älteste ist die Kirche von Pătrăuți, dem heiligen Kreuz geweiht.

8. August 2016. Die Sommerhitze brütet über dem kleinen Dorf in der Bukowina. Der Parkplatz ist leer, trotz Urlaubs-Hochsaison und der Tatsache, dass die Kirche von Pătrăuți – zusammen mit sechs weiteren in der Bukowina – zum UNESCO-Welterbe gehört. Das Tor zum Kirchhof steht einladend offen. Im Inneren der Mauer eine kühle Oase: schattenspendende Bäume, frisches Gras, paradiesische Ruhe. Schwer, sich in die turbulente Zeit des Kirchenstifters zu versetzen. Vor dem wertvollen hölzernen Glockenturm (1725) zeugen Zigarettenkippen und leere Flaschen von einem etwas anderen „Kulturverständnis“ jugendlicher Dorfbewohner, wie Pfarrer Herea beklagt. Täglich muss man die Spuren beseitigen und Brandgefahr besteht obendrein. Die drei Bronzeglocken (19. Jh) im Turm sind berühmt für ihre Fähigkeit, Gewitter aufzulösen. Meteorologen erklären das Phänomen mit Obertönen, die wolkenbildende Teilchen durch hochfrequente Resonanzen zerstreuen.

Geheimnisvoller Lichtstrahl

Die Kirche selbst zeigt sich auf den ersten Blick unauffällig: Sie ist kleiner als ihre Pendants auf der UNESCO-Liste und die Außenfresken, die diese weltweit einzigartig machen, sind nur noch bruchstückhaft erhalten. Auf den zweiten Blick hingegen präsentiert sie sich als geheimnisvolles Kleinod, das eine Flut an Denkaufgaben stellt. Warum, zum Beispiel, beträgt die Breite der Tür, die vom Pronaos in den Naos führt, exakt einen Meter, wo doch das Metermaß zu Stefans Zeiten noch gar nicht erfunden war? Die Antwort mag an der Beziehung des Meters zur Geometrie der Erde liegen: entspricht es doch nach ursprünglicher Definition dem zehnmillionsten Teil eines Erdquadranten (=Radius mal Pi/2). Gebäude, deren Architektur nicht nur den Erdradius, sondern auch die Kreiszahl Pi und den goldenen Schnitt Phi in ihren Maßrelationen reflektieren, sind bereits aus der Antike bekannt – etwa die Cheopspyramide, deren Basislänge ihrer Höhe mal Pi/2 entspricht. Wem diese Parallele zu weit hergeholt scheint, dem sei verraten, dass auch die Geometrie der Kirche von Pătrăuți auf dem goldenen Schnitt beruhen soll, so Museumsdirektor Emil Constantin Ursu aus Suceava.

Eine weitere Besonderheit, die in dieses Schema passt, entdecken wir zufällig: Am Tag unseres Besuchs ist zu beobachten, dass die Sonne mittags durch das Südfenster des Pantokrator-Turms genau auf die Abbildung des Polarsterns fällt, der den geneigten Sims des Nordfensters im Kirchenschiff ziert. Ein nur einmal jährlich stattfindendes Schauspiel, bemerkt der Pfarrer. Er erzählt, dass die seltsamen Lichtphänomene bereits am 31. Juli beginnen: Nur an diesem Tag tanzt derselbe Sonnenstrahl direkt bis in das Antlitz des unter dem Fenstersims abgebildeten hl. Evdochimos – ein in der orthodoxen Ikonografie völlig ungebräuchlicher Heiliger aus dem Kappadokien des 9. Jahrhunderts, dessen Anwesenheit an dieser Stelle niemand erklären kann. Doch sein Namenstag ist der 31. Juli! Auch muss man Evdochimus hier mit dem Polarstern in Verbindung bringen, denn seine Ikone wird von einer Ranke umflochten, die links und rechts auch ein verkleinertes Symbol dieses Sterns umschlingt. Der Pfarrer erzählt, dass der Lichtstrahl nur ein paar Tage im Jahr überhaupt die Wand unter dem besagten Fenster erreicht – vom 31. Juli bis kurz vor dem 8. August (denn dann erreicht er ja nur noch den Sims). Dies sei auf jeden Fall bemerkenswert.

300 Kilometer weiter – ähnliches Phänomen

Solche Lichtspiele, erfahren wir später, gibt es auch in Rogoz, in einer auf das Jahr 1661 datierten Holzkirche in der Maramuresch, ebenfalls UNESCO-Welterbe – 300 Straßenkilometer von Pătrăuți entfernt. Pfarrer Ion Chirila verrät: Zum Sonnenaufgang am 6. August, dem Tag der Verklärung von Jesus, fällt das Licht durch das Ostfenster mitten auf den Altar. Das Phänomen hält etwa eine Woche lang an. Die Kirche ist deswegen sogar ein wenig von der sonst üblichen Ost-Westachse verschoben, erklärt der Pfarrer und fügt an, dass es solche – beabsichtigte und teilweise auch dokumentierte – Lichtspiele auch in einigen anderen orthodoxen Kirchen gäbe.

Erst später fällt uns auf: Der Zeitraum der Phänomene in Rogoz und Pătrăuți ist nahezu der gleiche. Ist es möglich, dass beide auf die Verklärung von Jesus hinweisen, dem Ereignis, in dem sich die Himmelstore öffnen und dieser, lichtbeschienen, als Gottes Sohn offenbart wird? Was dafür spricht, ist, dass über dem Nordfenster in Pătrăuți auch die Himmeltore abgebildet sind. Laut Evangelium soll das biblische Ereignis mehrere Tage gedauert haben: Matthäus und Markus sprechen von sechs, Lukas schreibt in seinem Bericht von etwa acht.

Ein griechischer Astronom als Namensvetter

Und was ist mit Evdochimos? Nein, in Rogoz entdeckten wir ihn nicht. Auch in all den anderen Kirchen nicht, die wir in der Bukowina und der Maramuresch besuchten. Mit Sicherheit gehört er nicht zu den üblichen Figuren der orthodoxen Ikonografie. Was mag den Maler dann bewogen haben, ihn in Pătrăuți als Zentralfigur des Lichtphänomens hervorzuheben? Befassen wir uns mit den Besonderheiten der dortigen Ikonografie, tut sich eine interessante Spur auf: Die Szenen sind seltsamerweise auf Griechisch beschriftet. Jüngsten Forschungen zufolge sollen sie von einem griechischen Maler stammen, der von Mehmed II. aus Konstantinopel vertrieben worden war. Stefan der Große soll ihn angeheuert und ihm die Gründung einer Kirchenmalereischule ermöglicht haben. Doch welchen Hinweis wollte der Grieche mit dem „unwichtigen“ Heiligen, der so bedeutungsvoll an seinem Namenstag beschienen wird, geben? Ist der Name etwa als Platzhalter für jemanden zu verstehen, der mit dem astronomischen Symbolismus in Zusammenhang steht?

In der Tat, es gibt einen berühmten griechischen Astronomen mit fast demselben Namen: Eudoxos von Knidos. Eudoxos - Evdoch(im)os, zwei Schreibweisen, gleiche Wurzel. Eudoxos lebte 370 v. Chr., war der Schüler von Plato und hat übrigens auch einen Teil seiner Ausbildung in Ägypten absolviert. Ihm (oder Hippasos von Metapont, 6. Jh v. Chr., da ist sich die Wissenschaft noch nicht einig) wird die Entdeckung des goldenen Schnittes zugeschrieben, der die Architektur der Kirche von Pătrăuți maßgeblich bestimmen soll.

Damit stellt sich eine spannende Frage: Könnte das Kirchlein eine Art religiöses „Kalenderheiligtum“ sein – ähnlich wie Stonehenge oder die Tempelanlage von Sarmizegetusa? Auch aus dem Alten Ägypten sind Ausrichtungen von Tempeln an kalendarischen Ereignissen bekannt: etwa in Abu Simbel, wo nur an den Äquinoktien (Tag- und Nachtgleiche im Frühling und Herbst) das Licht der aufgehenden Sonne für einige Minuten genau die Götterfiguren im Allerheiligsten bescheint. Man spricht hierbei vom berühmten Sonnenwunder.

Als Sultan Mehmed II. die der Heiligen Weisheit Gottes geweihte Hagia Sophia stürmte... als der griechische Maler vor den Türken an den Hof Stefans flüchtete... welches Wissen mögen er und unzählige andere Künstler, Baumeister, Gelehrte aus dem großen Konstantinopel mitgebracht haben? Pfarrer Herea, den die Geometrie in seiner Kirche und das Lichtphänomen zwar faszinieren, will sich noch nicht zu einer Interpretation hinreißen lassen. Einen Astronomen zu finden, meint er, der Pătrăuți in dieser Hinsicht ausführlich wissenschaftlich untersucht, würde er sich jedoch wünschen. Bis dahin bleibt die unscheinbarste der bemalten Klosterkirchen wohl auch die geheimnisvollste...

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*