Das malerische Kronstadt

Gedanken am Rande eines Buches über die Obere Vorstadt (III)

Samstag, 03. Februar 2018

Die beiden „Belgereyen“ hätten sich, wie Maja Philippi in ihrem Buch „Kronstadt“, Seite 68, berichtet, auf den Abhängen der Zinnenausläufer befunden (also ungefähr in der Gegend des nachmaligen Catun – Anm. des Rez.). Demselben Buch, Seite 67, zufolge nannten die Kronstädter die Obere Vorstadt noch bis ins 19. Jahrhundert „Belgerey“. Eine Erinnerung an die bulgarischen Siedler hat sich bis heute im aktuellen ung. Namen der Oberen Vorstadt, „Bolgárszék“, erhalten. Die später im Catun getragene rum. Volkstracht wird auf Seite 36 dargestellt.

Der an der rumänischen Oberen Vorstadt Interessierte kommt natürlich mit den meisten der hier reproduzierten Ansichtskarten voll auf seine Kosten. Deshalb wollen wir das Buch nicht aus der Hand legen, ohne diesbezüglich einige gelungene Darstellungen zu würdigen. Wie bereits gesagt, ist der Anger das Zentrum der Oberen Vorstadt.

Außer auf dem erwähnten Umschlagbild (mit der Zinne im Hintergrund), findet man Darstellungen des Anger-Platzes auf den Seiten 34 und 38. Am Anger begann der alte Weg, der bis in die sechziger Jahre die Stadt mit der Schulerau verband. Hier fuhr ein, auf Seite 76 abgebildeter, „senila“ (rum. „Raupenkette“) genannter, offener Geländewagen ab. Vom Salomonsfelsen an überwand er in abenteuerlichen Serpentinen eine Steigung von etwa 400 Höhenmetern. Beeindruckend ist die den Anger-Platz dominierende Nikolaus-Kirche (rum. Sfântul Nicolae), die man auf den Seiten 26 – 27 und 29 – 33 bewundern kann.

Es ist die älteste, größte und wichtigste Kirche der rum. Oberen Vorstadt. Sie ist anders als die meisten später erbauten rum. Kirchen. Das verdankt sie laut Wachner westeuropäischen Einflüssen. Wie er in seinem Buch auf Seite 27 darlegt, entspricht ihr schlanker Turm mit den vier Ecktürmchen siebenbürgisch-sächsischer Bauweise. Ähnliches gilt für die viel kleinere Hl. Dreifaltigkeitskirche (rum. Sfânta Treime), die auf den Seiten 42 und 46 abgebildet ist. Zu deren großem Messingkronleuchter beispielsweise, bemerkt Wachner auf Seite 28, dass der von einem Kronstädter Sachsen gefertigt wurde. Die Kirche wurde allerdings erst viel später (1825) errichtet. Zum Vergleich: die Nikolaus-Kirche wurde 1512 -1521, die sb.-s. Obervorstädter Kirche wurde 1790 - 1793 erbaut: so Wachner auf den Seiten 26 - 27. Erwähnenswert sind sodann die dem Hauptmann Ilie Birt gewidmete Kapelle am Anfang der nach ihm genannten „Hauptmanns-Gasse“ (43) sowie viel Brauchtum. Die Trachten, besonders der Frauen, zeigen sächsische Einflüsse: die der Kronstädter Patrizier – sowie der Burzenländerinnen, zu sehen etwa auf den Seiten 37 und 51. Oft sind sie auf verschiedenen Hochzeitsbildern mit Trachtenträgern erkennbar.

Außer demjenigen mit dem Hochzeitspaar aus dem oben erwähnten „Cutun“ von Seite 36, finden sich weitere auf den Seiten 43, 47 und 50. Typisch rumänisch dagegen die „ie“ (rum.: Trachtenbluse der Frauen, Aussprache: „ihje“). Sie wurde hier bereits 1920 auf einem „Internationalen Tag“ der „ie“ gefeiert (19). Die Männertracht entfaltet ihren Reichtum anlässlich der meist österlichen Ausritte der „Junii“ (rum. „die Jungen“) aus den verschiedenen Teilen der rum. Oberen Vorstadt, eingefangen auf den Seiten 40, 41, 44, 49 und 54. Viele der „Schkejaner“,wie wir Obervorstädter Sachsen sie nennen, waren nämlich Jahrhunderte lang nicht nur wie die meisten Hirten und Waldarbeiter, sondern zu etwa 25% auch Fuhrleute und Partner der sächsischen Kaufleute Kronstadts. Nicht wenige Obervorstädter Rumänen gründeten sogar selbständige Handelsunternehmen. Man nennt die Schejaner (rum. „scheieni“ = „Bewohner der rum. Oberen Vorstadt“) in der Stadt deshalb auch „trocari“ (von rum. „troc“ = „Tauschhandel“). Heute halten sie ihre Pferde hauptsächlich nur noch zu Repräsentationszwecken.

Maja Pilippi entwirft in ihrem Buch „Kronstadt“ auf Seite 69 dazu ungefähr folgendes Bild. Den rum. Kaufleuten, und nicht den wegen mangelnder Zunftprivilegien arm gebliebenen Obervorstädter Sachsen, war es zu verdanken, dass die Obere Vorstadt im 16. Jahrhundert bald die reichste der Kronstädter Vorstädte wurde. Die Stadt verdankte ihnen einen guten Teil ihres Steuereinkommens. Wie allen Vorstädtern, auch den sächsischen, waren ihnen allerdings politische Rechte verwehrt.

Die waren den innerstädtischen Sachsen vorbehalten. Dass die Obere Vorstadt aber nicht nur die wohlhabendste, sondern auch die bevölkerungsreichste der Kronstädter Vorstädte wurde, verdankt sie nun wiederum gerade diesen innerstädtischen Sachsen und ihrer Stadtrepublik, die sie, nicht zuletzt auch mit Hilfe der Vorstädte sowie aller dreizehn sächsischen Dörfer des Burzenlandes, mit uneinnehmbaren Mauern umgeben hatte. Dafür gewährte sie ihnen im Kriegsfall ihren Schutz. Zum Unterschied von den anderen Vorstädten, war die Obere Vorstadt in ihren engen Tälern hinter dem breiten Rücken der Mauern viel geschützter und musste nicht nach jedem Einfall immer wieder neu aufgebaut werden. Dies und, wie sie auf Seite 71 hinzufügt, der Umstand, dass den Rumänen der Zuzug in die Innere Stadt untersagt war, erklärt den starken rum. Zuzug hierher sowie die beachtliche Kultur, die sie, nicht zuletzt mit sächsischer Unterstützung, hier hervorbrachten.

Die Zeiten, in denen in der rum. Oberen Vorstadt, wie Maja Philippi das auf derselben Seite formuliert, „immer neue Gassen und Gässchen entstanden“, waren im 17. Jahrhundert jedoch vorbei. Zum einen setzte für ganz Kronstadt eine Periode der Stagnation ein. Zum anderen aber hatten sich die Obervorstädter Rumänen im Jahr 1600 zu einem Angriff auf Kronstadt hinreißen lassen, der sie teuer zu stehen kommen sollte. Nach dessen Scheitern ließen die Vergeltungsmaßnahmen des allgewaltigen Stadtrates nicht auf sich warten. Wie Gernot Nussbächer in seinem Buch „Caietele Corona“ (rum. „Die Corona-Hefte“, Kst. 2016) auf Seite 270 bemerkt, war eine drastische Beschneidung ihrer Rechte die Folge. Das hemmte die weitere Entwicklung der ganzen Vorstadt. Die malerischen, aber armseligen Häuschen des überwiegenden Teiles der rum. Oberen Vorstadt sind also nicht nur ein Erbe des Kommunismus. Zwar gab es im 19. Jahrhundert einen Aufschwung. Der setzte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fort, bis in die Zeit also, aus der die meisten der hier präsentierten Bilder stammen. Von dem profitierte aber vor allem eine dünne Oberschicht, die in Villen, wie denen am Anfang der Hauptmannsgasse oder der Sandgasse wohnte oder aber der Geistlichkeit angehörte. Was diese Potentaten allerdings an Repräsentionsbauten hervorbrachten oder anregten, war beachtlich. Die Paraschiva-Kirche und das Altersheim wurden bereits erwähnt.

Am imposantesten ist das 1850 erbaute rum. Gymnasium „Andrei Saguna“ (Seiten 13 - 19), mit dazugehörigem Lehrerhaus (Seite 19) sowie das rum. Schülerinternat (Seite 28), alles in der Anger-Gasse. Treibende Kraft war das orthodoxe Protopopiat (rum. „Erzpriesteramt“), das sich am Ende derselben Straße einen Prachtbau errichtete. Wie man auf Seite 13 von Verf. erfährt, war es dem Protopopen (rum. „Erzpriester“) Ion Popazu, einem gebürtigen Schkejaner, gelungen, an der Stelle, wo heute das Gymnasium steht, Grundeigentum zu erwerben. Zwischen Protopopiat und Nikolaus-Kirche steht die älteste rum. Schule ganz Siebenbürgens, heute Museum (Seite 32). Sie war zu klein geworden. Deshalb wurde weiter oben in der rum. Oberen Vorstadt eine andere Grundschule errichtet, die auf Seite 44 zu sehen ist. Sie trug den Namen Vasile Saftu. Wie man auf Seite 15 erfährt, war Saftu ein anderer wichtiger Protopop. Die Abbildung zeigt, wie er im Jahre 1920 den General Berthelot empfängt.

Das Buch ist also durchaus lesenswert. Die Fehler und Mängel im Text wurden hier bereits teilweise aufgezeigt. Trotz diesen, eignet sich aber besonders das reiche Bildmaterial nicht nur zum Anschauen für Kenner, sondern auch zum Stöbern für Wissbegierige.

(Schluss) 

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