Das Minidelta von Bukarest

Ehemaliger Stausee Văcăreşti überrascht Forscher mit erstaunlicher Biodiversität

Dienstag, 19. Februar 2013

Zauberhafte Naturszene mitten in der Großstadt: Eine Weißflügelseeschwalbe füttert ihre Jungen.
Foto: Helmut Ignat

Man mag seinen Augen kaum trauen – ein Fischotter, mitten in Bukarest!  Munter gleitet er auf dem Rücken durch das dichte Schilfdickicht.  Vor der Kulisse grauer Blocks am Horizont stolziert ein Brauner Sichler majestätisch durch den grünen Sumpf. Eine Wasserschildkröte gleitet mit sanftem Platsch vom Betondamm ins kühle Nass. Über dem mit Linsen bedeckten, glasklaren Wasserspiegel flirren blauschillernde Libellen. Würde nicht ab und zu eine Plastikflasche vorbeidümpeln, erklänge nicht aus der Ferne gedämpftes Verkehrsrauschen ans Ohr, man könnte fast meinen, wir seien im Donaudelta.  Wie sind die Tiere mitten in die Großstadt gelangt? Füchse, Otter, Bisamratten! Eulen, Schildkröten, seltene Schlangen und Amphibien, Fische und anmutige Insekten teilen sich diesen Lebensraum mit sage und schreibe 86 europaweit streng geschützten Vogelarten.

Auch Cristian Lascu konnte es kaum glauben, als ihn 2009 ein passionierter Birdwatcher auf die erstaunliche Biodiversität in dem Feuchtbiotop hinter dem Betondamm des ehemaligen Stausees Văcăreşti aus der Ceauşescu-Zeit aufmerksam machte. Der Chefredakteur der Zeitschrift National Geographic verständigte sofort einen Tierfotografen. Dann hörte er lange Zeit nichts mehr. Monate später stapelte sich plötzlich überwältigendes Bildmaterial auf seinem Schreibtisch. Das Ergebnis unzähliger Stunden, die Fotograf und Biologe Helmut Ignat am frühen Morgen vor der Arbeit am Văcăreşti-See verbracht hatte, – im Neoprenanzug im Wasser sitzend, von Schilfbündeln getarnt. Bald darauf konnte sich Lascu selbst vom Reichtum dieses einzigartigen Feuchtbiotops überzeugen. „Die ganze Nahrungspyramide war dort vertreten“, schwärmt er und zeigt das Bild eines 16 Kilo schweren Hechts. „Und an der Spitze“, ergänzt er lachend, „steht eine Roma-Familie mit acht Kindern!“ Seit 15 Jahren lebt sie in dem verwilderten Sumpfdickicht von Fischfang, Fallenstellen und dem Verkauf von Schildkrötenbabys an Zoogeschäfte... „Ein kleiner paläolithischer Stamm inmitten der Großstand“, scherzt Lascu.

Kampf für ein Naturreservat im Herzen der brodelnden Hauptstadt

Der Aufwand des Fotografen hatte sich gelohnt. Kaum ein Artikel der renommierten Naturzeitschrift hatte je ein derartiges Medienecho ausgelöst. Obwohl zu politisch turbulenten Zeiten, meldeten sich gleich mehrere Fernsehsender: Antena 3, Pro TV, Antena 1, Digi TV, Realitate... Der für ein Umweltthema völlig ungewöhnliche Medienrummel schien das Interesse der Menschen in Bukarest zu reflektieren. Cristian Lascu und Helmut Ignat beschlossen daher, es nicht nur bei einem Artikel zu belassen. Warum sollte man nicht versuchen, direkt etwas für diese Tiere zu tun? So entstand die Idee einer Freiluft-Ausstellung, die zuerst quer durch Bukarest wanderte. Dann folgte ein Dossier zur Vorlage beim Umweltministerium, mit dem Ziel, den Schutz des Sumpfgebiets als Naturreservat zu beantragen. Leider erwies sich die Gesetzeslage hierfür als wenig hilfreich. War doch vor zwei Jahren eine Klausel eingeführt worden, dass im Genehmigungsprozeß erst der lokale Rat und der Landkreis zustimmen müssen. Ausgerechnet jene also, denen meist ganz andere Interessensgruppen im Nacken sitzen – für kommerziellen Angelsport, Jagd, Immobilienprojekte oder Vergnügungsparks. Der Vorstoß scheiterte, wie nicht anders zu erwarten, an den tausenden „Ja, aber...“ diverser Gemeindeberater.

Ein Ramsar-Feuchtgebiet  als Touristenmagnet

Dabei hätte ein städtisches Naturreservat durchaus touristisches Potenzial. Auf angelegten Holzstegen mit fernrohrbestückten Aussichtsplattformen könnten Besucher flanieren oder Schulklassen und Studenten die Fauna und Flora studieren. Buenos Aires macht vor, wie es geht: Auch dort gab es eine verwilderte Zone, ehemaliges Spekulationsgebiet von Immobilienhaien, die sich über die Jahre zu einem reichhaltigen Biotop entwickelt hatte. Heute lockt der zu den Ramsar-Feuchtgebieten auf Basis der UNESCO-Konvention zählende Naturpark mitten in der brasilianischen Hauptstadt jährlich über eine Million Besucher an und ist für den Tourismus nicht mehr wegzudenken!
Eine Chance auch für Bukarest, dachte sich Lascu und holte den bekannten Naturschützer Liviu Mihaiu (NGO Salvaţi Dunărea şi Delta) mit ins Boot.

Mit dem Ziel, die im Juli 2012 zufällig in Rumänien tagende Ramsar-Konferenz als Plattform für einen erneuten Vorstoß zu nutzen, stellten sie ein Dossier zusammen, das über die Biodiversität des Văcăreşti-Sees informierte und ornithologische sowie hydrologische Studien enthielt. Letzteren zufolge wird das Gebiet hinter dem Staudamm von unterirdischen Quellen gespeist, die selbst in der größten Trockenperiode produktiv sind und ein selbst erhaltendes Ökosystem garantieren. Die Foto-Wanderausstellung wurde also vor dem Konferenzort aufgebaut, die Mappen und Flyer an die Teilnehmer – Umweltminister aus über 150 Ländern und hochrangige Vertreter von bekannten Naturschutzorganisationen wie WWF oder Greenpeace - verteilt. Die Rechnung ging auf. Der Leiter von Ramsar Europa bestand sogar darauf, sich direkt vor Ort ein Bild zu machen. Trotz Müllbergen und baufälligen Romahütten resultierte der improvisierte Lokaltermin in einem umfassenden Empfehlungsschreiben von Ramsar zum Schutz dieser einzigartigen Zone. Unglücklicherweise verhallte das Echo dieses Erfolgs in den Reihen der eigenen, rumänischen Seite, welche die hochrangig besuchte internationale Konferenz weit unter Augenhöhe abspeiste. „Zur Eröffnung war der Stellvertreter des Transportministers erschienen“, empörte sich Cristian Lascu.

Müllberge, Wilderer, Fischen mit elektrischem Strom

Inzwischen hatte eine Fauna der ganz anderen Art den Văcăreşti Stausee für sich entdeckt: Wilderer und brutale Elektrofischer setzen dem Ökosystem stark zu. Schilfzonen werden verbrannt, damit die Fische leichter zirkulieren. Schafherden trampeln seltene Pflanzen nieder. Streunende Hunde ernähren sich von Eiern und Jungtieren. Die Roma bauen weiterhin Hütten aus Schrott, holzen Weiden ab und verscherbeln säckeweise Wassertiere an den Zoobedarf. Ausflügler aus der nahen Stadt hinterlassen Unmengen von Müll, der sich direkt hinter der Staumauer anhäuft. Die von Naturschützern organisierten Sammelaktionen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotz all dieser Stressfaktoren scheint sich dieses einzigartige Biotop inmitten der Großstadt bis jetzt zumin-dest erfolgreich zu behaupten.

Neuer Vorstoß der Naturschützer im Visier

Vom Aufgeben der Idee eines Ramsar-Schutzgebiets kann daher keine Rede sein. Am 28. Februar soll ein neues Dossier von der Organisation „Salvaţi Dunărea şi Delta“ der Rumänischen Akademie der Wissenschaften zur Begutachtung vorgelegt werden. Wenn die Wissenschaftler die Meinung der Naturschützer teilen, wird der Antrag im Rathaus Sektor 4 vorgelegt und soll dann auf allen erforderlichen Etappen erneut im Umweltministerium landen. „Wir erwarten viel Widerstand auf diesem Weg“ kündigt Lascu bereits an. Doch Naturschützer, Presse und Fernsehen unterstützen seinen Kampf. Mut macht, dass er sich in einer ähnlichen Kampagne schon einmal erfolgreich behaupten konnte: Mit Unterstützung von Naturforschern, Fotografen und einer Foto-Demonstration vor dem Parlament gelang es vor Kurzem, ein Jagdverbot für Luchse durchzusetzen. Während die Fotografen von National Geographic mit den Tierfotos aus dem Văcăreşti-Biotop bereits internationale Preise gewannen, dürfen die Bukarester in den nächsten Monaten um eine Chance für ihr eben erst gewonnenes Minidelta bangen. Herr, lass Hirn vom Himmel fallen - vor allem für jene, die bald über das Schicksal des beantragten Naturreservats entscheiden...

Kommentare zu diesem Artikel

Norbert, 23.02 2013, 18:21
Ich könnte Bücher schreiben von den vielen Reisen durch Rumänien.Wenn ich die Landschaft beschreiben würde .Nicht nur die Landschaft auch die Menschen (DIE EINFACHEN MENSCHEN). Rumänen schauen mich manchmal mit großen Kinderaugen an. Was ich von Rumänien gesehen habe. Und wie ich es in seiner Schönheit beschreibe. Vom schwarzen Meer Über das Donaudelta über verschiedene Städte über die Karpaten.
U.s.w.Zuerst glauben sie das ich von Rumänien komme. Denn so viele Westdeutsche bereisen das Land ja nicht.
Ich habe Gastfreundschaft und Einladungen
so viel bekommen , das würde langen für Tausend Jahre.Und die größte anerkennung von diesen Leuten bekomme ich, wenn man ihnen das Ohr schenkt, wenn man ihnen zu hört.Und das was sie da erzählen.,ist schauerlich.Sie erzählen halt nicht wie ich von der Landschaft.Da haben sie noch nicht die Zeit und das Geld. Sie erzählen. Von diesem rumänischen Kakaland mit tausenden und abertausenden unterschiedlichen Geschichten.Dieses mit meinen eigenen erlebten. Ergibt diese Schärfe meiner Beiträge. Sie ist im Gespräch noch viel härter als das was ich hier schreibe. Und die Rumänen freuen sich
das sie mich kennen. Ich spreche von Rumänen und nicht romaniesierten Deutschen.So wie ich Rumänien von der Landschaft, der Kultur, von einfachen leben auf dem Land kennenlernte. Wäre es sicher
das sich dies als Urlaubsland presentieren könnte. Dazwischen ist aber leider diese nichts könnende verwaltung .Bis hin zu gewissen standart im Service.Außerdem wird die jetzt beginnende Debatte über das Schengenabkommen Rumänien so schlecht darstellen ,das ich eher davo ausgehe das die Zahlen sich verringern werde. Beispiel
Griechenland .Wie die Nachrichten in einem Land zu negativ sind und sich dann politisch gegen das Land wendet bleiben die Urlauber aus. Nach Griechenland fahren nach neuesten Nachrichten nur noch ein fünftel der deutschen hin.
sraffa, 19.02 2013, 23:49
Toller Beitrag und sehr feines Projekt; hier könnte sich der Rum. Staat von seiner besten Seite zeigen in dem das Ganze zum streng geschützten Biotop erklärt und auch real geschützt wird.
Ottmar, 19.02 2013, 16:32
Jetzt kann sich Rumaenien einmal von seinem schlechten Image loesen

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