Das Museum, in dem es nie langweilig wird

Ein Spaziergang und einiges mehr durch das Freilichtmuseum im Jungen Wald

Freitag, 14. September 2012

Wind- und Wassermühle (rechts) in der Nähe des Sees

Gehöft eines Eisenschmieds aus Călineşti/Kreis Maramuresch

Auf der Bühne am See werden oftmals Tanz- und Musikvorstellungen geboten.

Im Winter kann man eine Schlittenfahrt durch das Museum unternehmen.
Fotos : Hannelore Baier (3), Cynthia Pinter (1)

Wissen Sie, welches eines der beliebstesten Ausflugsziele der Hermannstädter ist, die nicht in die Ferne schweifen wollen? Das Freilichtmuseum im Jungen Wald/Pădurea Dumbrava. Offiziell heißt die Einrichtung „Museum der traditionellen Volkskultur“ (Muzeul Civilizaţiei Populare Tradiţionale). Man muss aber kein Freund von Ethnografie oder Folklore sein, um sich auf den Pfaden des weitläufigen Geländes entlang der hübsch hergerichteten Gehöfte aus allen Teilen des Landes wohl zu fühlen. Im Frühjahr ist es das Erwachen der Natur, im Sommer der Schatten der Bäume und des Waldes, im Herbst das bunte Laub und die klare Sicht auf die Berge und im Winter ein Spaziergang durch die beschneite Landschaft, die Naturfreunde faszinieren, die für Ausflüge in die weitere Umgebung der Stadt kein Geld oder keine Zeit haben.
Im Verlauf des gesamten Jahres aber sind es auch zahlreiche Veranstaltungen, die viele Hermannstädter sowie Touristen hierher locken.

Nichts Neues sind die von Frühjahr bis Herbst monatlich zweimal stattfindenden Märkte, bei denen hausgemachte herkömmliche Lebensmittel zum Verkauf gelangen. Als Publikumsmagnet hingegen wirken die jedes Jahr stattfindende Messe in der Osternacht oder der Markt der Volkskunsthandwerker zu Maria Himmelfahrt.

Auf der Bühne am See werden immer wieder Tanz- und Musikvorstellungen geboten, meist im Rahmen von Festivals, aber nicht nur. Im Angebot stehen – je nach Jahreszeit – Kutschen- oder Schlittenfahrten, selbst strampeln können Fahrradfreunde über die 10 Kilometer Asphaltwege des Museums zu festgesetzen Uhrzeiten am Morgen und Abend, um die Spaziergänger nicht zu stören. Im Angebot des Freilichtmuseums stehen nocturne Besuche (für Gruppen mit minimal 20 Mitgliedern zum Preis von 40 Lei die Stunde), oder eine Kegelbahn (ebenfalls per Stunde zu mieten). Veranstaltet werden können hier Team-Buildings mit Unterkunft  in der „Vila Diana“ und Verköstigung im „Hanul din Bătrâni“.

Ebenda kann man einen rustikalen Hochzeitsschmaus bestellen, wer sich in einer der beiden kleinen Holzkirchen – die aus Bezded bzw. Dretea stammen – (orthodox) trauen lassen will. Kindern steht der Ethno-Techno-Park zur Verfügung, wo sie das in Miniatur nachgearbeitete herkömmliche Werkzeug und „Produktionsanlagen“ kennenlernen, aber auch auf Wippen schaukeln können. Während der Ferien – oder auf Anfrage – werden erzieherische Tätigkeiten organisiert, mit Einführungen ins Töpfern, Weben oder aber den Landanbau. Jeweils am 1. Juli wird hier   auch ein „Krabbeltag“ für Säuglinge veranstaltet. Selbstverständlich gibt es die Möglichkeit, in einem Laden allerlei von Handwerkern gefertigte Gegenstände aller Art einzukaufen. 

Die Museumsanlage

Das Museum liegt auf einem Areal von insgesamt 96 Hektar, etwa acht Kilometer vom Stadtzentrum in Richtung Răşinari entfernt. Zu erreichen ist es mit Stadtbussen (Abfahrt vom Bahnhof oder Theater), die Fahrradpiste führt direkt hin, wer gern wandert, kann durch den Erlenpark, das Goldtal und dann ein Stück Wald zum während des Sommers geöffneten Eingang am See des Zoos gelangen. Der Zoo grenzt an das Freilichtmuseum. Mit dessen rund 40 Hektar großer Ausstellungsfläche, auf der an die 400 Objekte  bewahrt sind, die als „Denkmäler der bäuerlichen Architektur und Technik“ gelten, gehört die Einrichtung zu Europas größten ethnografischen Ausstellungen im Freien.    

Besonders sichtbar und attraktiv sind die nahe am See stehenden Windmühlen, doch verfügt das Museum auch über andere Mühlanlagen. Was dieses Volkskundemuseum von anderen unterscheidet ist, dass es nach Handwerksbereichen angeordnet ist und derer insgesamt 18 darstellt, anhand von spezifischen Bauten, Anlagen oder Werkzeugen aus unterschiedlichen Landesteilen. Zu sehen ist zum Beispiel eine mit Dampf betriebene Dreschmaschine aus Pâncota/Kreis Arad und eine Dreschmaschine mit Motor, wie sie in Gura Râului/Kreis Hermannstadt verwendet worden ist.

Gehöfte von Landwirten gibt es aus Dörfern in den heutigen Verwaltungskreisen Alba, Sălaj und Maramuresch. Anschauen kann der Besucher, wie die Wirtschaften der Töpfer oder aber der Obstbauern eingerichtet waren, welche Werkzeuge sie verwendet haben, wie die Lebensmittel aufbewahrt wurden, und zwar vom geflochtenen Korb über die Kammer bis hin zum Weinkeller. Vergleichen kann man die Bauweisen in den verschiedenen Landesteilen und die hierfür genutzten Materialien.

Um nur jene für das Dachdecken zu erwähnen: Vorhanden ist eine schilfgedeckte Fischerhütte aus dem Donaudelta, ein mit Ziegeln gedecktes Haus eines Hanf- und Flachsherstellers aus Lisa im Kreis Kronstadt/Braşov und natürlich zahlreiche, mit Schindeln belegte Wohnhäuser. Erklärungen gibt es zu jedem Gehöft auf den davor stehenden Tafeln, und von diesen erfährt man, dass es in Colţi (Kreis Buzău) einstmals Bernsteinbearbeiter gegeben hat, oder man kann sich das Haus eines Ölpressers aus Livada/Kreis Hunedoara anschauen.   

Die Gründung

Viele Besucher meinen, dieses Museum sei uralt, das aber stimmt nicht: Sein Aufbau begann erst 1963 durch Cornel Irimie (1919 – 1983), der in Bukarest bei Traian Herseni und Dimitrie Gusti und sodann in Jena studiert hatte. Eröffnet und dem Publikum zugänglich wurde die Einrichtung im Jahr 1967. Seither wurde sie stetig ausgebaut, war zeitweilig dem Brukenthalmuseum unterstellt und gehört nun dem 2001 geschaffenen Museumskomplex „ASTRA“ an, zusammen mit dem Museum für siebenbürgische Volkskultur sowie jenem für sächsische Volkskunde „Emil Sigerus”, dem Museum für universelle Ethnografie „Franz Binder” oder dem Astra-Film-Studio (die alle im Stadtzentrum liegen).

Auf dem weitläufigen Gelände inmitten des Walds wurden die aus den verschiedenen Orten geholten Wirtschaften von Anfang an vier großen Tätigkeitsbereichen entsprechend angeordnet. In einem ersten befindet sich die „Lebensmittelproduktion“, d.h. die für Fischer, Imker, Jäger, Viehzüchter, Obst- und Weinbauern, Ölpresser und Landwirte in den einzelnen Landesteilen typischen Häuser samt der zur Bearbeitung, Konservierung und Aufbewahrung verwendeten Einrichtungen.

Noch nicht fertig ist der Sektor Kommunikation und Transport – wobei es für letztgenannte Betätigung dennoch eine Fähre gibt, wie sie an der Donau zum Einsatz kam. Ein dritter Bereich ist dem Erstellen von Bau- sowie im Haushalt verwendeten Materialien gewidmet. Es handelt sich um die unterschiedlichen Handwerke beim Bearbeiten des Holzes, von Steinen, Erzen und Metallen sowie Ton. In der vierten Gruppe sind die Gehöfte und Einrichtungen zusammengefasst, die sich dem Bearbeiten und Verwerten von „tierischen Fellen und Fasern“, also Pelzen, Leder und Wolle für Kleidung und Haushalt widmen.

Seit den 1990er Jahren kamen ein Sektor „Gemeinschaftsbauten“ sowie eine Skulpturengalerie dazu. In erstgenannten Bereich gehört die Kneipe, ein Pavillon zum Verweilen – wo man zum Beispiel seine mitgebrachten Brote verspeisen kann, wenn da nicht grad eine Gruppe verköstigt wird – oder die Kegelbahn. Vorgesehen ist, diesen Sektor mit Feuerwehrhäuschen sowie Schul- und Bürgermeisteramtsgebäuden zu vervollständigen. In diese Sparte gehören auch die beiden Kirchlein.

In der Nähe des Haupteingangs ins Museum und auf der Reiterallee sind 15 Holzskulpturen zu sehen. Es sind die bei den drei Ausgaben (1992 bis 1994) des Constantin-Brâncuşi-Festivals für monumentale Skulptur ausgezeichneten Arbeiten zeitgenössischer rumänischer und ausländischer Bildhauer. In diesem Museum wird es einfach nie langweilig ...

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