Das Phänomen Baltschik

Nicht nur Königin Maria verlor ihr Herz an die romantische Küstenstadt

Samstag, 21. September 2013

Dr. Doina Păuleanu (re) versteht es, ihre Begeisterung an das Publikum weiterzugeben (links: Mihaela Dragomir, Mitte: Kulturhausdirektorin Mariana Duliu und Projektkoordinatorin Aurora Fabritius).

Ihren besonderen Zauber verdanken die Kunstwerke dem exotischen Flair der südlichen Dobrudscha.
Fotos: George Dumitriu

Jeder braucht seinen eigenen Süden, das gilt vor allem für Künstler. Rumänische Maler inspirierten sich insbesondere in der Zwischenkriegszeit am romantischen Küstenstädtchen Baltschik, jenem Teil der Dobrudscha, der heute in Bulgarien liegt.

In „Meine Traumhäuser“ schwärmt auch Königin Maria: „Ich hatte das Gefühl, dass dieser Ort entweder auf mich gewartet hatte, oder ich schon immer in Erwartung seiner gelebt habe“ und „Ich war Teil des Ortes, und dieser Ort war Teil von mir.“ Mit ihrer Begeisterung für das Städtchen am Schwarzen Meer hatte die Souveränin vor 100 Jahren das „Phänomen Baltschik“ erst ausgelöst, erklärt Aurora Fabritius, Koordinatorin des gleichnamigen Konferenzabends am 17. September im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“. Ein Archivfilm mit Impressionen der charismatischen Königin, Fotografien aus dem Bildband von Doina Păuleanu „Balcicul în pictura românească“ (Baltschik in der rumänischen Malerei) mit Werken der Maler der Moderne und die Gemälde zeitgenössischer Künstler, die sich allesamt von Baltschik inspirieren ließen, stimmen auf das Thema ein. Für den musikalischen Rahmen sorgte die Blasmusikkapelle „Karpatenshow“, dirigiert von ihrem Leiter Hans Groza.  

Spirituelle Bohème

Wohl an die hundert rumänische Maler hatte es zwischen 1914 und 1940 an den sagenumwobenen Ort gezogen, der zum Sinnbild des rumänischen Südens avancierte, enthüllt Dr. Doina Păuleanu, Direktorin des Kunstmuseums Konstanza, wo sich die Werke dieser Meister befinden. „Man erkennt sie sofort an diesem eigenartigen Licht, typisch für die südliche Dobrudscha“, schwärmt die Expertin, die sich selbst als Baltschik-Liebhaberin outet. Was zieht die Menschen dort so sehr in ihren Bann?

Nachdem sich Königin Maria bei einem Küstenspaziergang spontan in den Ort verliebt hatte und dort zwischen 1920 und 1929 ein Schlösschen erbauen ließ, mit feudalem Thermalbad und einem geschmackvollen, hellen Salon, wo sie Freundinnen wie Martha Bibescu empfing, um den neuesten Nachrichten aus Bukarest zu lauschen... Nachdem sie das kleine orthodoxe Kirchlein Stella Maris als passenden Ort für ihre eigenwillige, nonkonformistische Spiritualität – eine Mischung aus abendländisch-christlichen Elementen mit philosophischen Einflüssen aus der Baha’i Religion –  auserkoren hatte... Nachdem sie zu Lebzeiten so oft es nur ging an diesem Ort verweilte... Nach all dem erscheint ihr letzter Wille, nämlich ihr Herz an dem Ort zu bestatten, der so sehr in ihrer Seele verankert war, nur zu verständlich.

Doch schon vor ihrem Tod (1938) avancierte Baltschik zu einem Phänomen der Massen. 1913 ließ sich der Sohn des berühmten Malers und Fotografen Carol Popp de Szathmary, Alexandru de Szathmary, als einer der Ersten in dem Küstenstädtchen nieder. Ihn faszinierten die chromatischen Explosionen, das Zusammenfließen von Okzident und Orient. Es gab fünf Moscheen, eine weiße Klippe vor dem tiefblauen Meer, flammend rote Erde und viele junge Menschen, die sich dort in bunten Kleidern tummelten. Der Maler Zamfir Dumitrescu schrieb aus Baltschik sinngemäß an seinen Kollegen Nicolae Tonitza: Lass doch dein Mangalia – komm so schnell wie möglich her! Doch erst nach dem Tod des Freundes fühlte sich der stur auf seinem Inspirationsort beharrende Tonitza verpflichtet, wenigsten einmal nach Baltschik zu reisen. Bei seinem Besuch 1933 erlebt er eine Offenbarung: Er bleibt, und der Stil seiner Werke erfährt eine entscheidende Änderung.

„In Baltschik wurde Geschichte geschrieben, denn wo sich große Künstler tummelten, entstanden auch Ideen, die die Welt bewegten“, begeistert sich Doina Păuleanu.

Der Geist lebt weiter

Ist es die spirituelle Ladung der Ahnen, das immer noch spürbare elektrische Prickeln all der großen Geister, die das Phänomen Baltschik am Leben erhält? Die Rolle des Küstenortes als Magnet künstlerischer Inspiration scheint sich zu wiederholen: Seit 2003 veranstaltet Mihaela Dragomir, Präsidentin des Art Elite Clubs Unesco, dort Sommerlager für zeitgenössische Maler auf den Spuren der älteren Meister (www.eliteart-gallery.com). In einer Hommage an die Vergangenheit finden sie erneut Zugang zu den alten Motiven, dem figurativen Stil der Zwischenkriegszeit, dem exotischen Charme des Dobrudscha-Lichts. „Den besonderen Zauber einzufangen, gelang bisher nur rumänischen Künstlern“, bemerkt die Vortragende, die gelegentlich auch Kulturreisen nach Baltschik organisiert (www.ella.ro).
Wer selbst noch nicht in Baltschik gewesen ist, konnte in der Ausstellung einen Eindruck vom Flair des Ortes erhaschen. Die Fotografien mit Werken der Meister der Moderne und die Gemälde zeitgenössischer Künstler vereinen sich dort zu einem gemeinsamen Raunen: Lass doch dein Bukarest – und komm mal nach Baltschik!

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