„Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“

Dana Grigorceas preisgekrönter Bukarest-Roman

Sonntag, 28. Februar 2016

Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2015 in Klagenfurt erhielt Dana Grigorcea für einen Text aus ihrem zweiten Roman mit dem Titel „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, der im selben Jahr bei Dörlemann in Zürich verlegt wurde, den 3sat-Preis. Ihr ebenfalls in deutscher Sprache publizierter Erstlingsroman aus dem Jahre 2011 mit dem Titel „Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare“, für den die Autorin die Schweizer Literaturperle erhielt, ist ebenso bei Dörlemann in Zürich erschienen. Die 1979 in Bukarest geborene Dana Grigorcea ist Absolventin der Deutschen und Niederländischen Philologie an der Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest. Sie hat außerdem in Brüssel Theater- und Filmregie studiert und einen journalistischen Masterstudiengang an der Donau-Universität Krems abgeschlossen. Als Presse-, Rundfunk- und Fernsehjournalistin war sie in Österreich (Wien), Deutschland (Bonn) und Frankreich (Straßburg) tätig. Außerdem hat sie als Deutschland-Korrespondentin für den Rumänischen Rundfunk und für das Rumänische Fernsehen gearbeitet. Sie lebt gegenwärtig mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Perikles Monioudis, und ihren beiden Kindern in Zürich.

Mit ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ kehrt Dana Grigorcea auf literarisch-fiktionalem Wege in ihre Heimatstadt Bukarest zurück. Victoria, die Hauptfigur des Romans, trotz des siegreichen Namens kein Wendekind, sondern wie die Romanautorin bereits zehn Jahre vor der Rumänischen Revolution geboren, ist eine „Ausgewanderte“ (S. 84), die in Zürich gelebt hat und sich nun wieder in Bukarest aufhält, nicht zuletzt, um dort die Rückerstattung des rumänischen Familienbesitzes (Häuser, Weinberge, Wälder, Grabgrüfte) zu regeln. Wer als Leser in diesem Roman die Darstellung west-östlicher bzw. schweizerisch-rumänischer Differenzerfahrungen erwartet, wird bei dessen Lektüre kaum auf seine Kosten kommen. Vielmehr wird der Leser Zeuge, wie die Protagonistin ganz und gar in den nostalgischen Erinnerungen aufgeht, die sie an die rumänische Kapitale fesseln. Nur selten schweift der Blick nach Zürich, oder vielmehr umgekehrt aus dem „Kafi Schnaps“ (S. 41) oder der „Confiserie Sprüngli“ (S. 88, 132) wieder nach Bukarest zurück. Zürich wird in der Phantasie Victorias gar zu einem Bukarest höherer Ordnung: „Denn das habe ich so an Zürich gemocht, dass ich die Orte erkannte, an denen ich noch nie zuvor gewesen war, es ist mein Bukarest gewesen, aber nicht das nämliche, in dem ich nur ein paar Straßen und Quartiere kannte, sondern jenes, das ich immer als ganz gewähnt hatte“ (S. 89f.).

Was die Ich-Erzählerin Victoria an die Realität und Gegenwart bindet, sind ihr Verlobter Flavian, der sie im glänzenden Aston Martin DB 5 durch Bukarest chauffiert, und die etwas verunglückte Bankraubstory, die erklären soll, warum Victoria Zeit hat, sich ihrem geliebten Bukarest ohne störende Berufstätigkeit gänzlich hinzugeben. Selbst wenn das Bankraubmotiv verschiedentlich wieder anklingt und den Roman hätte strukturieren können, wird es im narrativen Verlauf doch in den Maelstrom der Memoiren hinabgezogen, die denn auch am Ende abrupt abbrechen. Wer sich aber von der vordergründigen Konstruktion der Handlung und von einer gewissen Formlosigkeit im Ganzen  nicht abschrecken lässt, wird Dana Grigorceas Bukarest-Roman vollauf genießen können. Mit großer Detailgenauigkeit und Faktentreue wird hier ein lebendiges und zugleich im Verschwinden begriffenes Bukarest-Bild evoziert, gestaltet und festgehalten. Die Kindheit Victorias im Cotroceni-Viertel, die Straßen und Plätze der Stadt treten dem Leser plastisch vor Augen. Die Familie der Protagonistin wird lebendig geschildert, die Ex-Freunde sind in Erinnerung und Gegenwart präsent, schillernde Gestalten betreten das Stadttableau: Herr Rapineau, der alte Bankräuber, die Therapeutin Frau Miclescu, die chiromantische Romni, die hübsche Remailleuse. Jede dieser Gestalten bringt ein wunderbares Flair in Grigorceas Erinnerungstableau, in das sich der ubiquitäre Bukarester Lindenduft betörend mischt.

Auch die jüngere rumänische Zeithistorie kommt zur Sprache, nicht nur in Form der Geschichte diverser Straßen und Gebäude, sondern auch als solche, etwa am Beispiel der sog. Mineriaden des Jahres 1990 oder des Besuchs von Michael Jackson in der rumänischen Hauptstadt im Jahre 1992, bei dem der King of Pop die Bukarester mit dem Satz „It’s great to be here in Budapest!” vor den Kopf stieß. In dieses historische Ambiente mischen sich lebensgeschichtliche Ereignisse: der Sturz an der Hand der Mutter in einen deckellosen Kanalschacht, die wiederholten Fahrten mit dem Kindheitsbus 368, die Zeit als Pionierin, die Schachleidenschaft Victorias. Eine Hochzeit in Mogoşoaia, ein Besuch in Buşteni, eine Zugfahrt mit dem Paten („cu naşul“) und vieles andere mehr bereichern den rumänischen Bilderbogen des Romans und geben der Erzählerin Gelegenheit, ihre sprachliche Gewandtheit, ihre Schilderungslust, ihren Erzähl- und Erinnerungsdrang unter Beweis zu stellen. Dass bei aller Authentizität des Dargestellten allein die Gestalt Gigi Becalis pseudonymisch verschlüsselt wird, bleibt unverständlich. Dass der rumänische Unternehmer, Politiker, Mäzen und Eigentümer des Fußballvereins Steaua Bukarest von der Erzählerin den Namen des berühmten rumänischen Dichters und Kulturphilosophen Blaga verpasst bekommt, ist wohl als bittere Ironie zu werten: Lucian Blagas mioritischer Raum wird vom ehemaligen Schäfer Gigi Becali beerbt, der ihn als Grundstückspekulant für den Immobilienmarkt im Speckgürtel Bukarests kapitalistisch erschließt!

Verschiedentlich fallen kleine Fehler auf (z.B. „Minen“, S. 49, oder „Romanischer Platz“, S. 124), die aber insgesamt nicht ins Gewicht fallen. Es bleibt ein wunderbar leuchtendes Bukarest-Bild, eine erfüllt gelebte Kindheit und Jugend in der rumänischen Kapitale, ein besonderes Lebensgefühl, das es anderswo nicht gibt und von dem mancher Schweizer Kollege Victorias nur neidvoll seufzend sagen kann: „Ich wünschte, ich hätte auch so etwas erlebt…!“ (S. 132), und,  nicht zuletzt, das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit (vgl. S. 104f.).


Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit. Roman, Dörlemann: Zürich, 2015, 263 S., ISBN 978-3-03820-021-5, 22 Euro. (Auch als E-Book erhältlich: ISBN eBook 978-3-03820-921-8, 16,99 Euro.)

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