„Das richtige Rumänien, Land und Leute kennenlernen“

Gespräch mit Ramona Lambing, Geschäftsführerin der Reiseagentur Passage

Sonntag, 12. April 2015

Ramona Lambing

Die gebürtige Orzydorferin Ramona Lambing ist seit 30 Jahren in der deutschen Tourismusbranche tätig. 1976 wanderte sie aus dem Banat nach Deutschland aus, wo sie auch ihre Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau absolvierte. Heute ist sie Geschäftsführerin der Reiseagentur Passage in Saarbrücken, seit 2006 mit Ableger auch in Temeswar/Timişoara. Darüberhinaus unterrichtet sie als Gastdozentin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.
ADZ-Redakteurin Iulia Sur spricht mit der langjährigen Tourismusunternehmerin über die Herausforderung, Rumänien deutschen Touristen als Reiseland schmackhaft zu machen, aber auch über noch anstehende Hausaufgaben für  hiesige Behörden und Institutionen.

Frau Lambing, wofür interessieren sich deutsche Touristen besonders in Rumänien? Was möchten sie hier gern besichtigen und welche Urlaubsziele werden bevorzugt gebucht?

Hoch im Kurs stehen Land und Leute, Kunst, Kultur und die Natur. Man kommt vielleicht auch gezielt für Kurorte, jedoch eher punktuell. Wenn neue Besucher aus Deutschland herangezogen werden sollen oder wenn sie selbst Interesse äußern, dann ist es eher etwas, das mit Natur, Aktivität oder Kultur zu tun hat. Ich komme gerade erst von der Tourismusmesse aus Stuttgart, einer Publikumsmesse, d.h. keiner Fachmesse, bei der es um business-to-business geht. Das ist eine richtige Besuchermesse, wo der Endkunde sich über das betreffende Land informiert. Die Leute, die kommen, wollen wirklich Land und Leute, das richtige Rumänien kennenlernen. Die wollen nicht an der Schwarzmeerküste Badeurlaub machen, sondern entweder mit einem Mietwagen durchs Land fahren, zu den Klöstern der Nordmoldau oder den Kirchenburgen Siebenbürgens, einen Wanderurlaub im Donaudelta oder eine Fahrradreise unternehmen.

Im Grunde genommen wollen sie sich entweder sportlich betätigen oder auf den Spuren der sächsischen Kirchenburgen und der orthodoxen Klöster wandern. Bei diesen Messen gab es auch viel Nachfrage nach Camping oder Karawan – ein Segment, das ich persönlich weniger bediene, aber das in die gleiche Richtung geht. Also, man will selbst etwas Neues sehen, das richtige Leben kennenlernen. Das ist durchaus eine Chance für Rumänien, weil viele Leute schon sehr viel oder alles gesehen haben. Nun gilt es, ein unbekanntes Stück Europa zu entdecken. Aber es verkauft sich nicht von allein, man muss den Leuten auch teilweise ein bisschen die Angst davor nehmen.

Wovor haben die Menschen denn Angst?

Vor einem Jahr oder vor zwei Jahren war das noch viel ausgeprägter, da kamen Leute zu mir, die haben mich wortwörtlich gefragt: „Ja, kann man denn da mit dem eigenen Auto fahren? Ist das sicher?“ Das ist zum Beispiel ein Image, gegen das wir angehen müssen. Ich habe dann immer gelacht und gesagt: „Schauen Sie mich an, ich fahre zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jeder Jahreszeit durchs ganze Land und bisher hat mir wirklich noch kein Mensch etwas zuleide getan. Das sind alles Ammenmärchen, das stimmt nicht. Hier ist es genauso sicher wie in anderen Ländern oder genauso unsicher wie in anderen Ländern.“

Der normale Tourist kennt Rumänien nicht, der weiß nicht, was ihn hier erwartet, auch nichts von der Vielfältigkeit oder wie die Straßen sind. Viele sagen „wir wollen mit den Motorrädern kommen“ oder „wir wollen Straßen mit Geländewägen befahren, weil eben nicht alles so perfekt ist. Genau das reizt uns.“ Sie sehen in allem, auch wenn es ein Infrastrukturdefizit ist, eine Chance. Es muss nur entsprechend vermarktet werden. Da, glaube ich, liegen ein bisschen unsere wunden Punkte: Die Vermarktung wird nicht gut genug auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten. Man müsste genau diesen Wünschen der Kunden Rechung tragen und das gezielt bearbeiten. Das kann kein Reisebüro oder Reiseveranstalter machen, das ist auch eine hochherrschaftliche Aufgabe, die von der nationalen Tourismusbehörde, vom Land, von den einzelnen Verwaltungskreisen oder Städten gemeinsam mit den kommerziellen Agenten gemacht werden müsste. An diesem Zusammenspiel allerdings fehlt es noch.

Was macht die Agentur Passage in dieser Richtung?

Die Agentur Passage ist ein Vollreisebüro, d.h. wir haben die Lizenzen, Flugscheine zu verkaufen wie jede Fluggesellschaft, wir arbeiten mit den großen deutschen Reiseveranstaltern wie TUI, DerTour, Meier’s Weltreisen zusammen. Wir schicken sehr viele Gäste maßgeschneidert in die große weite Welt. Ich organisiere zum Beispiel auch Gruppenreisen nach Vietnam, Laos, Kambodscha oder, wie letztes Jahr, nach Burma.

Auch für rumänische Gäste?

Für deutsche, aber auch für rumänische Gäste. Von Rumänien heraus schicke ich nicht so viele Gruppen, es sind vorwiegend Einzelgäste, die ich auf Wunsch nach Fernost, nach Afrika oder auf Kreuzfahrten schicke. Aber wir haben angefangen, uns darauf zu spezialisieren, Gäste aus dem deutschsprachigen Raum – Deutschland, Österreich, Schweiz – nach Rumänien zu bringen. Dies einmal im Bereich der Gruppenreisen, das sind dann maßgeschneiderte Gruppenreisen, aber auch im individuellen Bereich. Allerdings gestaltet sich das im Moment noch ein bisschen schwieriger, weil die Werbung beim individuellen Bereich noch nicht so stark gegriffen hat. Sie müssten einen Katalog haben, sie müssten bundesweit präsent sein und, wie gesagt, eine Agentur allein kann das nicht so schnell aufholen, was ein Land, ein Verwaltungskreis und eine Region jahrelang versäumt haben: für sich zu werben.

Publikationen gibt es immerhin in deutscher Sprache, in denen zum Beispiel die Klöster in der Moldau präsentiert werden...

Das meinen Sie! Es gibt vielleicht Reiseführer, aber...

Es gibt Bildbände mit den Sehenswürdigkeiten Rumäniens...

Ja, und was nützt ihnen das? Was sollen sie mit schönen Bildern, die können sie nicht buchen. Sie können gute Produkte buchen, aus Katalogen heraus und mit Preisen versehen. Diesen Vertrieb kann zum Beispiel eine Agentur wie meine allein kaum aus dem Nichts heraus stemmen. Man beginnt dann, sich auf Gruppenreisen zu spezialisieren, weil man da in der Regel schon einen bestimmten Auftraggeber hat, der Vertrieb ist schon geteilt, das heißt, es gibt jemanden, der diese Sache in Auftrag gibt. Aber wenn es um einzelne buchbare Produkte geht, da müssen, wenn es richtig funktionieren soll, einzelne Reisebüros wie wir entweder Kooperationen mit deutschen Partnern schließen oder es gemeinsam mit den nationalen Tourismusbehörden, den deutschen Reiseveranstaltern oder Vereinen angehen, um dort für die Destination Rumänien zu werben.

Wie groß ist das Interesse der Deutschen, Temeswar zu besichtigen?

Also erstens, was die deutschen Veranstalterkataloge betrifft, ist Temeswar bei den größeren Reiseveranstaltern nicht vertreten. Die Rundreisen mit Anreise per Flug berücksichtigen eher die klassischen Routen nach Siebenbürgen, zu den Moldau-Klöstern, nach Bukarest, vielleicht auch ins Donaudelta. Bei Busreisen könnte man eventuell über Temeswar hereinkommen, was aber vielfach auch nicht passiert, weil sie entweder über Arad oder Großwardein/Oradea fahren. Darüberhinaus gibt es vielleicht Gruppen mit einem gemeinsamen gezielten Interesse. Zum Beispiel habe ich jedes Jahr die Bürgerreise der Partnerstadt Temeswars, Karlsruhe, hier. Das sind ganz normale Bürger aus Karlsruhe, die jedes Jahr kommen und sich informieren möchten, wie es hier im Banat und in ihrer Partnerstadt Temeswar zugeht.

Es gibt auch Anfragen für Kurzreisen aus dem österreichischen Raum,  für Wochenendreisen von Donnerstag bis Sonntag. Das bietet sich von dort aus an, weil man relativ schnell sowohl aus Wien oder der umliegenden Gegend eine Kurzreise ins Banat, nach Temeswar, unternehmen kann. Es kommen auch gezielte Anfragen für Informationsreisen, etwa von Oenologen aus Österreich oder von Leuten aus dem Agrarbereich in Deutschland. Aber in der Regel geht es dann nicht nur ins Banat, sondern durch das ganze Land. Die Firma Passage hat auch angefangen, so nach und nach dafür zu werben, aber ich betone nochmal: Es ist ganz schwierig, wenn das nicht gleichzeitig vom Verwaltungskreis, von der Region und der Stadt mitflankiert wird.

Besonders, da Temeswar sich jetzt für den Titel Kulturhauptstadt Europas 2021 bewirbt...

Das ist ein sehr schönes, nobles Unterfangen, das wir voll unterstützen, aber das enthebt die Stadt nicht der Pflicht, sich auch auf Messen zu präsentieren...

Welche öffentlichen Einrichtungen sollten denn dafür werben?

Das kann z.B. das Infozentrum, vielleicht auch der Verein Kulturhauptstadt mittlerweile machen. Das kann unter Umständen eine Vereinigung wie die neu gegründete „Asociaţia pentru Promovarea şi Dezvoltarea Turismului“ (APDT) des Kreisrates Temesch/Timiş sein. Es gibt durchaus die Gremien, aus denen heraus es passieren könnte, die das zusammen mit kommerziellen Agenturen machen können. Das ist nur eine Frage der Abstimmung, denn vieles, was wir können, wofür wir die Lizenzen haben, nämlich als Reiseveranstalter solche Pakete zu schnüren, haben sie ja nicht - aber die Stadt hat sehr viele Prospekte, hat Kartenmaterial. Die Wechselwirkung kommt, wenn man ständig auf diesen Messen präsent ist, jedes Jahr, dann beginnt der gemeine Tourist die Region Banat und die Stadt Temeswar auch wahrzunehmen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

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