Das Stiefkind unter den alternativen Energien

Vordenker fordern nationales Programm zur Förderung von Energiegewinnung aus Biomasse

Samstag, 18. November 2017

Keine Utopie – die Pyrolyseanlage von EcoHornet, die Biomasse in Strom, Gas oder Flüssigtreibstoff verwandelt und als „Abfallprodukt“ wertvolle Pflanzenkohle produziert
Foto: die Verfasserin

Rumänien sieht sich mit vielen Krisen konfrontiert: energetisch isolierte Dörfer, in denen man wie im 19. Jahrhundert lebt, rurale Arbeitslosigkeit, soziale Probleme. Massenabholzungen gefährden den ohnehin stark ausgebeuteten Waldbestand. Die Müllhalden wachsen und Müll wird verbrannt, um Platz für neuen Müll zu schaffen. Probleme, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Doch bei der Konferenz zum Thema „Nationales Energieprogramm zur Wertschöpfung von Biomasse“, organisiert von der Vereinigung einheimischer Investoren (PIAROM) im Oktober in der Bukarester Wirtschaftsuniversität (ASE), kommen sie alle auf den Tisch. Unternehmer, Erfinder, Forscher und Behördenvertreter diskutieren um die Frage, ob es einen gemeinsamen Lösungsansatz gibt: Energiegewinnung aus Biomasse.

In Biomasse eine solche Chance zu sehen, ist, zugegeben, ein ehrgeiziger Gedanke. Laut Şerban Ţigănaş (TEB Energy Business) beziehen selbst hoch entwickelte Länder bis jetzt nur einen kleinen Teil ihrer Energie aus organischem Material aus Forst- und Landwirtschaft und energetischen Kulturen (z. B. Pappeln, Paulownia, Elefantengras, Energieweiden). Finnland deckt 18 Prozent seines Energiebedarfs mit Biomasse, Schweden 14, Österreich zehn. Biomasse sei keinesfalls rentabler als andere Energiequellen, meint Ţigănaş. Was für ihre bevorzugte Nutzung spricht, sind in erster Linie Umweltargumente: Sie ist regenerativ, klimafreundlich und schont Waldbestände – in Anbetracht der notwendigen Abkehr von fossilen Brennstoffen wichtige Kriterien. Biomasse ist meist ein Abfallprodukt, billig oder gratis, doch lässt man sie ungenutzt verrotten, trägt sie zur Umweltbelastung bei. Die Krux: Umweltargumente interessieren private Investoren kaum. Ihnen geht es um Profit und Rentabilität für das eigene Unternehmen. Eine weitere Hürde seien vergleichsweise hohe Kosten der Anlagen zur Nutzung von Biomasse.

Wozu ein nationales Programm?

Erweitert man jedoch den Betrachtungsrahmen vom privaten Unternehmen auf nationales Niveau, verändern sich die Parameter. Bei der Frage nach der Rentabilität fließen jetzt auch andere Kriterien ein. Zum Beispiel der kollaterale Nutzen durch die Lösung anderer Probleme – angeschwemmte Algenberge an der Schwarzmeerküste, die den Tourismus stark belasten; die Entsorgung von Klärschlamm; Einsparungen im sozialen Bereich, wenn Arbeitsplätze auf dem Land entstehen, wo ein großer Teil der Biomasse anfällt; Einsparungen im Gesundheitssystem, wenn umweltbelastende Technologien ersetzt werden. Hinzu kommt, dass es ein kaum bekanntes, vermarktbares Nebenprodukt des Energiegewinnungsprozesses aus Biomasse gibt. All dies müsste in einem nachhaltigen, nationalen Energiekonzept berücksichtigt werden, fordern daher einige Experten, die sich mit konkreten Lösungsansätzen auseinandergesetzt haben.

Einer der gewagtesten Vordenker in diesem Sinne ist der Erfinder und Unternehmer Iuliean Horneţ (EcoHornet). Dank seines Patents – einer hocheffizienten Energiegewinnung aus Biomasse bei Temperaturen von über 1250 Grad, wo schädliche Verbindungen wie Dioxine gleich mit verbrennen (bisherige Technologien liegen bei 750-850 Grad) – hält er die energetische Unabhängigkeit Rumäniens auf Basis von Biomasse und anderen alternativen Energien für möglich (die ADZ hat mehrfach berichtet). Seit Langem versucht er, politische Entscheidungsträger auf existierende Erfindungen, Studien und Pilotprojekte aufmerksam zu machen. Denn um diese umsetzen zu können, wären Gesetzesänderungen nötig und Investitionen müssten gezielt gefördert werden. Horneţ war auch der Initiator der Konferenz, die seitens des Landwirtschaftsministeriums von Minister Petre Daea und Staatssekretär Alexandru Potor wahrgenommen wurde. Unterstützung kommt zunehmend auch aus fachlichen Kreisen: Universitäten und Business-Cluster stellen konkrete Studien und Pilotprojekte vor.

Mehr Aufmerksamkeit für Biomasse

Landwirtschaftsminister Petre Daea zeigte sich einer verstärkten Nutzung von Biomasse prinzipiell aufgeschlossen. Rumänien verfüge über 31 Millionen Tonnen Biomasse, die allein auf den landwirtschaftlich genutzten Anbauflächen als Abfallprodukt anfallen – doppelt so viel wie die Holz-Ausbeute der Forstwirtschaft im ganzen Land, erklärte er. Kritisch äußerte er sich jedoch über energetische Kulturen. Ein von ihm initiiertes Gesetzesprojekt verbietet deren Anbau auf landwirtschaftlich anderweitig nutzbarem Gebiet. Auch weil der Schattenwurf von Pappeln oder Paulownia benachbarte Kulturen beeinträchtigen soll. Energetische Baumplantagen werden daher derzeit nur auf aridem Land oder Sumpfgebiet genehmigt. PIAROM-Vorsitzender Cristian Pârvan kontert mit dem Argument, Windparks befänden sich doch ebenfalls auf fruchtbarem Land. „Die Holzpreise sind um 60 Prozent gestiegen – aber wir wollen energetische Kulturen nicht fördern“, merkt er ironisch an.

Iuliean Horneţ sieht vor allem die Entwicklung im Bereich Wohnraumheizung kritisch: Über 15 Prozent der rumänischen Bevölkerung könnten ihre Wohnungen nur unzureichend heizen, weiteren 40 Prozent fehle es an Wärmekomfort, zitiert er eine EU-Statistik. Wegen mangelnder Effizienz entfallen 35 Prozent der Gesamtenergie des Landes auf Heizung, im Vergleich zum EU-Mittel von 24 Prozent. Eine Lösung sieht er in der intensiveren Nutzung von Biomasse und geothermischen Energiereserven.

Rumänien verliert jährlich 65 Prozent der vorhandenen Biomasse, während 35 Prozent ineffizient genutzt werden, kritisiert Horneţ die derzeitige Energiestrategie, die sich zu stark auf Gas stütze. Gasheizungen für Wohnungen sind jedoch gesundheitsgefährdend, wie eine Studie der Universität für Medizin und Pharmazie in Klausenburg/Cluj-Napoca zeigt: Demnach setzen Gas-Zentralheizungen, wie sie in Wohnblocks gang und gäbe sind, über 70 krebserregende Stoffe durch die Wände frei. Für einige Schadstoffe soll die Konzentration in den Räumen größer sein als draußen.

Zwei Produkte – kein Müll

Der Behauptung, Biomasse sei im Vergleich weniger rentabel, hat Prof. Erol Murad von der Bukarester Polytechnischen Universität einiges entgegenzusetzen. Nicht nur ist sie reichlich vorhanden, billig, erneuerbar und sauber. Ihre Nutzung nach dem sogenannten CHAB-Konzept liefert neben Wärmeenergie auch noch ein vermarktbares „Abfallprodukt“: Pflanzenkohle. „Dies klimaneutral unter negativer CO2-Bilanz mit sehr geringen PM- und CO-Emissionen.“ Pflanzenkohle ist ein in der Landwirtschaft hochgeschätztes Qualitätsprodukt, das in zahlreichen Regionen der Welt zur nachhaltigen Bodenverbesserung beiträgt, kann man bei Wikipedia nachlesen. Sie dient als Mikrohabitat für Bodenmikroorganismen, steigert den Boden-pH und ist wegen ihrer hohen Absorptionskapazität von Gasen und Flüssigkeiten ein guter Nährstofflieferant oder Schadstofffilter. Über 55 Anwendungen sind für Pflanzenkohle bekannt, so Prof. Murad.

Für eine Verwendung in der Landwirtschaft muss sie das Europäische Pflanzenkohle Zertifikat erfüllen, das einen sehr geringen Anteil an organischen flüchtigen Stoffen (VOC) fordert, was durch die Pyrolyse von Biomasse bei über 650 Grad gewährleistet wird. Eine geeignete Anlage, die Pyrolyse-Installation von EcoHornet (Bild), ziert auf einem Paneel den Tagungsraum. Davor sind Behälter mit Pflanzenkohle-Pellets aus verschiedenen Biomasse-Quellen aufgebaut: Klärschlamm, Stroh, Paulownia, Miscanthus, Energieweide, Hausmüll... Pro Stunde kann die Anlage 100-150 Kilogramm trockene Biomasse verbrennen.

Pflanzenkohle wird in Deutschland und der Schweiz zum Preis von mindestens 1000 Euro pro Tonne verkauft, informiert Murad weiter. In der Landwirtschaft eingesetzt, zeigten wissenschaftliche Studien in 58 Prozent der Fälle eine nennenswerte Produktionssteigerung. Vor allem im Weinbau wurde eine Verbesserung des Boden-Wasserhaushalts und des Rückhalts von Nährstoffen festgestellt. Eine Masterarbeit zu einem Versuchs-Gemüseanbau in Copăceni gibt optimale Produktionssteigerungen für Radieschen mit einer 10-prozentigen Beimengung von Pflanzenkohle, für Tomaten mit einer 15-prozentigen und für Spinat mit 20 Prozent an. In Japan wird Pflanzenkohle seit 1984 verwendet. Auch Deutschland und Schweden haben sie für die Bodenverbesserung in der Landwirtschaft entdeckt und seit 2013 zugelassen.

Das CHAB-Konzept, so Prof. Murad, eignet sich vor allem für land- oder forstwirtschaftliche Betriebe, die ihren Biomasse-Abfall zur Deckung des eigenen Energiebedarfs nutzen und mit der anfallenden Pflanzenkohle ihre Ernte steigern wollen. In Rumänien könnten solche Anlagen einen substanziellen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ländlicher Gebiete leisten.

Biomasse als Chance zur ruralen Entwicklung

Florian Marin, Vizevorsitzender des Rates für Wirtschaft und Soziales in Rumänien und Vorsitzender der Föderation der freien Gewerkschaften, verweist auf das Potenzial von Biomasse zur Reduzierung von Armut und Arbeitslosigkeit auf dem Land. Rumänien nutze sein ländliches Potenzial viel zu wenig, kritisiert er, denn rurale Gebiete würden als Problemzonen, nicht als Ressourcen betrachtet. Sein Vorschlag: Statt an Haushalte mit einem Monatseinkommen von unter 600 Lei Heizkostenzuschüsse zu zahlen, solle das energetische Konzept überdacht und Lösungen für ländliche Gebiete gefunden werden, die mit EU-Mitteln – bisher völlig unzureichend genutzt – finanziert werden könnten. Biomasse fällt meist auf dem Land an, das Sammeln und Verarbeiten könnte vor Ort Arbeitsplätze schaffen. Schulen und öffentliche Einrichtungen in Dörfern könnten mit Biomasse günstig beheizt werden.

Rumänien hat hohe Energiepreise – dabei leben 37 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze, die meisten davon auf dem Land, kritisiert Marin weiter. Am schlimmsten sei, dass es derzeit keine Pläne für die Erschließung günstiger Energiequellen gibt.

Doch selbst in Städten kann Biomasse eine Chance sein: Prof. Eden Mamut, Direktor des Instituts für Nanotechnologie und Alternative Energieressourcen an der Universität „Ovidius“ in Konstanza, Koordinator des MEDGreen Business-Clusters in Medgidia, verweist auf städtische Biomasse-Abfälle – allein in Parks seien es jährlich 79.400 Tonnen, auf Märkten 71.800 Tonnen. Hinzu kommen an der Schwarzmeerküste angeschwemmte Algen sowie Klärschlamm aus den Kläranlagen.

Energetische Unabhängigkeit – ein Rechenbeispiel

PIAROM informiert in einem schriftlichen Kommuniqué: Rumänien verfügt jährlich über ein Potenzial von 60 Millionen Tonnen trockener Biomasse, die mit rumänischer Technologie in 240 Millionen Megawattstunden (MWh) elektrische und thermische Energie umgewandelt werden könnten. Zum Vergleich: 2015 wurden 82 Millionen MWh zur Wohnraumbeheizung, 10 Millionen für Warmwasser und 23 Millionen zur Beheizung öffentlicher Räume verwendet. Diese Energie könne mit 25 Millionen Tonnen Biomasse-Pellets gedeckt werden. Die Herstellung von Pellets kann übrigens bereits mit einer Investition von 20.000 Euro geschehen. Pârvan erwähnt zwei zu 90 Prozent mit EU-Mitteln finanzierte, sofort profitable Kleinunternehmen in Rumänien.

Weiter wird vorgerechnet: Mit einer Investition von 12 Milliarden Euro in Pyrolyse-Anlagen im CHAB-Konzept könnten 60 Millionen Tonnen Biomasse pro Jahr in 60 Millionen MWh Strom und 200 Millionen MWh Wärme umgewandelt werden. Nebenbei würden 15 Tonnen Pflanzenkohle anfallen und eine Million Arbeitsplätze geschaffen. Statt dessen verrottet ein Großteil der Biomasse umweltschädlich auf unseren Feldern oder wird ineffizient verbrannt. Wie lange noch bleibt Biomasse in Rumänien das Stiefkind unter den alternativen Energien?

Kommentare zu diesem Artikel

johann henger, 20.11 2017, 12:54
Da wird wieder die Hornet-Suppe aufgewaermt. Wenn seine "Erfindung" eine Erfindung ist, dann braucht sie keine staatliche Unterstuetzung um auf den Markt zu gelangen. Wenn RO die geforderten gesetzlichen Rahmenbedingungen und Foerderungen nicht taetigt, dann wuerden sich bestimmt andere Laender der Sache annehmen, wenn das Gebot der Wirtschaftschaflichkeit erfuellt waere. Der Rest ist hochakademisches Dilettantengeplaenkel, ausgenommen Daes Aussage, dass Pappel- und pawloniakulturen nicht auf landwirtschaftlich nutzbarem Terrain kultiviert werden duerfen

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