Das Temeswar der Handwerker

Eine Stadt der Ateliers und Manufakturen in einem Band wiederbelebt

Freitag, 20. März 2015

Der Umschlag des Buches „Memorie şi diversitate culturală la Timişoara / Meşteri de care ne amintim“ (Erinnerung und kulturelle Vielfalt in Temeswar / Handwerker, an die wir uns erinnern) von Smaranda Vultur, Vlad Colar, Thomas Remus Mochnacs und Gabriela Panu

Im Image einer Stadt hinterlassen viele Kategorien von Bürgern eine Spur. Das Temeswar der Handwerker und Meister ist das Zentralthema des Bandes „Memorie şi diversitate culturală la Timişoara / Meşteri de care ne amintim“ (Erinnerung und kulturelle Vielfalt in Temeswar / Handwerker, an die wir uns erinnern), der die Unterschriften von Smaranda Vultur, Vlad Colar, Thomas Remus Mochnacs und Gabriela Panu trägt. Der Schornsteinfeger Feri-bácsi aus dem Viertel „Dintre plopi“, der Blumenzüchter Árpád Mühle, der älteste Sohn von Wilhelm Mühle, der Buchhändler Moravecz, die Schneiderin Ila Schlesinger beleben ein dem heutigen Leser sehr gemütlich anmutendes Temeswar wieder.

Der 2013 im Brumar-Verlag erschienene Band, der aber erst Ende 2014 zum ersten Mal präsentiert wurde und Ende März auf der Temeswarer Buchmesse Bookfest wieder vorgestellt werden soll, bearbeitet vorwiegend Interviews und Fotografien aus dem Archiv der Forschungsgruppe für Oral History (mündlich überlieferte Geschichte) der Stiftung „Das dritte Europa“, die von Smaranda Vultur geleitet wird, sowie Ansichtskarten aus der Sammlung von Thomas Remus Mochnacs.

Smaranda Vultur erinnert sich in einem Gespräch für die ADZ: „Ich fragte mich anfangs, ob wir tatsächlich genug Material haben, um einen Band herauszugeben, der sich mit Handwerk und Handwerkern befasst. Ich war selber erstaunt, wie viel zusammengekommen ist. Wir haben auch Temeswarer Schriftsteller befragt, auch in alten Monografien geforscht und nicht zuletzt online die Temeswarer gebeten, die anderswo leben, uns mit Informationen zu beliefern. Man bemerkt mehrere Etappen: Es ist das Temeswar der Handwerker der Zwischenkriegszeit, damals waren die Handwerker vorwiegend Nicht-Rumänen – Deutsche, Juden, Ungarn. Nach und nach erschien eine zweite Generation von Handwerkern, die von der zuerst genannten das Metier erlernt hat, aber es haben sich viele Sachen geändert. Von ihnen haben wir über die Generation der Zwischenkriegszeit gehört“.

Das Buch ist auf Kapiteln aufgebaut, die die verschiedenen Berufsgruppen zusammenfassen: Im ersten Kapitel wird dem Leser eine Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn durch die Viertel des alten Temeswar angeboten, dabei werden die einzelnen Viertel mit den Handwerken und Werkstätten identifiziert. Der Straßenbahn kommt eine nostalgische Funktion der Verbindung zu, sie wird in dem Kapitel „Der Stolz der Temeswarer“ dargestellt, befuhr doch die erste von Pferden gezogene Straßenbahn die Straßen der Stadt. Bei dieser Stadtrundfahrt wird der Leser von „Muki“ – so hieß die Straßenbahnlok in der Zwischenkriegszeit – geführt.

Weiter werden die an der Geschichte der Stadt interessierten Leser durch „Soziale Praktiken, kulinarische Praktiken“ geführt: Eine Welt der alten Konditoren, die Temeswarer Cafékultur, das Universum der Lebensmittelläden, der Hotels und Restaurants sind das Zentralthema dieses Kapitels. Markennamen wie die der Schokoladenfabrik „Kandia“ und der Bierfabrik „Timi{oreana“ sind präsent: Ein Bonbonstand der Kandia-Fabrik spricht auch aus dem Schwarz-Weiß-Foto für die einst hier hergestellten Delikatessen; über die Kunst des Bierbrauens erfährt der neugierige Leser von Aurel Hrior, der jahrzehntelang in der Branche gearbeitet hat und eine minutiöse Beschreibung des gesamten Prozesses liefert.

Weiter geht es mit dem „Werdegang eines Handwerkers“. „Frederic König hat in einer Fabrik gearbeitet, war jedoch in seiner Freizeit ein begeisterter Entomologe und bekannt als ein großer Sammler von Schmetterlingen. Um Meister zu werden, musste er Europa bereisen. Von diesen Reisen brachten die angehenden Meister nicht nur die Kenntnisse über das Handwerk, so wie es in Mitteleuropa ausgeübt wurde, heim, sondern neue Ideen. So sind zum Beispiel die sozial-demokratischen Ideen nach Temeswar gebracht worden“, erklärte Smaranda Vultur für die ADZ.

Das folgende Kapitel befasst sich mit den Image-Schöpfern: Schneider, Fotografen sowie Goldschmiede und Uhrmacher präsentieren darin ihre Kunst und auch inzwischen untergegangene Welten. Wie Smaranda Vultur das umreißt: „Man kann behaupten, dass es noch Schneider gibt, aber der Beruf wurde früher doch ganz anders ausgeübt. In einem Interview, in dem uns Rodica Boda über ihre Schneiderin erzählt, die aus Bessarabien stammte, kommen sehr viele Wörter vor, die man heute nicht mehr benutzt. Wenn jemand den Text liest, entdeckt er ein ganzes Universum von einem Handwerksberuf.

Die Fotografen Temeswars sind sehr interessant: die berühmte Firma Kossak oder das Atelier Pittoni. Die Interviewten erinnern sich, dass sie auf dem Corso fotografiert wurden. Die Enteignungen im Kommunismus waren einer der Hauptgründe, warum diese Handwerke aufgehört haben zu existieren. Es erschienen neue Formen des Handwerkers. Was fehlt, sind die Erinnerungen an Friseure und Friseursalons, wir haben keine Interviewfragmente damit“.

„Im Dienste des Buchdrucks“ standen die Personen, die das nächste Kapitel beleben. In den Bibliotheken Alttemeswarer Familien findet man immer wieder ein Buch aus Großmutters Zeiten mit dem Stempel „Moravetz“, eine der bekanntesten Buchhandlung im alten Temeswar. „Das sehr schöne Bild mit der Buchhandlung haben wir von der Familie Borghida erhalten, die mit der Familie Moravetz assoziiert war“ erklärte Smaranda Vultur. Das Bild zeigt wandhohe Buchregale mit Büchern und die Mitarbeiter der Buchhandlung am Pult – den Stolz kann man ihnen in den Gesichtern ablesen. Vor allem ist es wohl dieser Stolz über ihren mit Hingabe und guten Kenntnissen ausgeübten Beruf, der die alten Handwerker ausmachte.

Das letzte, aber sehr konsistente Kapitel ist „Die Musik – vom Beruf zur Kunst“. Es ist einem in Temeswar leider ganz untergegangenen Metier gewidmet: der Kunst, der Instrumentenherstellung oder auch der Reparatur von Musikinstrumenten. Das Kapitel gipfelt in der Geschichte der Dynastie der Familie Braun.
Der Band ist für Temeswarer und nicht nur eine Informationsquelle und ein Spaziergang durch die Geschichte der Stadt, so wie sie in der Erinnerung der Bewohner weiterlebt.

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