Das Urgestein

Zum Ableben von Hans Liebhardt (1934-2017)

Donnerstag, 05. Oktober 2017

Hans Liebhardt erzählt aus der Geschichte des „Neuen Wegs“.

„Wie eine Ameis’ hab’ ich gearbeitet“, pflegte er zu sagen, und das zu einer Zeit, als sein Name durch die Weißkircher-Geschichten zwar schon landesweit bekannt war, die Deutsche Fernsehstunde aber, die Tätigkeit als Herausgeber von rumäniendeutscher Literatur und die Auftritte bei Radio Bukarest noch vor ihm lagen. Sein Spitzname unter den älteren Kollegen lautete „Hänschen“, weil er in jungen Jahren, gleich nach der Lehrerbildungsanstalt von Schäßburg/Sighişoara, als 18-Jähriger zur Redaktion des „Neuen Wegs“ gefunden hatte. Ein Ziehkind der Redaktion. Im Jahre 1954 hat er die legendäre Aussprache erlebt, bei der zehn von der Zeitungsleitung eingeladene deutsche Intellektuelle Vorschläge formulierten, aus denen das Programm für die Kulturseite und später die Kulturbeilage hervorging; die Gäste hießen Emmerich Bartzer, Dr. Bernhard Capesius, Harald Krasser, Franz Liebhard, Alfred Margul-Sperber, Georg Scherg, Mathias Schork, Alexander Tietz, Erwin Wittstock und Dr. Johann Wolf. Mit jener Besprechung begann die Rolle des „Neuen Wegs“ als Faktor des deutschen Kulturlebens, und es ist bezeichnend für Liebhardts Engagement, dass er nach seinem Studium 1954-1959 zum Leiter der Kulturabteilung aufrückte.

Sein Spitzname unter den jüngeren Kollegen lautete „Meister“, so sprachen wir ihn auch an.

Mit den Weißkircher-Geschichten, zuerst im Band „Träume und Wege“ (1966) zusammengefasst, dem dann weitere autobiografisch gefärbte Bände folgten, fand Hans Liebhardt Eingang in die Lehrbücher für die deutschen Schulen, durch seine Tätigkeit als Leiter der deutschsprachigen Sendung des Fernsehens, von 1970 bis 1980, erlangte er die größtmögliche Popularität. Damals erwarteten die Rumäniendeutschen im ganzen Land die wöchentliche Fernsehstunde mit derselben Vorfreude wie sonst das Kronenfest und die Kerwei. Liebhardt hat rumäniendeutsche Theateraufführungen publik gemacht, Chöre und Tanzgruppen gefördert – er brachte Berichte aus der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, der Banater Schwaben und anderer Siedlergruppen. In der Rubrik „Bücher und Bilder“ setzte er sich für die rumäniendeutsche Literatur ein und bot Nachwuchsschriftstellern ein Forum an. Ich habe in Bistritz beobachtet, wie Nachbarn und Freunde sich angeregt versammelten, um gemeinsam die Fernsehstunde zu erleben. Zehn Jahre bedeuten rund fünfhundert Wochen, in denen er regelmäßig in den Wohnungen der Deutschen in Rumänien präsent war. Dann kehrte er zum „Neuen Weg“ zurück.

Wenn neue Anweisungen „von oben“ mitgeteilt wurden, neue Regeln, neue Richtlinien, saß Liebhardt still da, den Kopf geneigt und etwas zur Seite gelegt, um sich anschließend unbeirrt, mit ungeheurem Fleiß und mit immer neuen Einfällen an die Arbeit zu machen. Er arbeitete in der Redaktion und doppelt so viel zu Hause – wie Franz Storch und Ewalt Zweier, wie Hedi Hauser, wie Nikolaus Berwanger und Heinrich Lauer. Nach der Wende hielt er dem „Neuen Weg“ und seiner Nachfolgezeitung „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ (ADZ) die Treue. Als es im Sommer 2008 hieß, dass die ADZ ihr Erscheinen einstellt, gehörte er zu den letzten drei Redakteuren in der Bukarester Redaktion, die das Erscheinen der Tageszeitung gewährleisteten.

Seinem Interesse für kulturhistorische Themen verdanken wir Fernsehfilme, Rundfunksendungen und Bücher. Im ADZ-Verlag veröffentlichte Liebhardt die Bände „Deutsche in Bukarest. Zwei-drei Jahrhunderte erlebter Geschichte“ (2003) und „In Bukarest und Altrumänien. Deutsche Spuren noch und noch“ (2006). An diese Thematik knüpfen die „Bukarester Geschichten“ an, mit denen er ab 1999 einmal monatlich im Fernsehen auftrat. Im selben Atemzug sind die Hörfunkserien „Wer wir sind und was wir wollen“ sowie „Zeitgeschichte in Anekdoten“ zu nennen.

Bereits in den siebziger Jahren gehörte Liebhardt durch die Veröffentlichung von Anthologien zu den Vermittlern der einheimischen deutschen Literatur. Er setzte Maßstäbe mit den Bänden „Worte und Wege. Junge deutsche Prosa in Rumänien“ (1970) und „Worte unterm Regenbogen. Deutsche Erzähler in Rumänien“ (1973). Nach der Wende stellte er mit Erwin Josef Țigla den Band „Aufs Wort gebaut“ (2003) zusammen und trat damit der Ansicht vom Kahlschlag in der rumäniendeutschen Literatur nach 1990 entgegen. Mit dem Band „Im Dickicht der Sprache“, ebenfalls mit Erwin Josef Țigla verfasst, erinnerte er an die Sprachkolumnen und Rezensionen des aus dem Banater Bergland stammenden, unter tragischen Umständen zu Tode gekommenen Dichters Rolf Bossert.

Es ist richtig, hier zu erwähnen, dass er zweimal – 1971 und 1982 – den Prosapreis des Rumänischen Schriftstellerverbands erhalten hat und im Jahre 2000 die Eminescu-Medaille für seine deutsche Eminescu-Ausgabe.

Innerhalb der ADZ-Redaktion schrieb er täglich aktuelle Nachrichten und Kurzberichte für die erste Seite und betreute die Lokalseiten. Die politischen Skandale kommentierte er mit Freude, aber dann doch mit der gebotenen Distanz.

Das Rentenalter war für Hans Liebhardt kein Begriff. Noch am Donnerstag, man schrieb den 28. September, arbeitete er wie gewöhnlich an seinem Schreibtisch in der Redaktion – am Samstag hat er sich für immer verabschiedet.

Hans Liebhardt gestorben – das ist ein Widerspruch in sich. Er wird leben, solange die Rumäniendeutschen und ihre Kinder seine Bücher lesen: seine Erzählungen, Reportagen, Dokumentationen und Anekdoten.

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