Das verlogene Lügenverbot

Dienstag, 08. Mai 2012

Bild: sxc.hu

„Lüg nicht!“ zetert die Mama und schon hört man eine Ohrfeige schallen. Kein Wunder, dass es so viele unhöfliche Klötze auf der Welt gibt, denke ich mir still. Weil doch Erziehungsberechtigte stets versäumen, den Kindern beizeiten beizubringen, worauf es im Leben ankommt: aufs richtige Lügen nämlich! Wer nicht lernt, ständig geschickt das Blaue vom Himmel zu flunkern, wird vom Kreise seiner Mitmenschen bald angeekelt ausgespuckt. Beim ersten Schritt vor die Haustür fängt es schon an. „Guten Morgen!“ flötet man scheinheilig, wenn man einen vollen Lift betritt – auch dann, wenn einem schnurzegal ist, ob der fromme Wunsch in Erfüllung geht. Sollen sie doch einen Morgen haben, wie sie wollen, die fremden Leut, denkt jeder, nur sagen darf man das nicht. Lügen sichert ein friedvolles Auskommen mit Bekannten und Unbekannten. Selbst in der Beziehung zu den Allernächsten ist es von fundamentaler Bedeutung. Trotz treuherziger Absprachen, die jedes Liebespaar kennt: „Lass uns einander immer die Wahrheit sagen!“ ist Ehrlichkeit nicht wirklich gefragt. 

Man stelle sich jetzt ein schmusendes Pärchen auf der Parkbank vor. Sie: „Findest du mich hübsch?“ Er: „Also ehrlich, dein Gesicht ist eher Durchschnitt, aber deine Titten sind toll!“ Klatsch, wieder eine Ohrfeige, diesmal fürs Nicht-Lügen... Lügen gehört zur Kommunikation wie das Amen zum Gebet. Nur, dass man es diplomatisch verbrämt „Höflichkeit“ nennt. Was daher kommt, dass man schon zu Hofe wie ein Weltmeister lügen musste, weil der Kaiser die Wahrheit nicht vertrug. Den Hof gibts zwar schon lange nicht mehr, doch die Regeln sind geblieben.

So darf man ein „Schmeckt‘s dir?“ nicht einfach offenherzig mit „Nein“ quittieren, auch wenn dies fatale Konsequenzen haben kann. Wie für meinen Mann, der fortan lebenslänglich erdulden muss, dass meine Freundin – extra für ihn, wie sie betont – wieder und wieder ihre unseligen Sarmale auftischt, weil sie ihm doch einst so schmeckten. Fatal, dass vor allem schlechte Köche ständig nach Bestätigung heischen – nach dreimaligem „Schmeckts dir auch wirklich?“ – „Ja, toll!(würg)“ entsteht so schnell ein vermeintliches Lieblingsgericht. Wir besuchen sie daher nur noch selten, und wenn wir die Freundschaft nicht opfern wollen, wird er sich wohl eine neue Lüge ausdenken müssen. Eine religiöse Sekte vielleicht, die den Verzehr von gefülltem Weißkraut stark reglementiert? Ähnlich kann es einem bei der Frage „Wie gefällt dir das?“ ergehen. Nicht immer will der Besitzer von geschmackloser Kleidung oder altmodischem Hausrat bloß bewundert werden. Vor allem Mütter und Tanten neigen bei der höflichen Antwort zu überschwänglichen Spontangeschenken, und ehe man sich‘s versieht, findet man sich wieder mit der Ostertischdecke im Kreuzstichmuster oder dem eingerollen Kunstperserteppich unterm Arm, den man dann bei jedem Gegenbesuch hektisch vom Speicher kramen und ausrollen muss.

Auch ein „Wie geht es dir?“ provoziert meist eine Lüge, denn wenn man wahrheitsgemäß mit „nicht so toll“ antwortet, bohrt der Frager ungeniert nach Details. Kein Mensch hingegen will wissen, warum es einem gut geht. Selbst der harmlose Wunsch „Gesundheit“ ist genaugenommen ein scheinheiliger. Sind wir doch in Anbetracht der niesenden Bakterienschleuder in unmittelbarer Nähe meist viel mehr um die eigene Gesundheit besorgt. Die größte aller Lügen aber ist die Höflichkeitsfloskel „Auf Wiedersehen“! Einen „Guten Tag“ mögen wir den meisten Leuten ja noch großherzig gönnen – selbst dem fiesen Gerichtsvollzieher, dem lästigen Hausierer oder dem Polizisten, der gerade einen saftigen Strafzettel an die Windschutzscheibe geklatscht hat. Warum aber in aller Dreiteufelsnamen sollte man solche Menschen wiedersehen wollen?

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