Das Wörterbuch – ein Denkmal

Die Hermannstädter Mundartforscherin Anneliese Thudt feiert ihren 90.Geburtstag

Samstag, 27. Mai 2017

Ihr neuestes Vorhaben: die Leschkircher Mundart nach dem ihr bekannten wissenschaftlichen Schema niederzuschreiben. Diese Mundart weist Besonderheiten auf, sie ist ihr von Kindesbeinen an vertraut und wird im Ort selbst von niemandem mehr gesprochen. Einen kleinen Haken hat das Verwirklichen des Planes: „So mein Kopf mir treu bleibt und ich die Kraft dazu aufbringe“, sagt sie. Auch mit der Zeit sei es nicht ganz so einfach, alles dauere länger und es gebe Zeiten, wo eine Gedankenarbeit nicht mehr so intensiv möglich ist. Die das sagt, feiert diese Tage ihren 90.Geburtstag.  Anneliese Thudt, am 29. Mai 1927 in Mühlbach/Sebeş geboren, hat einen Großteil ihres Lebens der siebenbürgisch-sächsischen Mundart gewidmet. Sie gehörte zu dem ersten Forscherteam, das die Arbeit am Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch 1958 wieder aufgenommen hatte und war maßgebend an der Bearbeitung und Herausgabe der sieben Wörterbuchbände G, H, I-J, K, L, M, N-P beteiligt. In den Jahren 1977 bis 1986, d. h. bis zu ihrer Verrentung, war sie die Leiterin der Wörterbuch-Forschungsstelle im Rahmen des Instituts für Geisteswissenschaften in Hermannstadt, das mal der Rumänischen Akademie, mal der Universität zugeordnet war. Die Arbeit mit der Mundart betrachtet sie rückblickend als ihren Traumberuf. Auf der Suche nach den Eigenheiten der Mundarten bekam man nämlich auch sehr viel vom Leben in den Familien und den Ortschaften mit. „Stück für Stück entstand ein Spiegel der Zeit, man wurde an Erfahrungen reicher – an sprachlicher aber auch menschlicher – und es war eine ungeheure Bereicherung, Land und Leute mit ihren Freuden aber auch Bedrängnissen kennengelernt zu haben“, sagt sie. „Unsere Arbeit, das Wörterbuch, setzt ihnen ein Denkmal“.

Sächsisch mit dem Kind

Die Mundart spielte schon in der Kindheit von Anneliese Thudt eine bedeutende Rolle. Aufgewachsen ist sie in Leschkirch/Nocrich, dem Dorf im unteren Harbachtal, Geburtsort u. a. von Samuel von Brukenthal, wo heute keine siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft mehr besteht. Nach Leschkirch, einst Stuhlvorort und Anfang des 20. Jahrhunderts Bezirksvorort mit eigenem Gericht und Verwaltungsämtern, zog der Vater, um seinen Beruf als Advokat auszuüben. Der Vater war im vier Kilometer entfernt gelegenen Alzen/Alţâna geboren worden, hatte bei Geburt bestimmt, „mit dem Kind wird Sächsisch geredet“ und also wurde Alznerisch im Haus gesprochen. Im Dorf bekam „das Kind“ die Leschkircher Mundart ins Ohr, Deutsch wurde dann im Kindergarten und in der Volksschule gelernt. Dass der Vater selbst vom Dorf stammte, war nicht ganz günstig für die Familie: Er wusste, die Bauern haben keine Möglichkeit, entsprechende Honorare zu bezahlen und bat sie also nicht zur Kasse. „Nach Ansicht der Mutter war Vater ein guter Advokat, aber schlechter Geschäftsmann“, erzählt Anneliese Thudt. Dass sehr gespart werden musste, bekam das Kind trotz unbesorgter Tage mit.

Das Gymnasium besuchte Anneliese Thudt in der Brukenthalschule, wohnte u. a. im Internat der „Kochschule“, der Haushaltsführungs-Ausbildungsstätte für Bürgerstöchter, war da mit gleichaltrigen Kindern zusammen und lernte, sich in der neuen Welt der Städter zurechtzufinden. Von der Ideologie der völkischen Bewegung bekam sie wenig mit, sang die Lieder begeistert und erfreute sich der vielen Möglichkeiten, in der Gemeinschaft mitzumachen. Der Vater, der sich in der NS-Zeit als „offener und überzeugter Bekenner“ (so die Tochter) exponiert hatte, musste im Herbst 1944 ins Lager nach Tg. Jiu, die Tochter konnte dennoch das Bakkalaureat ablegen und begann 1947 in Klausenburg/Cluj Germanistik zu studieren. Trotz trüber Zeiten und der Befürchtung, es materiell nicht zu schaffen. Sie hatte Glück mit einer Freundin, die auch ihre Quartierkosten übernahm und dass niemand dahinter kam, dass sie Tochter eines „Volksfeindes“ war. Abgeschlossen hat sie das Studium 1951 in Bukarest und wurde in der Redaktion „Neuer Weg“ angestellt, wo ausgebildete Redakteure benötigt wurden. Sie hätte lieber im Heimatdorf als Lehrerin gearbeitet, erhielt jedoch den Bescheid: „Wer bei einem kommunistischen Blatt nicht arbeiten will, der hat auch in der Schule heutzutage nichts zu suchen und das werden wir gegebenenfalls weiter berichten“. Sie vertrug das Bukarester Klima nicht und auch die Zustände, in denen die NW-Mitarbeiter wohnen mussten, wurde krank und demissionierte. Nach mehreren Jahren als Lehrerin in Leschkirch und Aushilfslehrerin in der Brukenthalschule wurde sie 1958 dem deutschen Sprachforscher Prof. Dr. Theodor Frings, der Leute für die Weiterarbeit am Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch suchte, empfohlen. Sie stieg in die Mundartforschung ein.

Mundartforschung

Erschienen waren vom Wörterbuch in der Vorkriegszeit die Bände bis G, vorhanden waren die glücklicherweise geretteten Schachteln mit dem gesammelten Material zu den folgenden Buchstaben. Mit Dr. Bernhard Capesius und Gisela Richter nahmen sie sich jeweils einen Kasten mit Zetteln vor und begannen sie zu bearbeiten. Zwar stand das neugegründete Forschungsinstitut unter der Obhut der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, einen Sitz hatte es jedoch nicht, sodass sie zeitweilig sogar in einem Saal des Gerichtes neben den Zellen der Häftlinge ihre Wortbelege ordneten. Die Akademie schrieb u. a. dann vor, dass neue Belege hinzuzubringen seien, und zwar möglichst viele, um die Kontinuität sowie das Variable in der Wortbildung aufzuzeigen. Hierfür musste sie mit Gisela Richter sehr viel Feldforschung betreiben. Ganze Wochen lang fuhren sie über Land und sammelten „mit großem Schwung und Freude“ Wortbelege. Dass sie sich oft in Gefahren begaben, wurde ihnen erst später bewusst. Mit frohem Mut wanderten sie zu Fuß von Ort zu Ort, wenn es keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, denn wer besaß damals schon ein Auto? Oft verliefen sie sich im Wald, gelangten in Schneeverwehungen, von den Einschränkungen, das Essen betreffend, gar nicht zu reden.

Die Feldforschung wurde in Nordsiebenbürgen begonnen, weil dort nach der Flucht der Sachsen aus den Bistritzer und Nösner Gemeinden im Herbst 1944 nur mehr wenige Mundartsprecher lebten, man wenige Belege hatte und befürchtete, zu spät zu kommen. Die beiden Forscherinnen mussten sich und ihre Arbeit bzw. das Anliegen, mit Leuten sprechen zu wollen, beim Volksrat vorstellen, erhielten auch stets Unterstützung, d. h. es wurden Leute geholt, die Auskunft geben konnten. Dabei machten sie aber auch die traurige Erfahrung, dass den zum Volksrat einbestellten Personen weinende Frauen oder Kinder nachliefen, die Schlimmes befürchtet hatten. Abgefragt wurde eine vorgefertigte Liste mit Sätzen, die in alphabetischer Reihenfolge bestimmte Wörter enthielten, nach deren spezifischer Ausdrucksweise geforscht wurde. Zu den Wörterlisten kam dann bald das Aufzeichnen von Redensarten und Märchen in der Mundart hinzu. Die auf Tonband aufgenommenen Märchen wurden transkribiert und verzettelt und auch daraus ein Fundus für die Sprachwissenschaft aufgebaut. Das Übersetzen der Märchen ins Deutsche war quasi eine Nebenbeschäftigung, das positive Ergebnis: Sie gerieten nicht in Vergessenheit. Gelesen werden die von Anneliese Thudt und Gisela Richter erstmals 1971 unter dem Titel „Der tapfere Ritter Pfefferkorn“ herausgegebenen siebenbürgischen Märchen und Geschichten auch heute gern.

Mehr Arbeitskräfte hätte es für die südsiebenbürgischen Mundarten gebraucht, die vokalisch und erst recht konsonantisch sehr auseinandergehen, erklärt die Mundartforscherin. Noch sind nicht alle Buchstaben bearbeitet, doch selbst wenn Dr. Sigrid Haldenwang nun die Einzige ist, die am Wörterbuch arbeitet, ist ein Ende dieses Werkes in Sicht. Leider aber auch der Mundartsprecher. Langweilig war die Arbeit nie und immer wieder erlebte man allerlei. Als sie zum Beispiel im Winter nach Kyrieleis/Chirales fuhren, glitt ein adretter Wagen vor ihnen durch die Schneelandschaft und hielt ebenfalls beim Volksrat. Ihm entstieg ein KP-Aktivist, der begierig war zu hören, was die beiden jungen Frauen machen. Er meinte Anleitungen erteilen zu müssen, äußerte sich unzufrieden mit den festgelegten Modellsätzen und belehrte sie, dass diese ins Positive verbessert werden müssen. In Mundart wiedergegeben werden sollte der Satz „Guten Tag, was macht Dein Junge? Ich habe gehört, er hat sich das Bein gebrochen“. Die Aussage sei negativ besetzt, das gehe nicht, der Satz müsse etwas anderes, Positives enthalten, meinte der Aktivist. „Glücklicherweise hatten wir mit ‚Genossen’ dieser Art keine weiteren Treffen“, erzählt Anneliese Thudt.
Erhalten hat sie bei den zahlreichen Aufenthalten in den Dörfern eine besondere Wertschätzung für die Frau und die Vielseitigkeit der Bäuerin, die trotz aller Verpflichtungen in Haus und Feld sich doch Zeit nahm, um den Forscherinnen Rede und Antwort zu stehen. „War der Mann allein zu Hause, bekam man wenig aus ihm heraus; kaum war die Frau da und hatte schnell das Nötigste erledigt, war sie für unser Anliegen bereit“, sagt Anneliese Thudt. Heute ist sie dankbar für die Offenheit und Bereitschaft der vielen Menschen, den „Störenfried“ aus der Stadt anzuhören.

Weiterarbeit, Mitdenken

Nach der Verrentung hat Anneliese Thudt begonnen, sämtliche im Verlauf der Feldforschungen „hingekritzelten Informationen“ zu entziffern und mit Tinte niederzuschreiben. Monate und Jahre hat sie darauf verwendet, und das gesammelte Material schließlich als Vorlass dem Friedrich-Teutsch-Haus übergeben (zumal sie seit mehreren Monaten im Dr. Carl-Wolff-Heim wohnt). Diese, über die Wortlisten hinausgehenden Informationen, könnten für eventuelle Forschungen zur Alltagsgeschichte in Siebenbürgen genutzt werden. Ebenfalls unausgewertet sind die im Rahmen von Diplomarbeiten von Studenten zusammengetragenen Mundart-Forschungsergebnisse. In den Jahren, als das Forschungsinstitut der Universität in Hermannstadt zugehört hatte – im Sinne der Verbindung von Theorie und Praxis – wurden Studierende angehalten, in Diplomarbeiten ihre Mundart nach einem bestimmten Modell darzustellen. Anneliese Thudt leitete das Erstellen von 27 Arbeiten, in welchen ebenso viele Mundarten untersucht worden sind. Nach diesem Modell möchte Anneliese Thudt auch die Leschkircher Mundart bearbeiten – was bislang nämlich niemand tat.

„Ein Beruf, der einem so nahe liegt und dem Inneren entspricht, der hört nie auf. Man bleibt interessiert, hört, denkt mit und versucht, irgendetwas zu tun“, meint Anneliese Thudt. Zu ihren Gepflogenheiten gehört es, auf Zettelchen Gedanken aufzuschreiben – auch solche, derer sich andere zwecks Umsetzung annehmen können. Eine solche Idee war das Dokumentieren der Wohnzustände und des (unfreiwilligen) Zusammenlebens in siebenbürgischen Städten in den 1950er und 1960er Jahren gewesen, die Anneliese Thudt der Verfasserin dieser Zeilen mitgeteilt hatte, woraus die 2002 in der ADZ veröffentlichte Serie entstand. Sie selbst hat sich im Leben und Schaffen durch das Fehlen einer dauerhaften Bleibe stets beeinträchtigt gefühlt. Sie musste in verschiedenen Untermieten, im Durchgangszimmer und jahrelang im „Mauseloch“, einem 11 Quadratmeter kleinen Zimmer mit Waschbecken und der Erlaubnis, einmal pro Woche das Badezimmer zu Wäsche- und Körperreinigung zu benutzen, wohnen, ehe sie 1973 in die Jahre zuvor gekaufte Wohnung auf der Kleinen Erde/Str. Filarmonicii einziehen konnte. Das heitere Gemüt, die Lebensfreude, das interessierte Zuhören und sich Beteiligen konnten ihr Widrigkeiten jedoch nicht verderben.


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Anneliese Thudt ist Mitverfasserin von sieben Wörterbuchbänden (G, H, I-J, K, L, M, N-P) und des Märchenbandes „Der tapfere Ritter Pfefferkorn“, der eine Auflage von über 220.000 Exemplaren erreichte. In den 1970er Jahren führte sie an der Philologiefakultät die von Prof. Mihai Isb˛{escu begonnenen Vorlesungen über Deutsche Gegenwartssprache weiter, 1976/77 hielt sie ein Seminar über deutsche und siebenbürgische Mundartenkunde und leitete Diplomarbeiten über Mundartfragen an. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu phonetischen, dialektgeografischen und soziologischen Aspekten des Siebenbürgisch-Sächsischen sowie zur Wortforschung veröffentlicht und am „Siebenbürgisch-Sächsischen Wortatlas“ (erschienen in Marburg 1997) mitgearbeitet.
1995 wurde ihr (zusammen mit anderen Bearbeiterinnen) der Timotei-Cipariu-Preis für den L-Band des „Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs“ verliehen, 2000 erhielt sie für ihre 30-jährige Wörterbucharbeit den Preis für Wissenschaft und Forschung der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung.


 

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