„Das Zusammenspiel – ein organisches Spiel“

Gespräch mit der Wiener Schauspielerin und Universitätsprofessorin Estera Stenzel

Mittwoch, 06. Juli 2016

Estera Stenzel
Foto: privat

Rotes schulterlanges Haar, strahlende blaue Augen, komplett schwarz gekleidet. Eine helle Stimme ertönt im Raum, gibt gelassen, aber präzise Anweisungen den jungen Schauspielstudenten. Sie führt Regie beim Workshop der Wiener und Temeswarer Schauspielstudenten, die in einem Raum im Studentenkulturhaus in der Banater Hauptstadt ein Stück proben. Die Schauspielerin und Hochschullehrerin Estera Stenzel ist eine gebürtige Hermannstädterin, hat an der Theater- und Filmakademie in Bukarest studiert und fünf Jahre lang am Nationaltheater in Temeswar gespielt. 1987 siedelte sie nach Deutschland um, wo sie die Bühne betrat, Schauspielunterricht erteilte sowie selbst Stücke schrieb und inszenierte.

Seit über einem Jahr unterrichtet sie an der Schauspielabteilung der Musik- und Kunstuniversität der Stadt Wien und kam in diesem Jahr zum ersten Mal mit ihren Studenten über einen Erasmus-Austausch in die Stadt an der Bega. Zweck des Besuchs: ein Workshop mit den Studierenden der Deutschen bzw. Rumänischen Abteilung der Hochschule für Musik und Theater in Temeswar. Über ihr Studium in Rumänien, Schauspiel- und Lehrtätigkeit in Deutschland und Österreich, ihre Inszenierungen und Spielleitung sprach mit der Wiener Professorin Estera Stenzel die ADZ-Redakteurin Iulia Sur.


Welche Unterschiede gibt es zwischen der rumänischen und der deutschen oder österreichischen Schauspielschule?

In Deutschland ist die Sprache auf der Bühne mächtig. Das österreichische Theater ist emotional, von Nestroy geprägt, das erinnert teilweise an Caragiale. Oft inszenieren dort auch deutsche Regisseure, so dass sich die Unterschiede glätten. Da ich nach der Stanislawski-Methode, die ich in meiner Zeit in Bukarest gelernt habe, gemixt mit Brecht und Improvisationstheater zu arbeiten versuche, möchte ich eine Basis schaffen, die überall gültig ist. Also, um ein organisches Spiel zu schaffen.  

Welche Schauspieler haben damals an der Theater- und Filmhochschule unterrichtet? In welcher Klasse waren sie?

Professor war Petrică Vasilescu, er betreute die rumänische und die deutsche Abteilung und ich switchte zwischen den beiden Abteilungen. Parallel unterrichteten Marin Moraru und Amza Pelea. Ich war in der deutschen Abteilung. Unser Assistent war Albert Kitzl, ein Schauspieler, der aus Temeswar, aus dem Banat, kam, in Bukarest studiert hatte und dort geblieben ist, bis er 1982 mit dem Regisseur David Essrig nach Deutschland gegangen ist. Dort hat er am Thalia-Theater in Hamburg, in Düsseldorf, Zürich usw. gespielt und jetzt lebt er in Berlin, ist Rentner und macht Fernsehen. Er hat mich sehr geprägt.

Wann sind Sie nach Deutschland umgesiedelt?

1987 bin ich nach Deutschland ausgewandert. Ich bin erst mal nach Köln gegangen, wo ich seit 1995 an einer Privatschule im „Theater der Keller“ unterrichtet habe. Bevor ich vor anderthalb Jahren nach Wien kam, war ich zehn Jahre lang in Berlin, um dort an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zu unterrichten. Das ist die Ostschule, die kräftigste Theaterschule von ganz Deutschland: das Programm ist fundiert, geprüft, solide.

Aber Sie haben auch gespielt. Welche Rollen haben Sie interpretiert?

Gespielt habe ich eine Saison in Lübeck, dann in Köln. Später fing ich an mit dem Unterrichten und mit dem Inszenieren. In Köln habe ich in der Freien Szene gespielt, z.B. in der Komödie „Das Glas Wasser“ von Eugène Scribe, die Hekuba im antiken Projekt „Die Troerinnen“ von Euripides, die Schwester mit der Augenklappe in „Grindkopf“ von Tankred Dorst, die Tempelhüterin in Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“...

Welche Stücke haben Sie inszeniert?

Ich habe Projekte mit den Studenten in Köln gestaltet z.B. den Vorläufer des brechtschen „Kaukasischen Kreidekreis“ - „Der chinesische Kreidekreis“ von Klabund, dann ein Stück von Peter Weiss „Wie dem Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird“, „Amadeus“ von Peter Schaffer, später habe ich in einem kleinen Theater unweit von Köln ganz viel gemacht: von Kishon „Die Lerche“, „Die Dame in Rosa“ von Eric Emanuel Schmidt, „Don Carlos“ von Schiller, „Bunbury“ von Oscar Wilde. In Berlin habe ich Caragiale gefeiert, weil er in Berlin gestorben ist, und wie Sie wissen, 2012 war der hundertste Todestag des rumänischen Autors. Zu diesem Anlass habe ich zusammen mit der rumänischen Botschaft ein Projekt auf die Beine gestellt: ein Caragiale-Festival, d.h. einen Tag lang Caragiale. Ich habe ein paar Skizzen auf die Bühne gebracht, drei Kurzfilme nach drei Skizzen gedreht: „Bubico“, „Bakkalaureat“, „Doi ţărani“, das ist ein absurder Dialog zwischen zwei Bauern, Lesungen gehalten, sogar „Den verlorenen Brief“ (O scrisoare pierdută) gestemmt. Dafür habe ich 40 Schauspieler, die ohne Honorar gespielt haben, begeistert. Es war ein Fest!

Waren die Schauspieler aus Berlin oder auch aus anderen Städten?

Erst waren Schauspieler auch aus München und Köln dabei, aber dadurch, dass kein Geld vorhanden war, haben sie verständlicherweise abgesagt und letztendlich blieben die Berliner, deutsche und rumänische Schauspieler, wie z.B. Ion Chiriac, ein hervorragender junger Schauspieler, der aus Temeswar stammt, in Graz studiert hat oder Alexandru Cârneală, der in Klausenburg Schauspielkunst studiert hat.  

Wie wurde das Caragiale-Festival vom deutschen Publikum aufgenommen?

Es gab sowohl ein rumänisches als auch ein deutsches Publikum. Das rumänische Publikum war mit dem Thema natürlich sehr vertraut, das deutsche Publikum entdeckte immer mehr den spezifischen Humor des rumänischen Dramatikers, denn diese Verhältnisse, Korruption usw. gibt es verstärkt europaweit, also man weiß mittlerweile, worum es geht. Es war sehr lustig und ist unglaublich gut angekommen.

Wurden diese Stücke ins Deutsche übersetzt?

Ja, es gab Übersetzungen aus den 1960er Jahren. Eine Version davon wurde 1972 von einem notorischen deutschen Regisseur Peter Zadeck im Kölner Schauspielhaus inszeniert. Das habe ich im Archiv des Theaterwissenschaftlichen Instituts entdeckt. Und ich habe natürlich versucht, das Stück auf eine etablierte Berliner Bühne zu bringen, das erwies sich jedoch als schwierig, weil jedes Theater sein fixes Repertoire hat. Daran kann man nicht rütteln. Es war trotzdem sehr gut, dass wir es gewagt haben, einen rumänischen Autor bekannt zu machen, der vor 125 Jahren europäische „Werte“ satirisch bearbeitete. In der Rumänischen Botschaft haben wir dann eine Soiree mit den schönsten Momenten gezeigt. Es waren um die 200 Menschen dort.

Welche Stücke inszenieren Sie jetzt in Österreich? Welche Autoren?

Mit den Studenten habe ich im Oktober 2015 ein selbst geschriebenes Stück inszeniert, ein Stück, das ich schon vor  Jahren entwickelt habe, zum Thema Menschenhandel. Als ich Mitte der 1990er Jahre den Film „Asfalt Tango“ von Tudor Caranfil gesehen habe, war ich so schockiert, dass ich mir überlegt habe, dieses Phänomen und das ganze dahintersteckende System, in einer Form für die Bühne zu bearbeiten. Das Thema hat mich seitdem verfolgt. Die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) hat mir die Gelegenheit gegeben, mit acht Studenten dieses Thema ins MUKtheater zu bringen. Das Stück heißt „Kalbfleisch“. Weitere Vorstellungen gibt es im Kosmostheater in Wien und im Kulturquartier Linz. Im Moment interessieren mich zeitgenössische Ereignisse und wie man sie auf die Bühne bringen kann.   

Welche anderen Stücke haben Sie noch geschrieben?

Im Jahr 2000 habe ich ein Stück über Hildegard von Bingen geschrieben, eine Hommage an eine Theosophin des Mittelalters. Der Auftrag kam vom Euro Theater Central in Bonn im Rahmen eines mittelalterlichen Festivals. Daraus ist ein biografisches Stück über das Schicksal einer Frau im Mittelalter, über Klause, Kreativität und Vision geworden.  
2011 hatte ich vor, eine Dramatisierung nach einem Roman von Herta Müller zu erarbeiten. Ich wollte das als Monodrama mit einer Schauspielerin von den Wuppertaler Bühnen machen. Der Hansa-Verlag hat uns in Absprache mit Herta Müller die Rechte ursprünglich gegeben, dann aber sie wieder zurückgezogen. Warum? In dieser Zeit ist es herausgekommen, dass Oskar Pastior, ihr engster Freund und Mitarbeiter („Atemschaukel“) doch über längere Zeit Spitzel war und Herta Müller hat einen Schock erlitten, so dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Darauffolgend, hat sie mich in einem Brief mit dem Ton einer Lehrerin abserviert.

Um welches Buch handelte es sich?

Um den Roman „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“. Durch die Reise nach Temeswar, die Heimat von Herta Müller, habe ich mir gesagt (Schnippt mit den Fingern): Jetzt kann ich das mit den Studenten erarbeiten, weil wir nicht in der Öffentlichkeit auftreten werden und somit die Rechte nicht relevant sind. Und das werde ich jetzt mit den Studenten machen.

Welche Lehrfächer unterrichten Sie jetzt in Österreich?

An der Musik und Kunstuniversität der Stadt Wien bin ich als Lehrkraft für das Fach Grundlagen und Improvisation zuständig, also beginne ich mit den frisch aufgenommenen Studenten, denen ich das ABC des Theaters beibringe. Parallel erarbeite ich Szenen und Rollen mit den oberen Jahrgängen.
 
Was genau lehren sie im ersten Studienjahr?

Wahrnehmung, Sensibilisierung, richtig beobachten können, das Spezifische sehen und nicht das Allgemeine. Anders kann man Menschen nicht genau nachahmen. Das Zusammenspiel ist eine sehr schwierige Sache, denn am Anfang will man alles auf einmal machen und man nimmt keine Rücksicht auf den Partner. Zug um Zug, so wie im Schachspiel, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung: den Partner beobachten, ihn bewerten und agieren ist unser Augenmerk. Dann erst stimmt die Beziehung zwischen zwei Partnern, dann wird es organisch. Eine Situation zu spielen ist ein Komplex von Raum, Zeit, Figur, Handlung. Es geht darum, wo ich in dem Raum bin und wer ich bin. Was tue ich da, warum tue ich das und wozu tue ich das? Also ich habe ein Ziel und will es erreichen. Dann die Frage: wer ist diese Figur und wie entwickele ich eine Figur?

Welche Elemente brauche ich dazu, damit sie auf der Bühne lebt? Mit welchen Situationen spielen wir am Anfang? Z.B. wir nehmen Zeitungsartikel mit Berichten von einem Unfall, Mord oder Verlust eines Kindes und wir spielen diese Situationen, wir machen sie sozusagen bühnentauglich. Wir merken, dass die Realität das eine ist und die Bühne das andere ist. Die Bühne verlangt nach Theatralik, nach Lesbarkeit, deswegen muss alles in dem Moment sichtbar werden und daran arbeiten wir. Im zweiten Semester mache ich mit ihnen Dramatisierungen: wir nehmen Romane aus der Universalliteratur, nehmen ein Fragment daraus und bringen es auf die Bühne. Wir arbeiten genauso: wir fangen mit der Situation an. Der Text kommt später, er ist die Spitze des Eisbergs.

Wie haben Sie während des Workshops in Temeswar mit den Studenten gearbeitet?

Anhand einer Kurzerzählung von Tschechow habe ich versucht die Teilnehmer zu einer Kommunikation zu bringen, ohne viel sprechen zu müssen, da die Studenten gemischt waren: rumänisch und deutsch. Die nonverbale Kommunikation anhand von Körpersprache und Intention funktionierte sehr gut. Wie man eine Geschichte auf der Bühne erzählt, mit welchen Spielweisen man dort konfrontiert wird, hat uns alle sehr neugierig gemacht. Handelnd denken und nicht irgendeinem Gefühl nachgeben, war auch ein wichtiger Punkt des Unterrichts. Der Austausch ist uns gelungen: alle Beteiligten haben davon profitiert.

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