„Dass hier Deutsch gesprochen wird, liegt mir am Herzen“

Sabine Morres über den Spaß an Sprache und Unterricht

Donnerstag, 26. März 2015

Sabine Morres
Foto: Christine Chiriac

Ob der Lehrerberuf dankbar ist? Auf diese Frage antwortet Sabine Morres mit einem Lächeln: „Als mein Sohn in der achten Klasse war, hat er mich einmal gefragt, wieso ich ’gerade diesen Beruf’ gewählt habe, in dem man ’so gehasst’ wird. Aber wenn ich mit zehn Prozent der Schüler Erfolg habe, dann bin ich sehr zufrieden!“ Die Arbeit als Lehrerin macht Sabine Morres auch deshalb Spaß, weil „jede Klasse anders ist und es keine Routine gibt. Je schneller man merkt, wo man den Hebel ansetzen muss, desto besser kommt man voran.“ Von der Strategie, ihre Schüler mit großzügigen Noten zu motivieren, hält die Deutschlehrerin allerdings nicht viel, denn Noten sollten „die Realität widerspiegeln.“

Sabine Morres wuchs in einem Haus auf, in dem die sächsische Kulturtradition einen wichtigen Stellenwert einnahm. Ihre Großmutter besaß eine umfassende Sammlung von sächsischen Stickereien und Töpferwaren, war selber Stickerin und Restauratorin und sensibilisierte die Enkelkinder für das siebenbürgische Kulturgut. Der Schritt hin zum Interesse an der einheimischen Literatur in deutscher Sprache war für Sabine Morres selbstverständlich: als Studentin besuchte sie Lesungen und Literaturkreise, über Jahre hinweg bis in die frühen Neunziger schrieb sie Buchrezensionen, die im „Neuen Weg“ und den „Südostdeutschen Vierteljahresblättern“ veröffentlicht wurden.

Auch deshalb waren ihr der Unterricht in deutscher Muttersprache und das traditionsreiche Johannes-Honterus-Lyzeum schon immer wichtig – und dank ihrer beiden älteren Schwestern, die ebenfalls dort unterrichteten, sehr vertraut – selbst wenn Sabine Morres zunächst zwei Jahrzehnte lang an rumänischen Schulen tätig war, bevor sie ans deutsche Lyzeum wechselte. Nach ihrem Hochschulabschluss  in Klausenburg/Cluj erhielt sie eine Stelle als Englischlehrerin in Zeiden/Codlea, später kam sie an das Kronstädter Wirtschaftslyzeum, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtete. Erst 1998 trat sie die kurzfristig frei gewordene Stelle am Honterus-Lyzeum an. „Diese wichtige Entscheidung Hals über Kopf zu treffen, das war nicht einfach“, erinnert sich Sabine Morres. „Ich hatte ausschließlich im Fremdsprachenunterricht Erfahrung gesammelt, und musste nun ein fast völlig neues Fach lernen, um dem muttersprachlichen Deutschunterricht gerecht zu werden. Aber ich habe mich dafür entschlossen, weil es mir am Herzen liegt, dass hier Deutsch gesprochen und gepflegt wird.“

Sie schätzte an dem deutschen Lyzeum das vergleichsweise „nähere Schüler-Lehrer-Verhältnis” und den Eindruck, dass die Motivation der Schüler weniger auf Disziplinierungsdruck oder Artigkeit beruhte, sondern vielmehr auf innerer Überzeugung und Wissbegierde. „Seit ich nicht mehr täglich dort bin, kann ich es nicht mehr so gut beurteilen”, sagt Sabine Morres. „Ich finde aber, dass sich die Stimmung verändert hat: oft zeigen die Schüler Interesse, weil sie den Druck der Abiturprüfung spüren oder weil die Eltern anspruchsvoll sind.“

Auch das Niveau der Sprachkenntnisse habe sich gewandelt, so Sabine Morres. Man merke es sofort, wenn Schüler zu Hause Deutsch sprechen: „Es macht bereits einen großen Unterschied, wenn nur ein Elternteil Honterusschüler war – dann klingt die Sprache auch bei den Kindern viel natürlicher und weniger angelernt”, erklärt die Deutschlehrerin.

„Viele Kinder glauben leider, dass sie diese Sprache nur deshalb lernen ’müssen’, weil es dem Wunsch der Mutter oder des Vaters entspricht, und weil man dann eventuell gut in Deutschland leben kann. Für einen Lehrer ist das nicht gerade motivierend, und auch für die Schule ist es ein bisschen traurig.“ Denn das deutsche Lyzeum sei nicht nur eine Sprach- und Grammatikschule, sondern habe auch den Auftrag, ein gewisses Kulturverständnis weiterzugeben.

Zum negativen Trend trägt zweifelsohne auch die Tatsache bei, dass sich die meisten Honterus-Absolventen für ein Wirtschafts- oder ein ingenieurwissenschaftliches Studium entschließen, und nur sehr wenige den Lehrerberuf wählen. Lehrkräfte fehlen im gesamten deutschsprachigen Bildungswesen in Rumänien, dabei bleiben der Schülerandrang und das Ringen um einen Platz in den Vorschulklassen auch in Kronstadt/Brasov unerwartet hoch. Angesichts des Lehrermangels findet Sabine Morres, dass vier parallele Vorschulklassen zu viel sind: „Meines Erachtens bräuchten wir vor der Einschulung eine Aufnahmeprüfung, aber das gilt als undemokratisch und wird heutzutage ungern gehört.“

Dass sich das Interesse an der deutschen Literatur bei den Schülern allgemein in Grenzen hält, führt Sabine Morres auch auf die Unterrichtspläne zurück: die jungen Lyzeumsschüler hätten zu wenig Kontakt zur neueren Literatur, bei der chronologischen Herangehensweise sei es schwierig, die Begeisterung der Jugendlichen aufrecht zu erhalten. „Es ist unerlässlich, in der zwölften Klasse zumindest in Auszügen den ’Faust’ zu lesen, aber ’Nathan der Weise’ ist für die Neunte eine Herausforderung, auch wenn der Text sehr schön ist“, erklärt die Lehrerin. In den vergangenen Jahren habe sie mit den Schülern ergänzend den Roman ’Nathan und seine Kinder’ von Mirjam Pressler durchgenommen, um die Ringparabel und die Diskussion über die religiöse Toleranz verständlicher und spannender zu gestalten. Die Deutschlehrerin plädiert allgemein für mehr Moderne im Literaturunterricht - beispielsweise für Kurzgeschichten: „Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich meine erste Gradarbeit über Kurzgeschichten im Fremdsprachenunterricht geschrieben habe. Aber ich habe diese Texte gerne, weil man mit ihnen sehr gut arbeiten kann. Die Kinder lernen im Handumdrehen viele neue Wörter, sie können die Texte dramatisieren, weiterschreiben, die Erzählperspektiven wechseln. Das ist eine hervorragende Übung.“

Trotz der Freude an der deutschen Literatur war das Germanistikstudium für Sabine Morres nicht unbedingt von Anfang an ein Muss. Für ihre Eltern kam eher ein Musikstudium in Frage, denn ihre Jüngste spielte begeistert Klavier und Cello. Auch als Leistungssportlerin im Eiskunstlauf hatte sie bemerkenswerten Erfolg. „Meine Musiklehrer waren unzufrieden, wenn ich Sport trieb, und meine Sportlehrer waren unzufrieden, wenn ich Musik machte“, lächelt Sabine Morres. „Letztendlich habe ich mich für keines von beiden entschieden.“

Als Hobby führt sie jedoch beides gerne fort – die Musik unter anderem als Mitglied des Kronstädter Bachchors seit mehr als 25 Jahren. Die Lehrerkarriere bringt ihr auch im Ruhestand, den sie 2011 angetreten hat, weiterhin Erfüllung: „Ich finde es wichtig, dass unsere Tradition in Kronstadt weitergeht, dass die Schüler neben der Sprache auch etwas über die deutsche Denkweise und Lebensart lernen. Und nicht nur über die bundesdeutsche, sondern genauso über die hiesige deutsche Kultur!“

Kommentare zu diesem Artikel

Günther, 23.10 2015, 12:46
Liebe Sabine, wir kennen uns schon aus frühester Kindheit. Die gemeinsamen Skilagern werde ich nie vergessen! Leider haben wir uns irgendwann aus den Augen verloren. Schade! Deine Behauptung: "Der Beruf, in dem man ’so gehasst’ wird", kann ich wirklich nicht teilen. Ich bin zwar Mathematiker (eigentlich ganz schlimm) aber ich wurde und werde immer noch von meinen Schülern geliebt und verehrt. Sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat! Bin auch mit vielen Ex-Schülern noch befreundet.
Dir Sabine wünsch ich weiterhin viel Erfolg
istvan, 26.08 2015, 16:30
Ich freue mich sehr von meiner jüngeren Kollegin zu hören-lesen (ich absolvierte 2 Jahre früher). Sie war eine der schönsten und anständigsten Germanistikstudentinnen. Laut Interview ist sie auch heute sehr sympathisch.Ich wünsche ihr alles Gute.

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