Dekarbonisierung favorisiert Fernwärme

Kronstädter Heizungsstrategie im Gespräch

Samstag, 03. Februar 2018

Der rekordverdächtig hohe CET-Schlot soll zukünftig weniger CO2 freisetzen.
Foto: KR

Der Verzicht auf fossile Energieträger – die Dekarbonisierung – wird in Zukunft auch Kronstadt/Braşov vor große Herausforderungen stellen. Wenn man den EU-Richtlinien in diesem Bereich nachkommen will, so müsste in Kronstadt bis 2050 der Kohlendioxid-Ausstoß um 80 Prozent reduziert werden. Dafür müsste eine Umstellung in der Wirtschaft in Kauf genommen werden, die – z. B. durch Energiegebühren – entsprechend vorbereitet und gefördert wird.

Beim Bürgermeisteramt Kronstadt will nun Vizebürgermeister Costel Mihai dem Stadtrat eine Strategie zwecks Bewilligung vorstellen, bei der es auch um die Heizung der Wohnungen geht. Bei der Ausarbeitung dieser Strategie hat die Agentur für Energiemanagement und Umweltschutz Kronstadt (ABMEE) auch Fachleute aus dem Ausland im Rahmen eines gemeinsames Projektes hinzugezogen, unter ihnen Experten von der Technischen Universität (TU) Wien.

Fernwärme wird wieder interessant

Die Fachleute sind einer Meinung: Ein Fernwärmesystem eignet sich am besten für die Minderung der CO2-Emissionen, weil da leichter auf fossile Energieträger zugunsten erneuerbarer Energiequellen verzichtet werden kann. Individuelle Heizsysteme für erneuerbare Energie in Wohnblockappartements sind noch eine Zukunftsvision. Deshalb wird vorgeschlagen, in ein Fernwärmesystem zu investieren, an das sich möglichst viele Kronstädter wieder ankoppeln. Parallel dazu könnte auch eine Gebühr eingeführt werden, die jene zahlen, die weiterhin CO2 ausstoßen und so zur Umweltverschmutzung beitragen. Gebäudesanierung und Energieeffizienz sind weitere Bereiche, in die massiv investiert werden soll. Die Kosten für solche Umstellungen liegen in Millionenhöhe: Es handelt sich um 70,441 Millionen Euro. Die Strategie sieht dafür zwei Zeithorizonte vor: 2020-2030 und 2030-2050.

Leider kommen diese Pläne für Kronstadt etwas spät. Denn da gab es vor 1989 ein Fernwärmesystem für ganze Wohnviertel, das gleichzeitig auch die Energieversorgung mehrerer Großwerke sicherte. 1986 wurde für die Herstellung von Wärmeenergie das CET-Wärmekraftwerk errichtet, dessen riesiger Schlot auch heute von Weitem erkennbar ist. Die Industriewerke sind verschwunden – übrig geblieben ist ein überdimensioniertes Fernwärmesystem, das zudem veraltet ist und enorme Verluste produziert. Hinzu kommt, dass es für die Kunden auch unzuverlässig war.

Warmwasser und warme Heizkörper waren während der Wintermonate in Kronstadt nicht immer für alle Blockbewohner eine Selbstverständlichkeit. Wer konnte, baute sich eine eigene Heizzentrale und koppelte sich vom Fernwärmenetz ab. Die Zahlen sprechen für sich: 1990 waren 81.000 Haushalte Nutznießer der Fernwärme; 2014 waren es nur noch 11.500; gegenwärtig sind lediglich 6900 Appartements ans Fernwärmenetz angeschlossen. Das entspricht, laut ABMEE-Vorsitzender Camelia Raţă, rund vier Prozent der Bevölkerung Kronstadts. So ist es nicht verwunderlich, dass Fernwärme in Kronstadt inzwischen stellvertretend für Verlust, Unzuverlässigkeit und Mangel an Wohnkomfort steht.

Viel dazu beigetragen hat auch die Art und Weise, wie die Heizungskosten für die Bewohner eines Wohnblocks oder eines Treppenhauses berechnet und dann auch beglichen wurden. Mehr Heimzentralen bedeuteten automatisch höhere Kosten für die weiterhin von der Fernwärme Abhängigen. Wohnverbände gerieten in Zahlungsrückstand bei der Begleichung der Heizkosten, was zu riesigen Schulden der Fernwärmelieferer gegenüber dem Erdgaslieferer führte. Da konnten auch staatliche Subventionen nicht mehr auf Dauer eine Lösung für diese Zustände sein, die sich zu einem sozialen Problem steigerten. Dass die Verantwortlichen von der Regie für Herstellung und Vertrieb der Fernwärme und selbst der gegenwärtige Bürgermeister in verschiedenen Skandalen, die bis zu Bestechungsaffären reichten, verwickelt waren, hat dann auch das wenige Vertrauen in „Termo“ und seine Nachfolger zunichte gemacht.

Laut den Experten von der TU Wien setzt ein Alternativszenario für Kronstadt außer Gebäudesanierungen und eventuell Zukauf von Wärme von externen Gas-Kraft-Wärme-Kopplung-Betreibern die Erneuerung der Hälfte des alten Fernwärmenetzes voraus. Hinzu kommen noch die Auftrennung des bestehenden Netzes in kleinere Teile mit ausreichender Wärmedichte sowie die Kombination verschiedener neuer, erneuerbarer Wärmeerzeuger in diesen Teilnetzen. Dann würde 2030 die Fernwärme über 18 Prozent des Wärmebedarfs decken, wobei der Anteil der erneuerbaren Fernwärme bei 36,5 Prozent liegt.

Bedenken und Vorschläge

Bei einer ersten Vorstellung dieser Strategie vor den Stadtratsmitgliedern meldete sich Christian Macedonschi, Stadtrat seitens des Kronstädter Deutschen Forums, zu Wort. Er begrüßte die Initiative zur Ausarbeitung einer Energie-Strategie, die zum Konzept einer Smart-City dazugehöre. Macedonschi gab zu bedenken, dass viele Kronstädter skeptisch sein werden, wenn über eine Revitalisierung der Fernwärme gesprochen wird: „Die alten Kunden, die das Fernheizsystem verloren hat, werden wir nicht überzeugen und erneut ihr Vertrauen gewinnen können weil sie ja, mindestens in einigen Wintermonaten, ohne Warmwasser und Heizung geblieben sind.“ Auf seine Anfrage wurde auch geklärt, wie viele Kunden es heute benötigen würde, damit die Fernwärmelieferung nicht in die roten Zahlen gelangt. Es handelt sich, laut Camelia Ra]², um 12.000 Haushalte, also doppelt so viel wie zurzeit.

Macedonschi schlug vor, in eine zukünftige Strategie auch die Immobilienentwickler einzubeziehen, vor allem weil die Energiestrategie mit den städtebaulichen Projekten in Verbindung gebracht werden muss. „Meiner Meinung nach müssten die Immobilienentwickler zu solchen Gesprächen herangezogen werden. Sie müssen überzeugt werden, sowohl in der Planungs- als auch in der Ausführungsetappe die Ankopplung an das Fernwärmesystem vorzubereiten“, sagte Macedonschi. Dort wo es bereits eine Infrastruktur für die Fernwärmelieferung gäbe (z. B. in den Stadtvierteln Tractorul, Rulmentul, Astra oder Burgrund-Viertel), könnte die Stadtverwaltung ein diesbezügliches Abkommen mit den Investoren abschließen.
Letztendlich unterstrich der Forums-Stadtrat, dass, wie der Verein „Pro Democraţia“ mahnte, eine öffentliche Debatte zu dieser Strategie erforderlich wäre. Auch EU-Gelder seien öffentliche Gelder und es sei ein Zeichen des Respekts, auch die Kronstädter, die Zivilgesellschaft, um ihre Meinung zu bitten.

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