Delphi Packard verlässt Neumoldowa

Automotive-Hersteller stolpert über PSD-Mindestlohnsteigerungen und zieht ostwärts: 700 Arbeitslose mehr

Freitag, 09. Februar 2018

Delphi Packard betreibt neben Neumoldowa in Rumänien Werke in Großsanktnikolaus, Ineu und ein Ingenieurzentrum in Arad.
Foto: Zoltán Pázmány

Vor einigen Jahren, als der heutige Präfekt von Karasch-Severin, Matei Lupu, noch in Neumoldowa erst Gewerkschafter des Bergbauunternehmens und später für die PSD Bürgermeister war, wurde es als Großereignis und bedingungslos begrüßenswert gefeiert, als der Automotive-Hersteller Delphi-Packard sich für Neumoldowa als einen seiner Standorte in Rumänien und in den neuen EU-Mitgliedsstaaten entschied.

Der Raum war durch die Einstellung des Abbaus von Banatiten nahezu ohne Arbeitsplätze geblieben und die vorwiegend serbischsprachige Bevölkerung arbeitete in vielen Fällen als Tagelöhner bei privaten serbischen Landwirten südlich der Donau. Oder auch, im Sezessionskrieg Jugoslawiens, als Söldner oder Prostituierte (letzteres meist unter dem Zwang von Verbrecherbanden). Viele lebten vom Schmuggel.

Banatite sind Kupfer-Armerze mit einem Kupfergehalt um die drei Prozent, die erst umständlich und in hochgiftigen Verfahren konzentriert werden mussten, bevor sie in die Schmelzhütten von Baia Mare – das ist vom äußersten Süden bis in den nahezu äußersten Norden Rumäniens – gekarrt und zu Kupferbarren geschmolzen wurden. Die Umwelt der Gegend leidet heute noch arg unter den Folgen dieses Bergbaus.

Unter obigen Umständen galt die Niederlassung von Delphi Packard, die bald um die 2000 Arbeitsplätze bot, als wahrer Segen für den Raum am Eingang zum Donauengpass. Nicht nur weil die Leute ein regelmäßiges Einkommen in der Nähe ihres Wohnorts hatten, sondern auch, weil der Stadt aus Steuern und Gebühren ein zusätzliches Einkommen gesichert war. Vorher hatten, in kommunistischer Zeit, im Kupferberg- und -anreicherungswerk Moldomin bis zu 5000 Menschen aus der Donauklamm eine lohnabhängige Beschäftigung.

Einen ersten Schock erlebte der vorwiegend in englischer Hand befindliche Automotive-Hersteller im vergangenen Jahr, als die damals neue Regierungskoalition PSD/ALDE begann, das berüchtigte Regierungsprogramm der PSD umzusetzen – vor allem das Programm zur Steigerung des staatlich festgelegten Mindestlohns. Delphi-Packard reagierte darauf in Neumoldowa erst mal mit der Entlassung von nahezu 1000 Arbeitnehmern. Brachte den Medien und den Offiziellen, aber auch den Vertretern in einem der Hauptsitze, in London, zur Kenntnis, dass man einen weiteren staatlichen Zwang zur Erhöhung des Mindestlohns nicht mitmachen werde. Nachdem im Rahmen der Verhandlungen zur neuesten Regierungsbildung auch das Regierungsprogramm umgeschrieben wurde und weitere Erhöhungen des Mindestlohns – im Jahresrhythmus – angekündigt sind, hat die Kompanie mit den zahlreichen Standbeinen angekündigt, „bis spätestens im März 2018“ den Standort Neumoldowa zu schließen. Damit werden die verbliebenen 698 Arbeitnehmer im März auf die Straße gesetzt. „Oder gar früher.“ Das ist klar.

Das entsprechende Kommuniqué von Delphi Packart scheint aus der Firmen-Koordinierungsstelle Warschau zu kommen, urteilt man nach der Mailadresse und der Unterschrift der Delphi-Angestellten: Agnieszka Przymusinska. Die darin enthaltene Versicherung, „wir werden gemeinsam mit allen beteiligten Seiten die nötigen Demarchen starten, um die negativen Auswirkungen zu minimieren und Lösungen zu finden, die den von dieser Maßnahme betroffenen Angestellten entgegenkommen“, muss eher als Floskel betrachtet werden, denn als konkrete Absicht – zumindest wenn man sich überlegt, wie schnell und einfach und sogar ohne soziale Unruhen die Entlassungen des vergangenen Jahres vonstattengingen.

Kollegen von den rumänischen Regionalmedien im Banat behaupten sogar, dass das eine typische Formel sei für Firmen, die auf der Jagd nach billigsten Arbeitskräften von Westen Richtung Osten quer durch Eurasien migrieren und irgendwo zeitweilig ihre Zelte aufschlagen. Mit einfachsten Mitteln und mit minimal nötiger Qualifizierung der Arbeitskräfte – was man durch extreme Aufspaltung der Arbeitsgänge in Teilsequenzen erreichen kann, die immer wiederholt werden – schlagen sie ein Maximum an Profit heraus und packen bei der geringsten Änderung der Bedingungen ihre Maschinen zusammen, um sie an anderen Orten weiter östlich aufzustellen, worauf das Ganze von vorn beginnt.

2016 hatte die Delphi Pachard Moldova Nou² SRL das Wirtschaftsjahr mit einem Umsatz von 378 Millionen Lei und einem Reingewinn von fünf Millionen Lei abgeschlossen. Obwohl im Ansiedlungsvertrag der Firma mit dem Rathaus Neumoldowa vorgesehen war, dass Delphi Packard Moldova Nou² SRL aus dem Reingewinn kulturell-sportliche Tätigkeiten am nördlichen Donau-ufer unterstützen soll – weshalb ihr eine Immobiliensteuer genehmigt wurde, die in Euro aus drei Ziffern bestand – hat sich die Firma nie darum geschert. Wurde aber auch von keinem der drei Bürgermeister, die sie vor Ort erlebten (der Forstmann Dr. Ioan Chis²li]² - PD, der Gewerkschafter Matei Lupu - PSD und der Unternehmer Adrian Torma - PNL), direkt darauf angesprochen. Adrian Torma, der heutige Bürgermeister, versichert, er und seine Vorgänger hätten sich zum Stillhalten entschieden, weil die Stadt von der Firma eh schöne Einnahmen hatte und weil sie nicht den Eindruck von Druck von außen auf die Firma erwecken wollten.

Torma hat sich nach Erhalt der Nachricht von der Standortschließung über diverse Kanäle direkt an die Bürger der Stadt gewandt: „Liebe Mitbürger“, schrieb er, „Auch ich kenne die Infos zur Schließung von Delphi Packard.(...) Delphi Packard ist geplant worden zu Zeiten des Bürgermeisters Ioan Chis²li]². Zu Zeiten meines direkten Vorgängers traurigen Gedenkens Matei Lupu, der das Gewinnlos des Präfekten zog, bekam die Firma über PSD-Kanäle eine Staatshilfe versprochen – die nie gezahlt wurde. Ich selber konnte erst 2016 mit Delphi über dualen Unterricht und Qualifizierungen vor Ort sprechen, doch dann nahm bereits das Desaster mit dem Regierungsprogramm der PSD seinen Lauf und die Firma dachte nur noch ans Wegziehen.

Nun müssen wir an die Zukunft denken. Als Bürgermeister muss ich meine Bemühungen verdoppeln, Investoren einzuladen, um dem sozialen Desaster, das sich abzeichnet, durch Arbeit Einhalt zu gebieten. Immerhin verfügen wir noch über qualifizierte Arbeitskräfte hier. Ich werde die Frau Premierministerin schriftlich über die entstandene Lage informieren und ihr Eingreifen fordern. Auch das Wirtschaftsministerium verfügt über entsprechende Hebel. Und sogar an den Präfekten, zu dem ich schlechteste Beziehungen habe, werde ich mich trotz allem wenden, weil ein Bürgermeister auch seinen Stolz überwinden muss. Menschlich und gesetzlich soll alles Nötige geschehen. Hoffentlich fruchtet es!“

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 09.02 2018, 16:57
Vielleicht wachen die Menschen jetzt auf.

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