Dem Frieden nachjagen?

Sonntag, 13. Januar 2019

Shalom! Friede! So begrüßen und verabschieden sich Menschen im Hebräischen.
Shalom ist aber mehr als nur „Guten Tag!“ und auch mehr als nur „Friede!“. Vielleicht mehr sogar als das regional immer noch gebräuchliche „Grüß Gott!“.

Es ist ein umfassender Friedenswunsch.
Ursprünglich bedeutet Shalom „Vervollständigung“. Es beschreibt umfassendes Wohlergehen in allen meinen Lebensbereichen – körperlich, psychisch, sozial und auch geistlich. Es ist ein optimaler Zustand des Friedens mit mir selbst und anderen. Im Hebräischen fragt man, wenn man wissen will, wie es jemandem geht: Ma shlomcha – wie ist dein Shalom, wie ist dein Wohlbefinden? Dein Frieden mit Dir selbst und anderen? In diesem Wort schwingen Gesundheit, Sicherheit, Frieden, Unversehrtheit und Ruhe mit.
Und: der Shalom betrifft nicht nur den Einzelnen oder die Einzelne, sondern fragt auch nach dem kollektiven, sozialen und gesellschaftlichen Wohlergehen, nach umfassendem Frieden in Gerechtigkeit für alle – wohl wissend, dass es eines ohne das andere nicht gibt.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ So lautet die Jahreslosung für dieses Jahr 2019 aus dem 34. Psalm.
„Suche Frieden und jage ihm nach!“ Bitter nötig, aber realistisch? Angesichts der Lage in der Welt, angesichts wachsender Nationalismen und Egoismen um uns herum? In diesen finsteren Zeiten? In einer schlimmen Zeit?
Als Gefängnisseelsorger fiel mir spontan zu diesem Friedensauftrag ein anderer Bibelvers ein, der mit der schlimmen Zeit: Gebt sorgfältig darauf acht, wie Ihr lebt. Macht den bestmöglichen Gebrauch von Eurer Zeit, gerade weil wir in einer schlimmen Zeit leben. Epheser 5,16

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ So beginnt Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“. Das Lieblingsbuch des Kommunisten Brecht war die Bibel und sein Gedicht klingt wie ein Kommentar zu diesem Bibelvers.
Gefängnis erscheint den meisten Gefangenen als geraubte Lebenszeit, als schlimme Zeit. Das darf nicht schöngeredet werden. Aber es gibt Gefangene, die mir erzählen, dass sie erst im Gefängnis gelernt haben, sorgfältiger darauf zu achten, wie sie leben, wie sie ihre Zeit gebrauchen – in dieser erzwungenen Aus-Zeit.
Wie sie Stille erst fürchten, dann aushalten; irgendwann lieben und leben lernten. Wie sie, oft mit Schmerzen, ihr Leben zu reflektieren lernten, es manchmal erst zu achten lernten. Ihr Leben – und das der anderen. Und dass es wichtig ist, „in schlimmer Zeit“, die ja nicht nur im Gefängnis ist (und im Gefängnis nicht nur schlimm ist), die eigene Zeit bewusst zu leben, zu achten und zu gestalten. Um zu werden, die wir sind: Zum Frieden beauftragt.

Ma shlomcha? Wie ist Dein Frieden mit Dir selbst und den anderen?
„Suche den Frieden und jage ihm nach“ bedeutet aber mehr als meditative Achtsamkeit gegenüber sich selbst. Die kann ein notwendiger erster Schritt sein im Vertrauen auf Gott. Ein Schritt, der uns befreit, über uns hinaus Shalom zu suchen.
Dem Frieden nachjagen bringt uns in die Bewegung, in die bewusste Notwendigkeit, für (mehr) Frieden zu arbeiten, nicht nur für uns und die Unsrigen, sondern unsere Verantwortung für einen umfassenden Shalom an- und wahrzunehmen.

Meine rumänischen Gefangenen lachten, halb verächtlich, halb stolz, halb wehmütig ob ihres Vaterlandes, als ich ihnen zum Shalom/Pace-Gruß und la mulți ani zum Neuen Jahr von der Verantwortung Rumäniens im EU-Ratsvorsitz erzählte. Und doch wünsche ich mir, dass dieses Land diese Chance für sich, Europa und den Frieden auf der Welt nutzt: dem Frieden nachzujagen – um Frieden zu finden.
Brecht beendet sein Gedicht an die Nachgeborenen mit den Worten: „Ihr aber, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist. Gedenkt unserer.
Mit Nachsicht.“
Shalom

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