Dem Herrn ein Lied singen

Sonntag, 29. April 2018

Liebe Leser(innen), liebe Schwestern und Brüder in Christus,
in dieser nachösterlichen Freudenzeit steht grade der Sonntag Kantate an. Kantate ist ein lateinisches Wort und heißt: Singt! Das ist nicht nur das Thema des Sonntags, sondern ist auch aus den Worten des Wochenspruchs für die sich anschließende Woche herauszulesen. Im ersten Vers des 98. Psalms heißt es: Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder. Diesem Vers wollen wir uns schrittweise annähern.

Singet …

Jeder kann in irgendeiner Weise das Singen im eigenen Leben einordnen. Selber verbinde ich viele durchaus positive Einsichten und Erfahrungen mit dem Singen. Aus dieser Vielfalt nenne ich eines dieser Ereignisse, auf das ich gerne zurückblicke: Ende April des vergangenen Jahres trafen sich singfreudige Menschen der evangelischen Partnergemeinden Emmerich am Rhein und Bukarest zu einem gemeinsamen Chorprojekt. Das Ergebnis: Die Gottesdienste in der evangelischen Kirche der Hauptstadt und in der benachbarten St. Joseph-Kathedrale wurden durch den schönen Lobgesang bereichert. Leider sind das im Bukarester Gemeindeleben einmalige Ereignisse, da sich anscheinend zeitgenössische Gemeindeglieder schwer zum regelmäßigen gemeinschaftlichen Singen mobilisieren. Bedauernd, dass unsere Möglichkeiten, einen Chor zu gründen, so beschränkt sind, frage ich mich oft: Ist wohl das Singen aus der Mode gekommen? Vielleicht sagt sich der eine oder der andere: Warum soll ich singen? Mir ist nicht immer nach Singen zumute. Wem soll ich etwas vorsingen?

Singt dem Herrn …

Manche singen gerne unter der Dusche oder aus Langweile, im stockenden Verkehr. Singen gehört in solchen Fällen zu dem Umgang mit sich selbst. Singen gehört aber auch zum Miteinander, wenn ein volles Stadion die Lieblingsmannschaft anfeuert oder einzelne Sänger eines Chors aufeinander bezogen singen, um einen gut klingenden Chorgesang zu erzeugen. Singen gehört aber auch in die Beziehung zu Gott: Das sollten wir auch bedenken: Hier, im Wochenspruch, steht: Singt dem Herrn! Es steht nicht: Singet eurem Wohlbefinden und der Situation, in der ihr euch gerade befindet. Es geht um den Gott, der auch dann da ist und wirkt, wenn ich das im gegebenen Augenblick nicht erkennen und spüren kann. Deshalb ist es immer gut, Gott ein Lied zu singen: und das nicht nur im kirchlichen Rahmen. Mir kam dazu die gesungene Matthäuspassion in den Sinn, die vor einigen Wochen in einem Konzertsaal in der Nachbarschaft der evangelischen Kirche aufgeführt wurde. Auch daran kann man erkennen, dass Johann Sebastian Bach einer der größten und genialsten Musiker aller Zeiten war. Aber dieser große Musikmann schrieb unter jedes seiner Werke die drei Buchstaben: SDG – Soli Deo Gloria – Gott allein zur Ehre. Es ging ihm nie zuerst um seinen eigenen Ruhm. Nein, er wollte deutlich machen, wie wunderbar sein Gott ist. Das gleiche darf auch für uns gelten. Nicht um uns geht es zuerst, sondern um Gott.

Singet dem Herrn ein neues Lied …

Neu soll unser Lied sein: Es ist gar nicht leicht, würde man meinen, wenn man nur die alten evangelischen Gesangbücher zur Hand nimmt, um da neue gedichtete Lieder zu finden. Und trotzdem wirken auch diese alten Musikstücke so erfrischend. Ein Psalmenkommentar, den ich zufällig zur Hand nahm, sagt: Ein neues Lied ist in den Psalmen im Hebräischen ein Lied, das aus einer Gott schauenden Begeisterung kommt. Da scheint es also gar nicht zuerst um das Alter des Liedes, sondern um die Haltung zu gehen: Es geht um das Erleben des Herzens. Und es geht wohl auch nicht um den Stil, um moderne, neu gedichtete Lieder des 21. Jahrhunderts oder um Lieder aus dem frühen 16. Jahrhundert. Nein, darauf kommt es nicht an: Es geht um das Ziel.

Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder.

Wenn wir von Wunder sprechen, sind wir oft geneigt, an unerklärliche Geschehnisse zu denken, die mit den Naturgesetzen nicht vereinbar sind: unverletzt nach einem schweren Autounfall, genesen nach einer fast unheilbaren Krankheit, die unverhoffte Problemlösung in einer aussichtslosen Situation. Um zum Lob und zur Anbetung Gottes zu kommen, darf man die Wunder nicht an der falschen Stelle, auch nicht allein in den ganz extremen Situationen suchen. Die kleinen Wunder des Alltags, wie das Licht des neuen Tages oder die tagtägliche Bewahrung vor so vielen möglichen Gefahren, nehmen wir Menschen gerne als etwas Selbstverständliches wahr. Wenn wir unsere Augen wirklich aufmachen und nicht alles als natürlich, von sich aus hinnehmen, bemerken wir die Wunder, die uns fortdauernd begleiten. Auf diese alltäglichen kleinen Wunder will uns der Psalmbeter aufmerksam machen. Wir können erkennen, dass wir das Leben und jeden einzelnen Tag davon wie ein Wunder aus Gottes Hand annehmen dürfen: Das kann der blühende Baum zwischen den Betonmauern der Großstadt sein, es kann ein freundliches Wort sein, wo man es nicht erwartet hätte, oder es können die spontanen, nicht vorgesehenen Wunder sein, wenn sich plötzlich an jedem neuen Tag Türen öffnen und neue Möglichkeiten auf uns zukommen. Das Wunder besteht darin, dass es uns und die Welt, in der wir leben, überhaupt gibt.

Von dieser Einsicht erfüllt, werden wir durch den Sonntag Kantate ermutigt, Gott ein neues Lied zu singen und uns an den Wundern zu freuen, die unser Leben bis zum heutigen Tag bereitgehalten hat. Wir werden so gestärkt auch die Kraft finden, dieses neue Lied auch an den folgenden Tagen, die nicht so festlich aussehen, weiterzusingen: So können wir die weiteren Wunder entdecken, die uns das Leben zu bieten hat.

Diese Erfahrung wünsche ich auch Ihnen und Euch, wenn Sie das nächste Mal ein Gott wohlgefälliges Lied singen. In diesem Sinne: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

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