Dem lauten Knall folgte der tiefe Fall

Gedenkfeier an den Zeppelin-Absturz in Westrumänien vor über 100 Jahren

Mittwoch, 09. November 2016

An einen weitgehend in Vergessenheit geratenen Absturz eines Zeppelins erinnerte Sonntag eine Gedenkfeier auf dem Heldenfriedhof von Temeswar. Am 4. September 1916 starben dort zwölf Besatzungsmitglieder des Kriegsluftschiffes LZ 86. Sieben von ihnen sind in Temeswar, am Fuße eines Denkmals, bestattet. Der Zeppelin war seinerzeit nach einem Kampfeinsatz schwer beschädigt nach Westrumänien zurückgekehrt und dann in der Nähe der Temescher Ortschaft Rumänisch-Sanktmichael/ Sânmihaiu Român abgestürzt. Oberstleutnant Marc Ascui ist deutscher Militärattaché in Rumänien. Als er am Sonntagnachmittag mit ruhiger, bestimmter Stimme zu reden beginnt, fegt ein heftiger Wind über den Heldenfriedhof von Temeswar hinweg. Ascui redet über die Schrecken des Krieges, über das Gedenken an die Opfer – und davon, dass man in diesen Kontext auch das Zeppelin-Unglück September 1916 einbinden müsse.

Rückblende: 4. September 1916 – auch an jenem Tag bläst ein heftiger, orkanartiger Wind über dem Westen des heutigen Rumäniens. Das Kriegsluftschiff LZ 86 befindet sich auf dem Rückflug zur Luftschiffhalle „Adebar”, die die Luftwaffe des Deutschen Reiches etwa 15 km westlich von Temeswar in der Nähe der heutigen Gemeinde Sanktandreas eingerichtet hatte. Über Bukarest und der nahegelegenen Stadt Ploieşti, wo die feindlichen rumänischen Truppen stationiert waren, hatte der Kriegszeppelin zuvor mehrere Tonnen Bomben abgeworfen. Doch kurz drauf gerät das Luftschiff in heftiges Luftabwehrfeuer aus von Franzosen an Rumäniens Armee gelieferten Waffen. Die Antriebspropeller des Luftschiffs werden dabei schwer beschädigt, eine der beiden Gondeln der Mannschaft zerstört.
Durch den Auftrieb schnellt der Zeppelin pfeilschnell mehrere tausend Meter nach oben; wegen des plötzlich eintretenden Sauerstoffmangels und der Luftdekompression kommen weitere vier Besatzungsmitglieder zu Tode.
Die havarierte LZ 86 kommt nur mit Müh und Not in Temeswar an. Bei der Landung jedoch  erfasst eine Böe den Zeppelin, der mit voller Wucht auf den Boden knallt. Alle verbliebenen Besatzungsmitglieder sterben, obwohl die Rückkehr zur Basis Minuten zuvor noch zum Greifen nahe schien.

An das Schicksal der getöteten Besatzungsmitglieder erinnert die steinerne Säule auf dem Temeswarer Heldenfriedhof noch heute. Davor die eingravierten Namen auf steinernen Grabplatten. Für Militärattaché Marc Ascui ist die Säule gleichzeitig ein Mahnmal an die Schrecken des Krieges ganz generell, ebenso wie für den deutschen Konsul Rolf Maruhn. Waren es damals die Zeppeliner, die dem Krieg zum Opfer fielen, so sind es heute viele Unschuldige in Syrien, im Jemen, in Afghanistan und an anderen Kriegsherden der Welt. Und auch an sie, so Maruhn, erinnere das Zeppelin-Denkmal auf dem Temeswarer Heldenfriedhof.

Das übrigens bekam 1999 Besuch aus der Zeppelinstadt Friedrichshafen. Und einer, der bei der Gedenkfeier ebenfalls mit dabei ist, erinnert sich noch sehr genau daran: Ovidiu Ganţ, Abgeordneter des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien und einst Direktor des deutschsprachigen Nikolaus-Lenau-Lyzeums in Temeswar. Durch Vermittlung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge  reiste seinerzeit eine Schülergruppe des Berufsschulzentrums Friedrichshafen nach Westrumänien, um einen eher außergewöhnlichen Arbeitseinsatz zu stemmen: Gemeinsam mit Schülern des Lenau-Lyzeums sanierten sie seinerzeit das Zeppelin-Denkmal. So manche freundschaftlichen Verbindungen, die damals geknüpft wurden, halten bis heute an. „Das war sehr wichtig,” so Ovidiu Ganţ, „denn sehr viele Leute in Deutschland haben schließlich keine Ahnung, wie Rumänien aussieht, was die Menschen hier so tun.” Was also könne es Besseres geben als einen Schüleraustausch, der das gegenseitige Verständnis fördert? Und so ist dann die Tragödie rund um den Zeppelin-Absturz in Westrumänien vor über 100 Jahren Ausgangspunkt für Freundschaften zwischen beiden Ländern, die bis heute andauern.

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