Den eigenen Weg nicht suchen, sondern selbst gestalten

Dirigent Vincent Grüger aus Deutschland gründete Kammerorchester in Focşani

Montag, 25. März 2013

Der Dirigent Vincent Grüger
Foto: Aida Ivan

Für die Konzerte des Kammerorchesters „Unirea“ in Focşani sammeln sich Musiker aus Jassy, Galaţi, Bacău und Bukarest.
Foto: Kammerorchester „Unirea“

Treffpunkt: Künstlereingang der Bukarester Nationaloper. Der Dirigent eilt die Treppen hinauf, von einer Etage zur anderen begrüßt er herzlich Tänzer, Sänger und andere Mitarbeiter der Bukarester Institution, die ihm respektvoll begegnen. Vor einem Jahr hat er im Experimentalstudio für Oper und Ballett „Ludovic Spiess“(SEOB) die Premiere von Claude Debussys „Die Spielzeugschachtel“ („La Boite a Joujoux“ ) in seiner instrumentalen Neufassung geleitet. Seine zarte Natur wird schnell offensichtlich: Mit jedem neuen Anruf, der unser beginnendes  Gespräch wieder unterbricht, wird seine Stimme nur  sanfter.

Vincent Grüger  hat Aufführungen in Städten wie Berlin, München, Graz, Santiago de Chile oder Danzig geleitet. Er spricht sechs Fremdsprachen und hat pädagogische Erfahrung sowohl an deutschen als auch an rumänischen Hochschulen gesammelt, als Student in Essen und Frankfurt, als Gastdozent in Bukarest und Hochschuldozent in Kronstadt.

Seit ungefähr vier Jahren leitet Vincent Grüger mit deutscher Genauigkeit und Leidenschaft  das Kammerorchester „Unirea“ in Focşani, ständiger Dirigent ist er auch in der nicht weit davon entfernten Donaustadt Brăila. Auch in Bukarest ist er tätig – als mitarbeitender Dirigent des SEOB an der Nationaloper Bukarest. In Hermannstadt/Sibiu dirigierte er fast anderthalb Jahre die Jugendkonzerte an der Staatsphilharmonie. Zwischen 2003 und 2006 war er Chefdirigent inGalaţi. Seit 16 Jahren betätigt er sich als Dirigent in Rumänien, bis jetzt hat er Konzerte in wortwörtlich allen Ecken des Landes geleitet, von Jassy/Iaşi bis nach Temeswar/Timişoara, von Bukarest bis Klausenburg/Cluj. 

Offenherzig spricht der Dirigent über seine Errungenschaften in Rumänien, die Schwierigkeiten, mit denen er sich hier konfrontiert sah, und die Lösungen, nach denen er ununterbrochen auf der Suche ist. Ihm gelingt es irgendwie, ständig zwischen Städten zu pendeln und sowohl ein Familienleben als auch ein Orchester zu führen. Überdies komponiert er auch Musik: Die Uraufführung seiner jüngsten Komposition, das „Kleine Konzert“ für Horn und Orchester, fand im Herbst statt.

Vincent Dominik Grüger stammt aus einer Musikerfamilie: Er ist Sohn des Dekans am Richard-Strauss-Konservatorium in München und der Cello-Lehrerin an der Bergischen Musikschule Wuppertal. Besuche im Opernhaus haben ihn von früh auf fasziniert – besonders die Theateratmosphäre und die enge Beziehung zwischen Dirigenten und Orchester.  Studiert hat er mit dem deutschen Komponisten und Kirchenmusiker Wolfgang Hufschmidt an der Hochschule in Essen.

Der akademische Grad „Diplom-Musiker“ wurde Vincent Grüger von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt am Main 1995 verliehen, an der er Komposition bei Hans Zender und Dirigieren bei Hans-Dieter Resch studiert hat. Sein Studium steht unter dem Zeichen der doppelten Perspektive: als Komponist seitens der Theorie und als  Dirigent seitens der Praxis.

Nach langem Studium musste der Dirigent eine Arbeitsstelle finden, was zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland bereits ziemlich schwierig war, beginnt Vincent Grüger seine Geschichte. Seinen ersten Kontakt zu Rumänien knüpfte er durch ein Praktikum in Konstanza/Constanţa im Jahre 1997. Danach wurde er Hochschuldozent bei der Universität „Transilvania“ in Kronstadt/Braşov, wo er ein paar Jahre Musiktheorie unterrichtete und das Studentenorchester dirigierte.

Als Gastdirigent betreute er verschiedene Orchester in Städten wie Kronstadt, Klausenburg und Temeswar oder Craiova, aber auch in Deutschland und in der Türkei. In Jassy wurde er ständiger Gastdirigent, ab 2003 Chefdirigent beim Musiktheater „N. Leonard“ in Galaţi, ab 2009 permanenter Dirigent des Kammerorchesters in Focşani. Gearbeitet hat er im Laufe der Zeit u.a. mit Felicia Filip, Paul Basacopol, Christian Rudik, Irina Săndulescu, Héctor López, Doina Scripcaru, Marius Budoiu, Marin Cazacu und Alexandru Tomescu.

„Nur soviel?“

Ganz anders als andere Dirigenten, die schon formierte Orchester an die Hand bekommen, bildete sich Grüger sein eigenes: Instrumentalisten von der Bukarester Oper oder von den Philharmonien aus Jassy, Galaţi und Bacău, aber auch Studenten, kommen nach Focşani, um hier regelmäßig Konzerte zu halten. In kurzer Zeit hat sich ein Kammerorchester herauskristallisiert, auf das die Bewohner der walachisch-moldauischen Grenzstadt unheimlich stolz sind.

Das hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Einheimischen Traditionen lieben: Das heutige Kammerorchester trägt denselben Namen wie die Philharmonie, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, „Unirea“. Das ursprüngliche Sinfonieorchester (1948-1962), die erste und lange einzige Institution ihrer Art in der Stadt zwischen Bukarest und Jassy, hatte den Sitz im Gheorghe-Pastia-Volksathenäum.

Das notwendige Geld für die Errichtung des Athenäums in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde von einem Philantropen gespendet, Sohn des reichen Grundstückbesitzers Sache Pastia. Das Volksathenäum in Foc{ani ist eines der zwei Kulturzentren der Stadt – sowohl das Athenäum als auch der Bau des Theaters wurden von G. Pastia in Auftrag gegeben und finanziert – und wurde als historisches Denkmal  eingestuft. Errichtet wurde es in fast 20 Jahren. Das ursprüngliche Orchester wurde aber nach weniger als 20 Jahren aus politisch-regionalen Überlegungen aufgelöst. Focşani litt fast ein halbes Jahrhundert unter dem Mangel einer professionellen Kulturinstitution. Das Gebäude des Athenäums wurde dann vor ein paar Jahren mit europäischen Geldern saniert. Valentin Gheorghiţă ist der Direktor des Athenäums, das heute regelmäßig Konzerte bietet.

Nach langwierigen Bemühungen seitens der Kulturinteressenten wurde ein Kammerorchester in Focşani ins Leben gerufen. Focşani ist die jüngste Episode im Leben des ambitionierten Dirigenten, der seinen Weg nicht zu suchen, sondern ihn - seinen Prinzipien gemäß -  zu gestalten versucht. Die Tradition wurde wieder belebt, und zwar im selben Volksathenäum „Maior Gheorghe Pastia“. Angesichts des historisch-kulturellen Hintergrunds der Stadt ist der unermüdliche ausländische Leiter des heutigen Kammerorchesters für die meisten Stadtbewohner ein wahrer Held.

„In der kommunistischen Zeit ist Focşani wesentlich nach hinten gefallen, die Stadt wurde stark marginalisiert“, erklärt Vincent Grüger und legt eine große Aktentasche auf den Tisch. Sie enthält Plakate der alten und neuen Konzerte in Foc{ani. Vor 50 Jahren traten hier  Musiker wie der Geiger Ion Voicu und die Opernsänger Nicolae Herlea, David Ohanesian und Ion Dacian auf. Die Geschichte der Stadt kennt der informierte Diplom-Musiker bis in alle Einzelheiten. „Focşani wird unterschätzt als Kulturstadt in Rumänien“, meint der Dirigent.

Wie es zum jetzigen Kammerorchester gekommen ist, erzählt der begeisterte Dirigent anhand von Anekdoten: Die ersten vier Konzerte wurden ab 2009 vom Kulturministerium durch das Kulturprojekt „Rinascimento musici“ finanziert. Hauptziele des Projektes waren die kulturelle Wiedergeburt und die Förderung der klassischen Musik. Das musikliebende Publikum aus Focşani sollte sich wieder formieren: Drei Jahre lang wurden die Konzerte in Focşani von Sponsoren durch Spendenverträge finanziert, manche Musiker haben für sehr wenig Geld gespielt.

Das Bürgermeisteramt in Focşani zeigte kaum Interesse für das Kammerorchester, bis eine Delegation aus der italienischen Stadt Tivoli anlässlich der Vertragsunterzeichnung der Städtepartnerschaft Focşani-Tivoli das Potenzial des Orchesters erkannte. Nach dem Auftritt von 28 Musikern, die ein großartiges Konzert gegeben hatten, musste der Bürgermeister gestehen: „Ich erkläre mich als besiegt. Sie haben mich überzeugt!“ Danach wurde dem Kammerorchester auch finanzielle Unterstützung vom Stadtrat bereitgestellt: „Eine Woche später hatten wir ein Budget“, erzählt der Dirigent.

Es ist kein riesengroßes Budget, aber es erlaubt, dass monatlich ein Konzert organisiert werden kann. Die Reaktion der Vertreter der lokalen Behörden ist aufschlussreich. Als sie erfahren haben, welche Kosten ein ständiges Orchester erfordern würde, haben sie gestaunt: „Nur soviel?“.

Doppelt so schnell wegen Geldmangel

Mit den Instrumentalisten des Orchesters speisen, im Hotel schlafen, das ständige Hin und Zurück: All das gehört zum Alltag des Dirigenten. Herr Grüger erklärt seinen Wochenplan: Freitags fährt er aus Bukarest nach Brăila, wo er zwei Proben von je drei Stunden leitet. Nach der zweiten Probe am Samstag fährt er nach Focşani, wo er vor den Proben die erforderlichen Materialien für das Konzert durchgeht und begutachtet. Am Samstagnachmittag finden die Proben statt.

Das Konzert in Focşani ist normalerweise montags geplant. Vor dem Konzert findet noch eine Generalprobe statt. Die Instrumentalisten haben kaum Zeit, sich vor dem Konzert auszuruhen, aber es ist günstiger auf diese Weise, da die meisten nicht aus Foc{ani kommen. Dieser ungewöhnliche Ablauf geht auf dasselbe Problem der Finanzierung zurück: „Die Vorbereitung für die Konzerte dauert nur zwei Tage im Vergleich zu anderen Orchestern, wo vier oder sogar fünf Tage lang gearbeitet wird. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Musiker auch hervorragend vorbereitet sind“, betont der Dirigent. Es sei gut, dass man die Instrumentalisten selbst auswählen kann.

Auch in Br²ila kämpft Vincent Grüger um ein permanentes Orchester, so wie es in Foc{ani inzwischen existiert. Br²ila hat von Anfang an einen Vorteil: Hier gibt es professionelle Lehrer des Kunstlyzeums „Hariclea Darclée”und Bläser des örtlichen Militär-Musikcorps, die um Musiker der Oper aus Galaţi ergänzt werden können.

Ein Städtebundorchester

Vincent Grüger träumt von einer Zusammenschließung der Orchester aus den Städten Focşani, Brăila und Buzău: langfristiger Plan des Dirigenten ist, ein Städtebundorchester zu gründen. Für ein solches Orchester, das dasselbe Konzert in jeder der erwähnten Städte geben würde, sollte jede der beteiligten Städte ein Drittel der Kosten übernehmen. „Dazu braucht man aber Stabilität“, sagt er und erklärt weiter anhand von Beispielen aus Deutschland – Solingen/Remscheid: Bergische Symphoniker oder Landshut/Passau/Straubing: Landestheater Niederbayern – wie gut dieses System funktionieren kann, das in Rumänien völlig unbekannt ist. Was die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern betrifft, meint Vincent Grüger, dass es in seinem Heimatland eine Hierarchie gibt, die hierorts so nicht aufzufinden ist. In Rumänien sind Philharmonie und Oper zwei getrennte Institutionen, effizienter wäre es vielleicht, beides unter einem Dach zu haben, meint Grüger.

So wie er seine geliebte Musik wahrnimmt, so scheint er auch seine zweite Heimat zu betrachten: Egal ob es um das Bühnenbild zu Lohengrin oder Aida geht, um die Architektur und Straßen Bukarests, um die Geschichte der Stadt Focşani oder die Lerngewohnheiten der rumänischen Studierenden, Vincent Grüger analysiert alles bis ins kleinste Detail und bildet sich Meinungen zu Rumänien. Er urteilt nicht, versucht aber Lösungen für Probleme zu finden, mit denen sich die Bewohner des Landes vielleicht auch auseinandersetzen könnten.

Kommentare zu diesem Artikel

Lucian, 27.03 2013, 01:40
Alles schön und gut, bis auf die Variante der Zusammenlegung von Opern und Philharmonien o.Ä.

Die Erfahrung der Zusammenlegung von Belegschaften von Kulturinstitutionen hat man in den "glorreichen" Mitt- und Endachtzigern gemacht, und es war die reine Katastrophe.

Seit 2010 haben einzelne Verwaltungsbehörden "ihre" jeweiligen Kulturinstitutionen zusammengelegt oder gar geschlossen. (s. allein die Fälle Arad u. Konstanza). Hat man den Eindruck, dass sich seither das Kulturleben dort effizienter, und daher besser gestaltet? Was in diesen Zeiten einmal geschlossen wird, ist eben gut geschlossen und bleibt auch so. Strukturen gingen so verloren, und nichts (Besseres) kommt an ihre Stelle. Leider.

Mit einer grundlegenden Reformstrategie in diesem Bereich, die aber auch mit einer dezenten Besoldung der Kulturschaffenden verbunden sein sollte, ist in den nächsten Jahren auch nicht zu rechnen.

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