„Den Flammen blieb nichts vorenthalten“ (II)

Aus den Tagebuchaufzeichnungen über den Großen Brand in Kronstadt von 1689 von Marcus Fronius in deutscher Übertragung von Lore Wirth-Poelchau

Samstag, 10. Mai 2014

Stadtplan von Gustav Treiber aus dem Band von Erich Jekelius, 1928 mit Ergänzungen, um die im Text von Marcus Fronius erwähnten Standorte übersichtlich zu machen: 1) Schwarzgasse (str. N. Bălcescu); 2) Burggasse (str. Castelului); 3) Purzengasse (str. Republicii); 4) Rossmarkt (Gh. Bariţiu); 5) Klostergasse (str. Mureşenilor); 6) Marktplatz (Pţa. Sfatului); 7) Schwarze Kirche. Mit rot schraffiert ist der untere Bereich der Schwarzgasse, welchen Marcus Fronius als Ausgangspunkt des Brandes angibt. Zwischen 1770 und 1780 wurde hier, zu Kosten der Kronstädter die erste Kaserne der Stadt errichtet. Der Bau kann als das letzte Kapitel des Konflikts um die habsburgische militärische Zwangseinquartierung in Bürgerhäusern betrachtet werden. 1873 wurde dann an dem selben Standort die jetzige „Schwarze Kaserne“ gebaut.

Wenn nun so die Kirchen, die Schulen, das Pfarrhaus, die Bücher und die Orgel verbrannten, müssen wir da nicht glauben, dass Gott, unserer Gottlosigkeit überdrüssig, wegzugehen beschlossen hat? Wende das Vorzeichen von uns ab, Jesus! Wir haben die Schriftwerke verachtet, und sie sind uns genommen worden.

 In dieser so schrecklichen Prüfung durch den göttlichen Zorn gingen zuerst die Frauen aus der Stadt, dann auch unterschiedslos die Männer, nachdem sie vergeblich ihre Mühe auf das Heranschaffen von Löschwasser verwendet hatten und ihre Habseligkeiten zu gleicher Zeit in die Keller gebracht hatten. Als letztes zogen sich die militärischen Wachtposten vom Markt zu den Stadttoren zurück. Nur wenige verbrachten die schlimme Nacht unter glücklichen Umständen innerhalb der Stadt. Höchst erbärmlich war das Aussehen der Stadt; nur das Feuer erhellte die mondlose Nacht, während zwischendurch Männer und Frauen und unmündige Kinder hin und her liefen, ihr Hab und Gut vergaßen, jammernd und wehklagend mit den Armen fuchtelten, von denen die einen ihre Eltern, andere ihre Kinder, manche ihre Ehegatten, wieder andere irgend etwas anderes, suchten.

Es war wie in einer bacchantischen Tragödie. Einige waren richtig bekleidet, eine bunte Menge nur spärlich bedeckter Menschen zog dahin, die Priester hatten nicht ihre heiligen Gewänder an, die Ratsherren waren ohne ihre Rangabzeichen, den Frauen fehlte oft eine geziemende Kleidung oder eine entsprechende Kopfbedeckung, einer zog den anderen mit oder schleppte ihn weiter; die alten Leute und die Bettlägrigen gaben außer ihrem stoßweisen Atem kaum ein Lebenszeichen von sich. Welchen Anblick die Schwangeren und die kleinen Kinder boten, konnte ich wohl sehen, beschreiben kann ich es nicht.

Aber zu vorgerückter Nachtstunde suchten viele die Reste ihrer Häuser wieder auf und fanden, von den Kaiserlichen zuerst, widerwillig, endlich aber doch zugelassen, manchmal die Ihrigen wieder, deren Verlust sie schon beklagt hatten, fielen sich voll Verlangen gegenseitig in die Arme; dagegen fanden andere diejenigen, die sie in Sicherheit gewähnt hatten, halb verkohlt oder vom Rauch getötet. Viele kamen durch das Feuer um, etliche verloren ihr Leben unter niederstürzenden Mauern. Mehr als 200 Menschen gingen durch dieses plötzlich hereinbrechende Schicksal zugrunde. Von einigen sind nur noch zerfetzte Teile gefunden worden, der Brustkorb mit dem Herzen, oder ein halbverkohlter Fuß mit einem Schuh oder eine Hand, ein Schädel ist aus den Trümmern ausgegraben oder aus dem vorbeifließenden Bach geborgen worden; andere dagegen sind in ihren festen Kellern von den Flammen unberührt geblieben, sind aber einer in den Armen des anderen erstickt; einige sind in ihrem Bett sanft ausgelöscht worden, und nicht einmal ihre Gesichtsfarbe hatte sich verändert; an anderer Stelle waren gleichzeitig vier Menschen und damit eine ganze Familie verbrannt; einige sind mit knapper Not gerettet worden, selbst der Stadtpfarrer verlor alle seine Sachen und besonders auch die reichhaltige Bibliothek und entkam dem Feuer gerade noch mit seinem Pferdegespann.

Der besonnene, kluge, rechtlich gesinnte und besonders redliche und gottesfürchtige Mann, den wir „der Muosers Klusch“ nannten, der wegen seiner Tugendhaftigkeit ein langes Leben verdient hatte, tat seinen letzten Atemzug in den Armen seiner Frau und gemeinsam mit ihr. Friede seinem Andenken! Der Ratsherr Johannes Mankesch, bescheiden in seiner Lebensführung und von ernstem Charakter, der niemand zum Feinde hatte und bekannter war als sein gleichnamiger Sohn und der höchsten Würdenstellung ganz nahe, als dieser mit seiner Frau der Bergung seiner Habe oblag, wurde er in seinem Keller eingeschlossen, weil das Feuer ihnen den Ausgang verlegte, und es fehlte nicht viel, dass er uns entrissen worden wäre. Durch Rauch und Qualm, die in den Räumen unter der Erde dichter zu sein pflegen, wurde ihm das unbeschwerte Atemholen verwehrt und er war schon niedergefallen und beweinte seine daliegende Frau, als sei sie tot, wenn er seinen eigenen Zustand ein wenig vergessen und an seine Frau hätte denken können. Indessen

/420/ sagte diese plötzlich als wäre sie aus tiefem Schlaf erwacht, mit leiser Stimme ein paarmal: „Christus der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn“, worauf ihr Mann herbeieilte, wieder Atem schöpfte, sie umarmte und so mit ihr vereint dem Schicksal entgegen sehen wollte. Den Gebeten des Sohnes und der  Rechtschaffenheit dieses Mannes ist es zu verdanken, dass er nicht umkam.

Die übrigen, die die Sorge um ihr Hab und Gut und ihr Wagemut in der Stadt hatte bleiben lassen, mussten zunächst dem Ansturm des Feuers weichen und freieres Gelände aufsuchen, eilten dann aber herbei, als nach der Zerstörung der Häuser das Wüten des Feuers nachließ und schleppten Wasser heran, konnten jedoch das rasende Feuer nicht bezähmen, trafen jedoch Vorsorge, dass nicht durch Funken sich das Unheil schleichend weiter ausbreitete und auch in die Keller drang, damit nicht auch noch das, was das Feuer verschont hatte, durch Diebeshände verloren ging. Denen dieses geglückt war, die waren jedoch nicht außer Gefahr für Leib und Leben.

Ganz zu Recht meinten sie nämlich, sich vor Dieben fürchten zu müssen. Wenn wir dem umgehenden Gerücht Glauben schenken, dann fand ein gewisser Kürschner Bös (oder wie sein Name ist) in der Torgasse, als er seinen Keller betrat, dort eine Schar von Soldaten vor, die sich auf ihn stürzten und den Garaus machen wollten, wenn nicht ein anderer von demselben Volk hinzugekommen wäre und sie am schändlichen Beginnen gehindert hätte. Für viele wurde übrigens das Unglück dadurch noch größer, dass sie ihre von den Flammen nicht versehrten Habseligkeiten doch noch einbüßten. Sogar eiserne Kästen wurden fortgeschleppt oder aufgebrochen, Kleider und anderes Gerät geraubt. Und man konnte daran zweifeln, ob alle die hierbei zu Tode kamen, vom Feuer dahingerafft oder ob nicht einige durch fremde Mithilfe ins Feuer gestoßen wurden. Es muss auch nicht allein die Dreistigkeit der Soldaten angeklagt werden: auch die Mägde und Nachbarn, besonders die Vorstädter, haben für sich im Trüben gefischt.

(Fortsetzung folgt)

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