„Den Flammen blieb nichts vorenthalten“ (IV)

Aus den Tagebuchaufzeichnungen über den Großen Brand in Kronstadt von 1689 von Marcus Fronius in deutscher Übertragung von Lore Wirth-Poelchau

Sonntag, 25. Mai 2014

Die Schwarze Kirche und, im Hintergrund, das Gebäude gebaut an der Stelle wo sich 1689 die Honterus-Bibliothek befand. Foto: Hans Butmaloiu

Es ist nach dem Urheber des Brandes gefragt worden und jeder hatte eine andere Meinung dazu. Die Kaiserlichen klagten uns des Verbrechens an und erklärten das so, dass wir aus Hass gegen sie

/422/ die Stadt angezündet hätten, um sie auf diese Weise von dem Ort zu vertreiben; daher fügten sie hinzu, sie würden von hier nicht weggehen, bevor sie sähen, dass kein einziges Haus mehr übrig sei. So die einfachen Soldaten; ob dasselbe auch diejenigen glauben oder sagen, die bei ihnen eine gewisse Urteilskraft besitzen, weiß ich nicht. Hier und da taucht die Bezeichnung „aufständisch“ auf und unter diesem Namen werden wir mehr und mehr beschuldigt. Das halten wir aber nicht für einer Antwort würdig. Andere wälzen die Sache auf Tökölyi ab, und es fehlt nicht viel, dass sie unsere Leute davon überzeugen. Die übrigen verdächtigen die Kaiserlichen. In der einen Hinsicht stimmen jedoch alle überein, dass nämlich Brandstiftung die Ursache war. Der Fürst hat um das in Erfahrung zu bringen, Leute ausgesandt, die gewissenhaft den gesamten Hergang des Brandes erforschen sollen. Jeder hat gesagt, was er für wahr hielt, aber so als ob er glaubte, dass neben den Abgesandten des Fürsten ein Kaiserlicher stünde. Was davon wahr ist, weiß ich nicht, ich habe die Meinungen wiedergegeben und werde jetzt die Aussagen durchgehen.

Der ehrwürdige Herr Trausch, der Diakon der Stadt, sagt, er habe gesehen wie in der Seilergasse, als das Feuer dort noch nicht wütete, ein Soldat seine Büchse auf ein unversehrtes Dach abgeschossen hatte und wie dieses darauf sogleich Feuer gefangen habe. Das gleiche gesehen zu haben versichert Johannes Barve, der Lektor der dritten Klasse. Petrus Closius, ein Theologiestudent, behauptet, er habe gesehen, dass ein feuriger Klumpen geradewegs auf den obersten Teil des Kirchendaches geschleudert worden sei und dass das hoch aufragende Gebäude sofort Feuer gefangen habe: von anderer Stelle aus habe seine Mutter das gleiche beobachtet. Dass er das gleiche gesehen hat, bezeugt auch Magister Johannes Albrich, der Lektor der zweiten Klasse, und hat dies offen vor den Untersuchungsbeamten bekannt. Außerdem sagen zuverlässige und vertrauenswürdige Leute, dass der Mann, der einige Tage, bevor wir zu dem wurden, was wir jetzt sind, die Gastfreundschaft des Johannes Deidrich in Anspruch genommen hatte, seinen Gastgeber ermahnt habe, für sein Hab und Gut Sorge zu tragen und, sobald er hören werde, dass das große Geschütz vom Schloss her abgefeuert werde, nicht mehr aus dem Hause zu gehen; das solle er aber geheim halten.

Er habe es jedoch unverzüglich dem Stadtrichter gemeldet, damit man einen Plan fassen könne, aber dort sei seine Rede von den Dabeistehenden mit Lachen aufgenommen worden. Dasselbe habe er weiterhin seiner Verwandten, der Frau des ehrwürdigen Herrn Wagner, erzählt. Folglich waren in jener Schicksalsstunde dieses Geschütz ein ums andere Mal und mehrere andere vom Schloss her zu hören, als das Feuer hervorbrach. Als da die Wagnerin im Garten war und nicht wusste, was in der Stadt vor sich ging, aber sich daran erinnerte, was sie gehört hatte, eilte sie, kaum hatte sie das Dröhnen des Geschützes gehört, in die Stadt und in ihr Haus. Und da erst sah sie, dass das Feuer ausgebrochen war. Es heißt, sie selbst habe das berichtet. Was sich aus den Reden des Volkes als wahr erwiesen hat, ist allgemein bekannt. Ich will jedoch auch die unverschämten Scherze der einfachen Soldaten wiedergeben.

In dieser für die Stadt schicksalhaften Nacht riefen sie den in die Stadt zurückkehrenden Bürgern vor den Toren zu: „Geht, geht, drinnen wird Hochzeit gehalten“. Die Bauern aus Neustadt, die zur Hilfe kommen wollten, schickten sie nicht nur zurück, sondern beschimpften sie: „Geht schon, geht, ihr Rebellen, und ruft die Tataren“. Sie verhöhnten diejenigen, die ganz verwirrt ihre Sachen aus dem Friedhof hinausbringen wollten: „Oh ihr Ausbünde von Schlechtigkeit, ihr türkischen Hunde! Wohin eilt ihr? Euren Besitz wollt ihr fortschleppen und eure lumpigen Häuser anzünden und uns in ihnen verbrennen lassen: aber ihr müsst in den Flammen umkommen“. Das wird von den Bauern so erzählt. Vorgestern erst sei ein betrunkener Soldat auf der Straße unter seinem weinseligen Gemurmel endlich auch in diese Worte ausgebrochen: „Wir müssen hier zugrunde gehen was wir wohl sehen, aber ganz sicher müsst auch ihr zugrunde gehen“.

Seither fürchten die einen die Waffen des Kaisers, die andern die des Tökölyi. In Honigberg hatte einer mit unseren Leuten Freundschaft geschlossen, was, wie es heißt, durch die Ähnlichkeit der Sitten und die Aufrichtigkeit der Menschen gefördert worden sei. Als sich die Gastfreundschaft dann trotz des Heranrückens der Truppen nicht änderte, hat er einem heimlich etwas ins Ohr gesagt, was der mir ganz offen wiederholte: seine Landsleute wollten zwar nicht hören, dass sie die Urheber des Unglücks seien, sie seien es jedoch mit Sicherheit und hätten dem gesamten Gebiet das gleiche Schicksal bestimmt, besonders dem Burzenland, damit ein überraschend eindringender Feind keinerlei Proviant vorfände und keinen Ort habe, wohin er sich zurückziehen könne.

/423/ Im übrigen werde die Hauptstadt geschont werden, jedoch unter der Bedingung, dass ausreichend viele Bewaffnete zur Verteidigung der Stadt gestellt würden und dass sie die Mauern hielten; sollten sie und ihre Leute es aber an etwas fehlen lassen, dann werde ihr ganzes Vaterland unter dem gleichen Schicksal zugrunde gehen und der Verwüstung anheim fallen. Bei diesem Mann handelt es sich nicht um einen ganz gewöhnlichen Soldaten. Was jedoch von seinen Äußerungen zu halten ist, mögen andere beurteilen. Ich gebe zu, dass es einleuchtend klingt, und doch scheint es nicht geraten, ein so großes Geheimnis der Verschwiegenheit eines beliebigen Menschen anzuvertrauen, und es ist wahrscheinlich, dass, wenn irgendetwas derartiges im Denken der Kaiserlichen Platz ergriff, es dafür nur wenige Zeugen gab und dass es nur zwei oder drei, kaum jedoch mehr Leute waren, die von den blutigen Plänen wussten.

Wer aber, ob der eine oder der andere aus der großen Schar das erfahren hatte, das durchschaue ich nicht. Wie immer es sich auch verhalten mag: ich spiele die Rolle des Historikers, nicht des Zensors. Was jeder sagt, das berichte ich; wer die Wahrheit gesagt hat, das wird die Zeit lehren. Mitunter wird das Gerücht verbreitet, dass Tököly in diesem Jahr die städtischen Wachen getäuscht habe und in der Stadt gewesen sei und dass viele aus seinem Gefolge als Brandstifter gefasst worden seien - ich habe keinen gesehen. Es heißt, dass der Küster der Neustädter dabei gewesen sei, als seine Schüler die Trümmer der großen Kirche säuberten, und dass sein Blick auf den Brocken eines Feuergeschosses gefallen sei, das man „Bombe“ oder „Granate“ nennt; eben so etwas dort gesehen zu haben, berichtet ein Bürger, der ziemlich glaubwürdig ist. Ich selbst habe davon nur gehört, nichts gesehen.

(Fortsetzung folgt)

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