Den Schlüssel zum Glück in der Hand

Burghüter Constantin Boghean aus Großschenk: Die Sachsen haben mein Leben geprägt

Montag, 27. März 2017

Marietta und Constantin Boghean vor ihrem Haus in Großschenk
Fotos: George Dumitriu

Der Schlüssel zur Pforte (Mitte) der evangelischen Kirche von Großschenk ist für den heutigen Burghüter auch der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

In Uwe Bogheans Werkstatt entstehen die schaurigsten Urzelmasken.

„Nea Costică„ mit Enkel Horst (links) und Tochter Brigitte (Mitte)

Mit klopfendem Herzen wartet der junge Mann in der Dämmerung. Da – Schritte! Endlich... Aber oh Schreck, es ist nicht Marietta - sondern ihr gestrenger Vater! Rasch wirft er sich bäuchlings in ein Beet, verharrt regungslos im Grünzeug. Die Schritte nähern sich und er hält den Atem an. In einem Schwall ergießt sich eiskaltes Brunnenwasser über seine Kleider, von links nach rechts, immer wieder und wieder. „Er hat mich gut gegossen – aber gewachsen bin ich  nicht mehr!„ lacht Constantin Boghean entwaffnend. Sein sächsisches Mädchen hat er dann doch noch bekommen – wenn auch mit Hindernissen...

Trotzdem ist „Nea Costică“, wie er von allen im Dorf genannt wird, überzeugt, den Sachsen viel zu verdanken. In ihrer Mitte in Heltau/Cisnadie aufgewachsen, später in Großschenk/Cincu, schaute er sich stets das Beste ab – Ehrlichkeit, Fleiß und Disziplin – und vergaß das Schlechte. „Das Worthalten imponierte mir meisten“, sinniert Constantin Boghean. Längst sind seine Jugendliebe Marietta und er stolze Großeltern. Längst hat er sich nach dem Fortgang der meisten Sachsen als Fremdenführer  in der Wehrkirche etabliert und pflegt den sächsischen Friedhof. Auch wenn die Schwiegereltern ihre Tochter enterbt und dem Paar zeitlebens nicht verziehen haben, verstand er sich ansonsten stets hervorragend mit seinen sächsischen Mitbürgern. „Sogar Sächsisch hab ich gelernt - wenn auch der Dialekt von Heltau anders ist als hier - und unsere Kinder haben deutsche Namen“. Augenzwinkernd verrät er: „Aber zuhause schimpfte meine Frau immer, wenn ich Deutsch zu sprechen versuchte - damit die Kinder nicht meine Fehler lernen!“

Familienglück mit Hürden

„Ich wartete also im Garten, denn Marietta hatte schon tagelang Hausarrest“, erzählt Nea Costică weiter. Der Vater bewachte die Zwanzigjährige streng, denn ein rumänischer Schwiegersohn kam für ihn nicht infrage. Doch der findige Bursche hatte einen Weg gefunden, dem Mädchen eine Nachricht zukommen zu lassen – eingenähnt in einen Hemdkragen, ein Auftrag für die junge Schneiderin: „Wir treffen uns in der Dämmerung am Plumpsklo im Garten“. Na, diesmal hatte es nicht geklappt. Doch unter der Sitzbrille des dortigen Örtchens wurden weitere Botschaften getauscht. Bis Marietta eines Tages die Flucht gelang! Sie versteckte sich bei einer Freundin, ließ Costică benachrichtigen und dieser zögerte nicht lange. Eine Stunde später bremste ein Armeelaster mit quietschenden Reifen vor dem Tor: Das Mädchen erklomm das Führerhaus, bekam schnell eine Militärweste übergeworfen und eine Kappe auf den blonden Kopf - und nichts wie weg!

Bei seiner Mutter und Schwester in Heltau schlüpfen die Verliebten unter. „Es war eine schöne Zeit“, schwärmt Costică. „Wir fuhren erstmal in Urlaub, nach Bulgarien, nach Baltschik, zum Goldstrand.“ Für die Hochzeit in der Kirche konvertierte er sogar vom orthodoxen zum evangelischen Glauben. Dann ließ er sich nach Großschenk versetzen, wo er bereits früher als unqualifizierter Arbeiter – Fotograf für Ausweisbilder, Laborant, Elektriker, Schneider und mehr – in der Kooperative beschäftigt und äußerst beliebt gewesen war. „In der Freizeit hackte ich Holz, um etwas dazuzuverdienen.“ Überall war der fleißige junge Mann willkommen. „Ich habe außerordentlich viel gearbeitet“ gesteht Costică Boghean. „Fleiß und Disziplin habe ich von den Sachsen in Heltau gelernt: Wenn wir auf dem Berggipfel Picknick gemacht haben, haben wir den Müll eingesammelt, nicht ein einziges Papier blieb liegen!“

Marietta Boghean: Hier sind wir frei

Mit der Zeit kamen die Kinder: Uwe, Wolfgang, Helmut und Brigitte. Alle absolvierten die deutsche Schule, erzählt der stolze Vater. Er fährt auf Landwirtschaftsmessen, kauft einen Traktor, weist sogar die Kinder ein, wie man Motormäher demonstriert. Heute stehen die vier längst auf eigenen Füßen. Uwe und Brigitte sind in Großschenk geblieben – wir treffen sie zufällig im Januar zum Anlass des ersten Urzelnlaufs, der seit 25 Jahren dort wieder stattfindet: Brigitte mit dem siebenjährigen Horsti an der Hand, maskiert und in Urzelanzügen, von Marietta Boghean geschneidert. Ohne Scheu zeigt uns der Kleine seine Drahtmaske: „Die hat mein Onkel Uwe gemacht!“ Und nicht nur diese, sondern auch die vieler anderer Urzeln im Dorf. Grund genug, ihn aufzusuchen!

Uwe Boghean ist Schreiner – doch seine kleine Werkstatt erinnert eher an Frankensteins Labor: Auf dem Tisch stapeln sich grimmig dreinblickende Masken, von Balken und Wänden baumeln selbstgegerbte Felle und ausgestopfte Tiere. Auf einer alten Schusternähmaschine fertigt er Urzelanzüge aus Altkleidern und auch die schmucken ledernen Geißeln flicht er selbst. Schon Costică hatte als Junge beim Urzelnlauf mitgemacht, so gehört es praktischzur Tradition, dass jedes Familienmitglied ein Kostüm besitzt. Zu Uwes Handwerks-Repertoire gehören außerdem Schmuck, Holzspielzeug, Pfeil und Bogen, Armbrüste für den Schießsport, Möbelstücke, ausgestopfte Tiere und traditionelle rumänische Schaffelljacken (cojoace), die er vom Gerben bis zum Besticken in hochfeiner Handarbeit fertigt.

Nun müssen wir eigentlich nur noch Marietta kennenzulernen... In der kleinen Wohnküche herzlich empfangen, entspinnt sich schnell ein Gespräch. Brigitte und ihre Mutter wetteifern mit ihrem Wissen über Heilkräuter und traditionelle Rezepte: Hollerblütensirup, Himmelschlüsseltee, Mirabellenmarmelade, „Cognac“ aus Ţuica mit Rosinen und Kaffeebohnen, Kostproben inbegriffen. Ob es sie nie gereizt hat, mit den Sachsen nach Deutschland zu gehen? Nachdenklich schüttelt Marietta Boghean den Kopf: „Zweimal waren wir dort auf Besuch bei Verwandten, doch es hat uns nicht gefallen. Ich hatte keine Lust, im Block zu wohnen,“ ergänzt sie zögernd. Ohne Garten, ohne Hof, ohne Kräuterwiesen. Zum Abschied reicht sie mir ein duftendes Säckchen mit selbstgetrockneten Blüten: wilder Salbei, Ringelblumen, Schafgarben, roter Klee. Horsti stürmt in die Wohnküche, an einem Bindfaden schwingt er ein winziges, totes Vögelchen, das er draußen gefunden hat. „Ihn fasziniert gerade alles aus der Natur“, erklärt Brigitte entschuldigend. Marietta Boghean lächelt:„Hier sind wir frei.“

Die Formel für ein erfülltes Leben

Für Costică Boghean existiert kaum etwas, das er nicht irgendwann ausprobiert hat: Motorradfahren, Bergsteigen, Theaterspielen, Tanzen – „sächsische und russische Tänze, wie sie damals in Mode waren“. Tüfteln, Werkzeuge konstruieren - eine Erntevorrichtung für Meerettichwurzeln oder der metallenen Bohrer für Pflanzlöcher. Gibt es etwas, was Nea Costică nicht kann? „Ich schlachte keine Schweine“, sagt er wie aus der Pistole geschossen. „Ich mag einfach kein Schwein schlachten“, bekräftigt er  und lenkt mit einer seiner vielen Anekdoten schnell vom Thema ab - wie er mit einer Schaufensterpuppe auf dem Sozius festgebunden durch Sinaia raste, bis sie herunterfiel und auf dem Boden nachschleifte und die Leute dachten, es sei ein Mensch... Den Kopf stets voller Witze, den Schalk im Nacken, sprüht er vor Geschichten - und Geschichte. Geschichte, meint er plötzlich erst, sei seine ganz große Leidenschaft. Nächtelang könne er über Büchern und Dokumenten brüten. Am meisten fesselt ihn die Antike, aber auch in sächsischer Geschichte ist er bewandert. Die Aufgabe als Kirchenführer ist dem kleinen Mann mit der schwarzen Lederkappe - sein Markenzeichen - also auf den Leib geschneidert. Irgendwie hat sich damit auch ein Jugendtraum erfüllt. „Mit 18 bin ich mit sächsischen Freunden mit dem Motorrad durch ganz Siebenbürgen gefahren – schon damals fiel mir auf: überall sächsische Kirchen! Schon damals fragte ich mich: Wer soll das alles einmal pflegen, wenn die Sachsen nach und nach auswandern?“

Nach der Wende war es dann so weit: „Der Pfarrer hatte ein Rundschreiben gemacht, doch niemand wollte die Kirche übernehmen, zwei Monate lang blieb sie verwaist. Dann hat er mich gebeten.“ Sich das Wissen anzueignen war freilich eine Herausforderung: „Ich bekam zwar viele Bücher vom Deutschen Forum- doch alle auf Deutsch und viel zu kompliziert für mich. Ich hatte Glück: rumänische Freunde übersetzten sie mir und ich habe sie ausführlich studiert.“ Was ihm am meisten Spaß macht, sind die Besucher aus aller Herren Länder. „Brasilien, Paraguay, sie kommen von überall...“ Seine Äuglein blitzen: „Das ist die Formel, die mein Leben glücklich macht!“  Weil in Großschenk eine Militärbasis liegt, sind auch ausländische Delegationen häufig zu Gast. Einmal soll sich ein NATO-General aus den USA während der Führung mokiert haben: „Sachsen, Sachsen – überall hört man nur Sachsen. Wer waren denn diese Saxones?“ Constantin Boghean nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zu einer alten Tür. „Sehen Sie diesen komplexen Schließmechanismus hier? Die Sachsen haben ihn gemacht – und zwar  um die Zeit, als Amerika erst entdeckt wurde!“

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