Denken in Generationsschritten

Die Bardeau-Holding im Banat und ihre Agrarpolitik

Dienstag, 30. Mai 2017

„Jagd nach Agrarland – eine Bedrohung für bäuerliche Familienbetriebe“ ist eine Stellungnahme des EU-Wirtschafts- und Sozialausschusses unter Hinweis auf die „Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern“ der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) betitelt. Wer die beiden öffentlich zugänglichen Dokumente überfliegt, wird sowohl die Petition mehrerer europäischer Zivilgesellschaften ans Europäische Parlament, übertitelt „Europäisches Ackerland als unser gemeinsames Gut erhalten und verwalten: Ein Aufruf zivilgesellschaftlicher Organisationen zu nachhaltiger und gerechter Bodenpolitik“, verstehen, die aufgrund der Studie „Extend of Farmland Grabbing in the EU“ verfasst wurde, aber auch den Graben, der bei den Grundbesitzverhältnissen in EU-Europa existiert.
Denn in der EU der 27 hielten 2,7 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe/Großgrundbesitzer 50,6 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, während 80 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe nur über 12 Prozent des Agrarlands verfügten (der Rest sind mittelständische Betriebe) – unter Umständen, wo einerseits die EU den Zugang zu Agrarland als Menschenrecht qualifiziert, andrerseits darüber nachdenkt, den massiven Landkauf, vor allem durch „branchenfremde Investoren“, zu begrenzen.

Landbesitz zählt zu den sichersten Geldanlagen – eine Folge der Finanzkrise 2007-2008. Außerdem besteht die Gefahr des „Landverlusts“ durch Fremdnutzung, wie Wachsen der Städte („Verstädterung“), Versiegelung (z. B. durch Autobahnbau) und Infrastrukturprojekte (Gewerbegebiete, Staudammbau). Die EU meint auch, dass „eine breite Eigentumsstreuung bei Agrarland ein wesentliches Grundprinzip der sozialen Marktwirtschaft und eine wichtige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer Volkswirtschaft“ sei.
Über diese und solche berührenden Fragen sprachen wir mit Graf Andreas von Bardeau und seiner Gattin Anita von Hohenberg. Graf Bardeau kommt aus der Steiermark (Stammschloss: Kornberg) und ist ein Banater Großgrundbesitzer. Laut rumänischen Presseberichten liegt Graf Bardeau auf Rang fünf der Liste der 50 reichsten Großgrundbesitzer Rumäniens und hat über die Bardeau-Holding (Zentralsitz: Temeswar) Besitztümer in den Kreisen Arad, Temesch, Karasch-Severin, wo sich die Holding (aus 16 Firmen) mit Ackerbau und Viehzucht sowie Lagerung und Vertrieb der Produkte beschäftigt. Seit Mitte Mai 2017 kommt noch das Gewerbegebiet bei Sankt-Andreas/Andrees/Sânandrei hinzu (380.000 qm), als neues Standbein der Holding.

Die Bardeau-Holding nutzt rund 21.500 Hektar Land. 13.500 Hektar sind Eigenbesitz, 3500 Hektar konzessioniert, 4500 Hek-tar von Kleinbesitzern zugepachtet. Effektives Ackerland sind rund 10.000 Hektar, der Rest ist Wiesen- und Weideland. Die Holding hält auch 2600 Kühe und 5000 Schafe. Laut Handelsregister hat die Holding ein Gesellschaftskapital von 63 Millionen Lei – voll in österreichischer Hand – und hat bis 2005 insgesamt 36 Millionen Euro investiert. Sie schuf rund 200 Arbeitsplätze. Zu den Aktiva der Bardeaus in Rumänien gehören auch Forste im Verwaltungskreis Argeş, die gemeinsam mit dem ungarischen Geschlecht der Eszterházy verwaltet werden.
Weniger bekannt ist, dass die Bardeau-Holding mit der Temeswarer Agrar-, Forstwissenschaftlichen und Veterinärmedizinischen Hochschule (UAMVT) einen Kooperationsvertrag hat, aufgrund dessen Studenten „Bardeau-Ausbildungsstipendien“ bekommen, wofür sie, im Gegenzug, auf den Bardeau-Farmen ihr Praktikum absolvieren und für die Zeit nach Hochschulabschluss sich verpflichten, mindestens fünf Jahre für die Bardeau-Holding zu arbeiten. Zwischen der UAMVT und der Bardeau-Holding entsteht eine Art „duale Hochschulausbildung“, die von ihrem landwirtschaftlichen Direktor Haas, von der Steiermark aus, koordiniert wird, der sich auch um Diplomanden und Doktoranden kümmert und der dafür sorgt, dass forschungsfreudigen Studierenden Versuchsflächen zur Verfügung gestellt werden. „Da gibt es beispielsweise zunehmend Probleme mit dem Getreide,“ wirft die Ehefrau des Grafen, Anita von Hohenberg, ein, „Krankheiten, die wir nicht beherrschen. Wir suchen nach Abhilfe(n), auch mittels der Studenten und Hochschulabgänger.“

Ideal für rumänische Verhältnisse hätten sich die Nachkommen der im 18. Jahrhundert aus dem Alpenraum eingeführten Kühe erwiesen, das heutige „Rumänische Fleckvieh“, „Bălţata Românească“. „Das ist ideal für die rumänischen Strukturen der Landwirtschaft“, meint Graf Bardeau, „wir müssen nur züchterisch, durch Import von Spermien, ein bisschen nachjustieren, auffrischen. Wir halten die Kühe für ihre Milchleistung – ich betone, dass wir keine Turbokühe haben, uns sind 24-35 Liter ausreichend, aber Einzeltiere liefern schon auch mal 54 Liter Milch. Fürs Fleisch füttern wir sie anschließend gründlich auf. So erzielen wir eine zufriedenstellende Doppelnutzung, mit einem richtig guten Fleisch – nicht wie jenes von Turbokühen.“

Inwiefern die Größe eines Agrarbetriebs in seinen Augen ein Problem sei, wollten wir vom Grafen von Bardeau wissen.
„Ich sehe da überhaupt kein Problem. Wir sollten froh sein, dass es kleine, mittlere und große Betriebe gibt. Rumänien war mal ein Exportland für Landprodukte. Jetzt ist es ein Importland. Das Bruttosozialprodukt Rumäniens könnte vier Prozent höher liegen, wenn alle Brachflächen bestellt werden. Dazu müsste sich die Regierung aber wieder mehr der Landwirtschaft nähern. Und endlich sollte das Zentralkataster der Bodenflächen Rumäniens geregelt werden, damit man unstrittig weiß, wem was gehört und zusammenlegen kann. Noch sagen die Statistiken, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung Rumäniens auf dem Land lebt – und dort auch arbeiten könnte. Die Überalterung der Landbevölkerung schränkt das ein, Subsistenzwirtschaft ist zukunftsfrei. Dass nur zehn Prozent derer, die es irgendwie könnten, ihre Ware auch auf den Markt bringen, muss sich ändern. Ich sehe eine unserer Aufgaben auch im Gegensteuern zur Landflucht. Spezialisierungen auf Gemüse, Obst- und Weinbau wären eine Lösung, die staatlich zu ermutigen ist. Mancherorts wird´s schon vorgemacht. Grundsätzlich: In einem Land, wo 30 Prozent des Bodens ungenutzt ist, gegen die Großgrundbesitzer zu wettern, das ist stark!“

Andrerseits stimme es schon, dass Landwirtschaft ein Vollzeitjob ist, wo es keine Wochenenden und kaum Freizeit gibt. Dass die Leute deshalb nicht in die Landwirtschaft wollen. Auch nicht wegen des angeschlagenen sozialen Prestiges der Landbewohner. Andrer-seits: Die Großbetriebe Rumäniens haben durch-aus Fachleute auf westlichem Standard und sie bringen auch wirtschaftlich etwas ein. Volkswirtschaftlich haben sie durchaus mitzureden. Angesichts der Welternährungslage der Zukunft – Indien, China – müsse massiv in der Nahrungsproduktion nachgelegt werden. Nicht umsonst investiert die Bardeau-Holding alle Gewinne in ihre 16 rumänischen Betriebe, sie sieht in Rumänien einen EU-Absatzmarkt der kommenden 30-40 Jahre. Auch deshalb denkt man an einen Ausbau der Holding in Richtung Produktveredelung – etwa des Fleisches. Dazu wird mit weiteren Firmen verhandelt, um mit gemeinsamem Brand auf den Markt zu kommen, „denn die Genetik passt“.
Ein Grundeigentümer müsse, wie ein Förster, in Generationsschritten denken. Bodenbewirtschaftung sei Generationswirtschaft. Verantwortungsvoll. Im Falle der Bardeaus wird das vorgelebt: Sohn Georg ist Geschäftsführer der Bardeau-Holding, die aus Temeswar stammende Schwiegertochter arbeitet in der Holding – und sogar die beiden Enkel des stolzen Großvaters Andreas von Bardeau schauen bereits auf den Farmen, mit Papa, vorbei. Georg Bardeau nimmt demnächst die rumänische Staatsbürgerschaft an, verrät der Vater nicht ohne Stolz.

Graf Bardeau ist übrigens Honorarkonsul Rumäniens in Graz. Und als solcher nimmt er gern an Werbeveranstaltungen für Rumänien teil und möchte Firmen zur Ansiedlung in Rumänien überzeugen. „Dazu müssen uns aber auch die Rumänen effizienter helfen, etwa, indem sie wieder stolz sind auf ihre eigenen Produkte. Das gehört mit zum neuen Selbstbewusstsein des Bauernstands, der hier aufzubauen ist.“
Die Banater Bardeau-Holding ist – das muss noch gesagt sein – der einzige rumänische Agrar-Großbetrieb, der Mitglied im Europäischen Verband der Großgrundbesitzer ist, einer in Brüssel akkreditierten Organisation, die dort ein ständiges Büro unterhält.

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