Denkmalpflege in Siebenbürgen im Visier

Korrekte Diagnose entscheidend für den Erhalt von Denkmalsubstanz und finanziellem Aufwand

Dienstag, 19. Mai 2015

Repser Burg: Torbogen zur oberen Burg, Zustand 1997...

und heute nach der Restaurierung

Am 17. April, am Vortag des Tages des Denkmals, wie er von der internationalen Organisation ICOMOS festgelegt worden ist, hat in Hermannstadt eine Tagung zum Thema Denkmalpflege im ländlichen Raum stattgefunden. In der Einladung des Direktors der Kreisdirektion für Kultur stand, dass auch der Kulturminister unter den Gästen sein werde; er hat sich dann durch führende Leute aus dem Ministerium vertreten lassen und eine freundliche Botschaft geschickt. Sergiu Nistor, Berater des Staatspräsidenten, und Vertreter staatlicher und privater Vereine und Stiftungen haben dafür gesorgt, dass repräsentative und kompetente Teilnehmer ihre Meinungen, besonders zu Fragen der Denkmalpflege in Südsiebenbürgen vortragen konnten.

Nach Grußworten der Vertreter von Kreis, Stadt und Kreisdirektion für Kultur, hat als erstes Architekt Emil Crişan das Projekt „Restaurierung von 18 Kirchenburgen mit EU-Mitteln“ vorgetragen. Frau Caroline Fernolend hat in ihrem Beitrag auf die Notwendigkeit der Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und auf die Schulung von Handwerkern hingewiesen, wie sie seit zwei Jahrzehnten der Mihai-Eminescu-Trust dankenswerterweise durchführt. Der Vertreter der Agentur für die Verwaltung der europäischen Gelder aus Karlsburg-Alba Iulia, Simion Creţu, hat die bürokratischen Zwänge bei der Vergabe EU-unterstützter Finanzierungen beleuchtet. Kompetente Kritik betreffend die Erneuerung der Dachdeckung, Veränderung der Dachstühle und an Details bei der Ergänzung von Bauplastik und Innenausstattung wurde von den beiden Restauratoren Mihály Ferenc (Malerei auf Holz) und Kiss Zoltán (Wandmalerei) geäußert.

Interessant war der englisch vorgetragene Beitrag von Architekt Jan Hülsemann, der sich mit statischen Problemen im Chorbereich der Birthälmer Kirche befasste. Ein Projekt zur Konsolidierung des Chores sah vor, hier zahlreiche Betonpiloten einzusetzen, um das weitere Absinken des Ostteiles der Kirche zu verhindern. Von Hülsemann durchgeführte genaue Untersuchungen mit Monitoren zur Untersuchung der Risse haben ergeben, dass die Risse in den beiden 45-gradigen Wänden des Chores sich abhängig von der Bodenfeuchtigkeit verändern, sodass vor einem massiven Eingriff mit Stahlbeton zuerst die Frage des Wasserhaushalts im Gründungsboden geklärt werden muss. Durch eine entsprechende Drainage kann dieser Zustand wesentlich beeinflusst und ein massiver, aufwendiger Eingriff verhindert werden. An diesem Beispiel erkennt man, dass eine korrekte Diagnose entscheidend sein kann, sowohl für den Erhalt von Denkmalsubstanz als auch für den finanziellen Aufwand.

Es muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass ein Projekt zur Konsolidierung der Hermannstädter Stadtpfarrkirche vorsieht, die Fundamente der Kirche mit 2000 Kubikmeter Beton zu unterfangen. In seinem Beitrag hat Architekt Eugen Vaida auf den Problemkreis alter (handgemachter) im Gegensatz zu neuen (industriell hergestellten) Dachziegeln hingewiesen und für den sorgsamen Umgang mit alten Ziegeln plädiert.

Bei den Ansprachen der politischen Vertreter wurde erwähnt, dass Denkmalpflege grundsätzlich teuer ist. So meinte die amtierende Hermannstädter Interimsbürgermeisterin, Astrid Fodor, dass die Restaurierung des Hauses Kleiner Ring Nr. 25 etwa 2,5 Millionen Euro kosten wird. Dazu kann bemerkt werden, dass zwei prämierte Restaurierungen in der Hermannstädter Altstadt, das Luxemburghaus und das Gasthaus Max in der Burgergasse 22, zusammen etwa die Hälfte dieses Betrages gekostet haben. Diese hohen Preiskalkulationen sind, aus meiner Sicht, das Pendant zu der im Land verbreiteten und aus der Presse reichlich bekannten Korruption. In der Denkmalpflege ist es leicht, durch ein Horrorszenario einer eminenten Einsturzgefahr übertriebene Maßnahmen zu verlangen oder durch immer neue Forderungen nach zusätzlichen Studien und Untersuchungen die Bauzeit übermäßig zu verlängern und dadurch Baustops herbeizuführen, die sich finanziell sehr negativ auswirken.

Bei der erwähnten Tagung ist man auf das größtenteils abgeschlossene Projekt von Sicherungs- und touristischen Fördermaßnahmen an 18 Kirchenburgen eingegangen. Es wurden gelungene Lösungen, interessante technische Details, aber auch fehlerhafte Entwicklungen angesprochen. Da von der Weiterführung dieser Aktion die Rede ist und man daran denkt weitere 18-20 Kirchenburgen für ein ähnliches Vorhaben vorzuschlagen, halte ich es für sinnvoll und notwendig, sich mit dem abgelaufenen Projekt kritisch auseinanderzusetzen, um sich darüber ins Klare zu kommen, welche Maßnahmen als positiv anzusehen sind, aber auch welche Fehler in Zukunft vermieden werden können. Mit anderen Worten sollte versucht werden, eine diesbezügliche Strategie zu erarbeiten, die dem kulturhistorischen Wert dieser Baudenkmäler entspricht.

Man kann davon ausgehen, dass die Kirchenburgen in ihrer dörflichen und landschaftlichen Umgebung eine Faszination ausüben, die sowohl Laien als auch Fachleute motiviert, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Es genügt, auf die Vielzahl unterschiedlich kompetenter Veröffentlichungen hinzuweisen, die seit dem 19. Jahrhundert zu diesem Thema von Autoren wie Friedrich Müller, Emil Sigerus, Walter Horwath, George Oprescu, Juliane Fabritius-Dancu und neuerdings Theo Damm erschienen sind. Das hängt sicher nicht an ihrer Einzigartigkeit, so hat unter anderen der Historiker Michael Kroner darauf hingewiesen, dass es in vielen Teilen Europas Wehrkirchen und Kirchenburgen gegeben hat, aber auch noch gibt (http://www.siebenbuerger.de/portal/land-und-leute/siebenbuerger-sachsen/kultur/ wehrkirchen. php). Aus meiner Sicht liegen dieser Faszination bestimmte Aussagen der Baudenkmäler zugrunde: Als erstes würde ich hier vor allem ihre existenzielle Dimension nennen. Es sind Überlebenskapseln, in denen das für das Leben Notwendigste für die Eingeschlossenen aufbewahrt wird: das tägliche Brot, das lebensnotwendige Wasser und das heilbringende Wort und Bild im sakralen Raum. Als zweites beeindruckt die Tatsache, dass sie von freien, nachbarschaftlich organisierten Gemeinden geschaffen wurden, die in deutlichem Gegensatz zu den Gemeinden auf Adelsboden standen. Ein weiterer Umstand, der die Beschäftigung mit diesen Baudenkmälern fesselnd macht, ist die Tatsache, dass sie weitgehend Elemente ihrer Entstehungszeit und der darauffolgenden Jahrhunderte, also viel Originalsubstanz, bewahren.

Dies kann als Veranschaulichung des Satzes „Armut ist die beste Denkmalpflege“ gelten, denn tatsächlich waren die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen nicht dazu angetan, große Investitionen zu ermöglichen, und so ist man besonders sorgsam mit der vorhandenen Substanz umgegangen.

In Siebenbürgen ist eine Kulturlandschaft erhalten geblieben, die es verdient, in gleicher Weise mit entsprechender Sorgfalt und denkmalpflegerischer Kompetenz behandelt zu werden, wie ähnliche europäische Kulturlandschaften in der Toskana, in der Provence oder in Wales. In der siebenbürgischen Landschaft sind die Kirchenburgen sowie die befestigten Städte ein nicht wegzudenkendes Element.
Werfen wir heute einen Blick auf das, was sich in den letzten Jahrzehnten in Siebenbürgen in puncto Denkmalpflege getan hat, so fällt einem sofort auf, dass es in den letzten Jahrzehnten zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen betreffend den Erhalt und generell den Umgang mit den Baudenkmälern gegeben hat. Einerseits sind es über staatliche Institutionen geförderte Großprojekte, die in vielen Fällen größtenteils aus EU-Mitteln mitfinanziert werden, bei denen es vor allem um die Förderung des Tourismus geht. Auf der anderen Seite sind es Vorhaben, in deren Hintergrund die oben angesprochene Faszination und Wertschätzung steht. Bei einem Vergleich der beiden Konzepte fällt der enorme Unterschied der Investitionssummen auf, deren Größe bei dem ersten Konzept sich oft um ein Vielfaches von dem zweiten unterscheidet.

Nehmen wir als Beispiel für die erste Methode die Restaurierung der Repser Burg, die im Wesentlichen zwischen 2009-2013 stattgefunden hat und rund 32 Millionen Lei gekostet hat (7,3 Millionen Euro, davon 5,3 Millionen Euro aus einem EU-Strukturfond, siehe: ro.wikipedia. org/wiki/Cetatea Rupea). Das Resultat ist ein Baudenkmal, das sein Aussehen von Grund auf verändert hat, bei dem der Charakter der Ruine, als die die Burg in unsere Zeit gekommen ist, durch zu viel neue Substanz bis zu einem gewissen Grad verfälscht wurde. Vergleichen wir den Zugang zur oberen Burg vor und nach der Restaurierung so ist die Veränderung gut zu erkennen. Diese radikale Art der Denkmalpflege mit großem finanziellen Aufwand hat es schon früher einmal in Rumänien gegeben. Ich denke hier an den totalen Abriss der mittelalterlichen Kirche und den Neubau der Metropolie von Târgovişte von 1889-1893 durch den französischen Architekten André Lecomte du Noüy, einem Schüler vonViolle-le-Duc, der auch andere repräsentative Baudenkmäler der Moldau und Walachei ziemlich rücksichtslos und aus heutiger Sicht inakzeptabel umgestaltet hat (http://ro.wikipedia.org/wiki/André Lecomte du Noüy).
Auf der anderen Seite können wir die Wiederherstellung des Kirchendaches in Felldorf durch einen österreichischen Privatmann mit Felldorfer Wurzeln zusammen mit dem Verein Arcus aus Neumarkt/Târgu Mureş (http://www.monumenta.ro/ro/proiecte/5-salvarea-bisericii-evanghelice-din-filitelnic.html) oder Arbeiten an den Kirchenburgen in Großscheuern und Bulkesch anführen, die die Heimatortsgemeinschaft aus Deutschland finanziert haben, wo die Kosten sich in der Größenordnung von 20.000-80.000 Euro bewegt haben. Hier müssen die über Jahrzehnte durchgeführten professionellen Arbeiten des Mihai-Eminescu-Trusts erwähnt werden. Beeindruckend an der Arbeit des Trusts ist, dass er den Gesamtkomplex der Erhaltung wertvollen Kulturguts in Siebenbürgen berücksichtigt und einen wichtigen Beitrag zu der Heranbildung entsprechender Facharbeiter geleistet hat und weiter leistet.

Im Spannungsfeld dieser beiden Konzepte befindet sich die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien als Eigentümerin der Kirchenburgen, besonders seitdem sich die Möglichkeit ergeben hat, aus europäischen Strukturfonds der Prioritätsachse 5.1. des operationellen Programms auf dem Gebiet der Denkmalpflege und dauerhaften Nutzung des kulturellen Erbes, Mittel für Arbeiten an Kirchenburgen einfordern zu können.
Wenn man sich die Arbeiten in Reps, aber auch an den Burgen in Rosenau und Deva ansieht, wo doch immer wieder sehr frei mit der Originalsubstanz umgegangen worden ist – ich denke hier auch an die Aufzüge, die bei den letztgenannten Burgen angebracht wurden – so muss festgestellt werden, dass in manchen Fällen die staatliche Oberbehörde ihrer Pflicht, das nationale Kulturgut, entsprechend den in Europa gültigen Grundsätzen zu schützen, nicht nachkommen kann. So ist leider auch nicht zu erwarten, dass durch die gesetzlich vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren und Praktiken im Bauwesen größere Schäden an siebenbürgischen Baudenkmälern verhindert werden können. Was jedoch die Kirchenburgen betrifft, die im Besitz der Evangelischen Kirche sind, besteht die Möglichkeit, diese Prozesse zu beeinflussen und bis zu einem gewissen Grad zu kontrollieren.

Bei dem ersten Projekt der 18 Kirchenburgen mussten die Genehmigungsunterlagen und Ausschreibungen in relativ kurzer Zeit erstellt werden, es war für alle Beteiligten Neuland, trotzdem musste schnell und auch unbürokratisch gehandelt werde, um die finanzielle Unterstützung nicht zu verlieren. Wenn man heute die einzelnen Baudenkmäler besichtigt, fällt auf, dass es bei der Qualität der geleisteten Arbeiten ziemlich große Unterschiede gibt. Das kann damit zusammenhängen, dass die Planung mehr oder weniger entsprechend war, dass Firmen hinzugezogen wurden, die unterschiedliche Erfahrung hinsichtlich der Denkmalpflege hatten, oder dass jemand an Ort und Stelle sich für gute Arbeit eingesetzt hat, dass also eine unmittelbare Bauaufsicht stattgefunden hat.

Angesichts der Tatsache, dass an der Erstellung der Unterlagen für ein weiteres Kirchenburgenprojekt gearbeitet wird, sollte man die Arbeiten an den Kirchenburgen des abgeschlossenen Projekts evaluieren und davon ausgehend eine Strategie für das neue Projekt entwickeln. Zu den Grundsätzen, die berücksichtigt werden sollten, gehören die Umkehrbarkeit der Maßnahmen, Erhaltung der Originalsubstanz, harmonische Eingliederung in das vorhandene dörfliche Ensemble und Weglassen von Arbeiten, für die heute keine entsprechenden Fachkräfte verfügbar sind, z. B. Bauplastik, Wandmalerei u. dgl.

Ein nächster Schritt kann dann sein, dass die an den Projekten beteiligten Architekten Berichte einreichen, in denen sie die beabsichtigten Arbeiten kurz beschreiben, damit eine Kommission nach denkmalpflegerischen Grundsätzen entscheiden kann, welche Arbeiten in die weitere Planung aufgenommen werden sollen. Aus der Erfahrung des abgelaufenen Projekts ist zu ersehen, dass es gute Beispiele gibt, bei denen die Dachhaut nicht mit neuen Ziegeln gedeckt wurde; hier sollte auch die Erfahrung der Stiftung Monumentum aus Alzen (http://asociatia monumentum.ro) berücksichtigt werden. Zu der Beurteilung der zu planenden Arbeiten können Fachleute des Mihai-Eminescu-Trusts und anerkannte Architekten mit Restaurierungserfahrung oder Restauratoren, die an früheren Projekten mitgearbeitet haben, hinzugezogen werden. Von den Anwesenden des Symposions vom 17. April seien hier stellvertretend einige an Restaurierungen der letzten Jahre beteiligte Teilnehmer genannt, die durch ihre Tätigkeit behutsamen und verantwortungsbewussten Umgang mit dem siebenbürgischen Kulturerbe unter Beweis gestellt haben: Caroline Fernolend, Architekt Jan Hülsemann, die Restauratoren Kiss Zoltán und Mihály Ferenc und der Architekt Eugen Vaida.

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