Der „abgeschnittene“ Berg – immer wieder verlockend

Naturschutzgebiet Retezat als Wanderattraktion in den Karpaten

Sonntag, 01. September 2013

Stundenlang wandert man durch die Wiesen, Hügel und Wälder im Nationalpark, bis man die höchsten Gipfel erreicht.

Mit 29 Metern Tiefe ist der Zănoaga-Gletschersee der tiefste im Retezat.

Andrei Oană findet immer wieder etwas Reizvolles an diesem Berg – egal ob im Sommer oder Winter.
Fotos: die Verfasserin

Ein Ort, wo die Natur noch fast unberührt ist, der frische Luft und herrliche Aussichten bietet, ist das Retezat-Gebirge, Hauptgebirgsstock der Retezat-Godeanu-Gruppe im westlichen Teil der rumänischen Südkarpaten. Nur etwa vier Stunden von Temeswar/Timişoara entfernt, befindet sich das erste Naturschutzgebiet Rumäniens mit dem größten Gletschersee des Landes – ein Gebiet, das mittlerweile zu den Top- Attraktionen der Welt zählt. 

Alles Notwendige wird im Rucksack mitgeführt: Zelt, Schlafsack, Verpflegung, Kleider. Feste Schuhe an den Füßen und etwas Warmes für die kühlen Abende im Gepäck – schon ist man für eine mehrtägige Gipfelwanderung vorbereitet. Wer sich dies nicht zutraut oder nicht in der wilden Natur übernachten will, kann auch Ganztagswanderungen unternehmen und in Berghütten übernachten. Da die Wege teilweise schwierig sind, oft bestehen sie nur aus groben Felsblöcken und steilen Steigen, ist eine gute Bergausrüstung angesagt.

Wenn man das Retezat-Gebirge von Haţeg oder Karansebesch/Caransebeş mit dem Auto erreichen möchte, fährt man durch die Ortschaft Clopotiva bis zum Gura Apei-Stausee. Der Preis für das Betreten des Nationalparks beträgt 5 Lei pro Person und 7 Lei pro Auto. Auf einem holprigen Forstweg gelangt man zur Poiana Pelegii, ein wunderbarer Campingplatz auf 1633 Metern Höhe und Ausgangsort für mehrere Touren. Das grüne seidige Gras ist umringt von Tannen. Der Ort bietet eine wunderbare Aussicht und liefert Energie für die bevorstehende Wanderung. Eine Route von etwa zwei Stunden führt von hier aus bis zum Bucura-See. Der größte Gletschersee des Landes im Kerngebiet des Retezats liegt bei 2041 Meter, hat eine Tiefe von 15,7 Metern und eine Ausdehnung von 8,80 Hektar. Eine der kürzesten Routen ist die vom Bucura See bis zum Peleaga Gipfel (2509 Meter). Auf dem Weg liegen die Berghütten Genţiana oder Pietrele, wo man essen oder übernachten kann. Von Pietrele aus kann man in etwa fünf Stunden bis zum Retezat-Gipfel aufsteigen. 

Das Retezat bietet gut markierte Wanderwege und zahlreiche Campingplätze. Wildes Campen, Grillen und Lagerfeuer sind verboten. Campingmöglichkeiten gibt es auch bei der Pietrele-Berghütte, direkt am Bucura See – mit einem herrlichen Ausblick auf das Bergpanorama (Bucura, Peleaga, Judele), an der Poaina Pelegii im Tal, sowie an der Buta-Hütte, direkt am Bach gelegen. Unterwegs laden zahlreiche Stellen mit schöner Aussicht auf Seen und Gebirgstäler zu einer Rast ein. 

Der Nationalpark ist sehr bedeutsam für die Erhaltung der Artenvielfalt der europäischen Alpinflora, insbesondere im Bergwald. Mit viel Glück können die Wanderer Gämsen und Murmeltiere sehen. Viel großzügiger ist aber die Flora der Gegend. Mehr als ein Drittel der rumänischen Flora ist hier zu finden. 
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat den Nationalpark Retezat (38.000 Hektar) zur letzten intakten Waldfläche gemäßigter Breiten in Europa ernannt. Ein Drittel des Parks besteht noch aus unberührtem Urwald.

Gletscher- und Bergseen wie blaue Augen

Als Relikte der Eiszeit verblieben in der Landschaft unzählige Bergseen – um die hundert, davon etwa 40 von großer und mittlerer Größe, 18 kleinere Seen und zirka 40 sogenannte Meeraugen, die in den Sommermonaten austrocknen. Der größte Gletschersee des Landes ist der Bucura-See. Tiefster See ist der Zănoaga-See mit 29 Metern Tiefe und einer Ausdehnung von 6,50 Hektar. 

Der Bucura-See bleibt eines der Highlights des Nationalparks. Zahlreiche Touristen zelten hier sogar im Winter. Man muss aber darauf achten, dass es hier auch im Sommer sehr kühl ist. Der Wind weht energisch rund um den See, sodass für Zelte besondere Stellen eingerichtet wurden, Steinkonstruktionen bieten Windschutz.

Seit 14 Jahren vom Retezat fasziniert

Der geheimnisvolle Ort zieht Touristen an wie ein Magnet. Ein Mal hier, immer wieder zurück – das glaubt auch Andrei Oană. Der 31-jährige Temeswarer kommt schon seit Jahren ins Retezat-Gebirge. „Warum ich das sogenannte ‚abgeschnittene‘ Gebirge liebe?“ versucht der Nikolaus-Lenau-Absolvent zu erklären. „Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, als ich das Retezat zum ersten mal erblickte. Es war vor etwa 14 Jahren auf einem Klassenausflug. Der erste Eindruck von Weitem: mächtig, riesig! Ich war sprachlos. Dann kam mir der erste Gedanke – müssen wir dort hoch?“ Auch wenn der Telecom-Ingenieur in Temeswar lebt, seine Leidenschaft fürs Wandern führt ihn immer wieder her. Anfangs hatte der junge Mann kaum Bergerfahrung. „Ich bin mehrmals mit meinen Eltern zelten gewesen, aber wir unternahmen gewöhnlich nur leichtere Ausflüge und waren dabei immer mit dem Auto unterwegs. Nun mussten wir alles in Rucksack packen und selber mitschleppen“, erzählt der leidenschaftliche Wanderer. „Es war nicht leicht, aber dafür die Belohnung zehnfach größer, als wir vom Bucura-Sattel zum ersten Mal den Bucura See sahen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem ruhigen See, umgeben von vielen, über 2000 Meter hohen Gipfeln. Ich setzte mich auf einen Stein und blickte in die Ferne, ohne etwas zu sagen oder zu denken, einfach nur um zu staunen.“ Das war der Augenblick, als es ihm klar wurde, dass er sich in dieses Gebirge verliebt hatte. Dass er sich wünschte, immer wieder hierher zurückzukehren. „Ob bei strahlender Sonne, oder wildem Schneesturm, stets fand ich etwas Reizvolles an diesem Berg, der in meinem Herzen immer höher wuchs“, gesteht Andrei. Im Winter aber sei der Berg am schönsten, denn dann erscheint er noch mächtiger, noch unerreichbarer. Vielleicht macht dieses Unerreichbare den eigentlichen Reiz aus.

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Greenpeace: Europas letzte intakte Waldfläche gemäßigter Breiten 

Der Nationalpark Retezat wurde 1935 als erster Nationalpark des Landes gegründet, liegt im Retezat-Gebirge und ist sehr bedeutsam für die Erhaltung der europäischen Bergwalddiversität. Seit 1979 ist ein Teil des Nationalparks als Biosphärenreservat der UNESCO ausgewiesen. Die höchste Erhebung ist mit 2509 Metern der Peleaga-Gipfel. Weitere 19 Gipfel erreichen Höhen von über 2000 Metern, wie zum Beispiel Păpuşa (2508 Meter) oder der Retezat-Gipfel (2485 Meter). Der mit 794 Meter tiefste Punkt liegt in der Nähe der Berghütte Gura Zlata. Das Retezat-Gebirge bleibt auch wegen seines Namens geheimnisvoll. Eine alte Sage regt die Neugier an: Vor langer Zeit seien drei Riesentöchter ins Retezat-Gebirge gezogen. Jede baute sich eine Burg auf einem Berggipfel: Die Jüngste suchte sich den Retezat-Gipfel aus, die Mittlere den Bucura- und die Älteste den Peleaga-Gipfel. Als die älteste Riesentochter merkte, dass ihre jüngste Schwester sich die schönste und höchste Burg gebaut hatte, warf sie voll Zorn die Kelle mit solcher Kraft gegen den Retezat, dass der Gipfel samt der Burg wegflog. Seither, so heißt es, steht der Retezat-Berg ohne Spitze da. Die Spitze ist ihm abgeschnitten (rumänisch: retezat) worden ...

Vor wenigen Jahren stand der Nationalpark Retezat im Wettkampf für die Top-Attraktionen der Welt. Die Organisation NewOpenWorld Foundation machte sich 2009 auf die Suche nach den sieben Naturweltwundern und stellte insgesamt 261 Naturschönheiten in sieben Kategorien zur Wahl. Der Retezat-Nationalpark stand auf der Liste in der Kategorie „Die schönsten Nationalparks und Wälder“, schaffte es jedoch leider nicht unter die ersten 21 Plätze. Greenpeace bezeichnet das Retezat hingegen als letzte intakte Waldfläche in gemäßigten Breiten Europas.

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