Der Alte Südfriedhof und seine Besucher

Ein Münchner Gottesacker mit besonderer Ausstrahlung

Sonntag, 08. Oktober 2017

Der Alte Südfriedhof in München: Eine Symbiose von Friedhof und Park

Die von Efeublättern bedeckte Ziegelmauer des Friedhofs

Ein Spaziergang durch diesen Friedhof ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Die Natur scheint nach und nach den Friedhof zurückzuerobern.
Fotos: Aida Ivan

Früher Vormittag, eine Kehrmaschine brummt und schnauft, ein Friedhofsgärtner sammelt mit einer Zange den Müll ein. Kurz verschwindet seine grüne Uniform hinter der üppigen Vegetation, zurück kommt er mit einem Arm voller bunter Verpackungen und einer leeren Flasche Sekt...

Ein paar Schritte weiter trinkt ein Passant seinen Kalinka Kefir, den Blick an einen Grabstein geheftet. Er hat gerade gefrühstückt, mit der anderen Hand zerknüllt er eine braune Papiertüte. Mit schnellen Schritten verlässt er dann den Friedhof, gerade als ein Kinderwagen reingeschoben wird. Der Vater holt sein Kleinkind heraus. Es umarmt sein Bein, guckt mit besorgten Augen um sich.

Ein Friedhof als Sehenswürdigkeit

Der alte Südfriedhof in München wurde vor mehr als 450 Jahren als Pestfriedhof am Rande der Stadt angelegt. Der alte Teil hat die Form eines Sarkophags, musste später ausgebaut werden. Heute wird hier niemand mehr begraben, der ehemalige Gottesacker steht unter Denkmalschutz.

Er ist eine Symbiose aus Friedhof und Park, Ruhe und Geschäftigkeit, Tod und Leben. Nicht nur ein Park, der grün ist und gut riecht. „Ein Friedhof erzählt vieles“, sagt Bernhard Remmers. Die größte Grünfläche der Innenstadt Münchens besucht er gern. Der journalistische Direktor des ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses), der sich gerade vor einer Mädchenfigur aufhält, arbeitet gegenüber dem Friedhof. Ein- zweimal die Woche braucht er ein bisschen Abwechslung, frische Luft oder Ruhe in der Mittagspause. Außerdem bietet der Totenacker manchmal eine schnelle Verbindung von seiner Wohnung in die Innenstadt. Remmers kommt entweder allein oder mit seiner Frau hierher. Wenn ihn Freunde oder Kollegen besuchen, dann dient der Friedhof als „Sehenswürdigkeit“.

Dann bringt der studierte Historiker gerne Geschichten zum Leben: Hier ruht der bayerische General der Infanterie, Karl August von Beckers zu Wester-stetten, dort die schwedisch-deutsche Politikerin Ellen Ammann, auf der anderen Seite der Maler Cark Spitzweg – unter den 18.000 Grabsteinen hat er schon zahlreiche prominente Münchner gefunden, von denen er in Einzelheiten sprechen kann. Vor seinen blauen Augen entfalten sich Lebensgeschichten, die sich vor Jahrhunderten ereigneten. Die Informationen auf den Grabsteinen verknüpft er mit historischen Fakten.

Viele Gräber bürgerlicher Familien liegen auf dem 720 Meter langen und 180 Meter breiten Areal mit einer Fläche von zehn Hektar, das von der Natur nach und nach zurückerobert wird. Das Grüne schluckt die ganze Landschaft Stück für Stück: Von der von Efeublättern bedeckten Ziegelmauer zum Moos, das sich langsam auf den Grabsteinen ausbreitet, oder zum Farnkraut, das in dichten Bündeln alle zwei Schritte wächst. Efeuranken klettern bis oben in die Bäume. Sogar im Springbrunnen plätschert grünliches Wasser. Die Stimmung hier bringt Remmers manchmal zum Nachdenken über die eigene Endlichkeit. „Es ist nicht Spaß, aber es ist nicht ein Ort, den man traurig zurücklässt“ sagt er.

Lieblingsoase für Sportler und Flanierer

Nicht alle kommen hierher, um zu philosophieren. Manche genießen den schönen Schatten. Umgeben von Grabsteinen aus vergangenen Jahrhunderten sitzt ein altes Paar auf einer Bank - sie liest auf ihrem E-Book-Reader mit Buchumschlag, er auf seinem Smartphone. Auf einer anderen Bank steht eine Flasche Lagerbier Hell – leer, seit vorigem Abend vielleicht. Von der Mitte aus wacht ein riesiger gekreuzigter Jesus aus Metall über sie, der Wind zeichnet Schattenflecken auf den Kies. Die Sonne lässt die dunklen Formen verchwinden und wieder erscheinen.

Es ist kein Wunder, dass der ehemalige Pestfriedhof zur Lieblingsoase für Sportler und Flanierer geworden ist. Die Spaziergänge und Joggingrunden beginnen schon früh morgens – die Schritte auf dem Kiesweg verscheuchen die Eichhörnchen. Die meisten, die hierher kommen, seien Menschen, die in der Nähe wohnen, meint Remmers. Manche machen Picknick auf einer Bank, Liebespaare suchen sich einen abgelegenen Ort und Leute, die arbeiten, bringen ihr Essen in der Pause mit. Es gäbe auch Obdachlose, die hier übernachten. Remmes sagt, sie gehen meistens früh weg und kommen abends zurück. Sie waschen sich im Springbrunnen und schlafen unter den Arkaden. Offiziell sei ihr Aufenthalt dort nicht gestattet. Sie schaden aber niemandem und werden deshalb geduldet.

Lebendiges Treiben herrscht meistens zwischen den neuen und alten Arkaden, wo es einen Spielplatz gibt. Zwei Mütter unterhalten sich vor einer Rutsche, sie erzählen sich Geschichten aus dem Alltag, gestikulieren heftig dabei und schauen sich in die Augen, während ihre Babys unbeachtet im Sand sitzen und eher wie Accessoires wirken. Beim Eingang in den alten Teil des Friedhofs hängt ein Schild an der Mauer. „Mitnehmen von Hunden und Radfahren untersagt“. Ein Jugendlicher fährt mit dem Rad an ihm vorbei. Sein Gesicht ist nach unten gerichtet – auf das Handy in der Hand. Weitere vier-fünf Personen fahren anschließend mit dem Rad durch den Friedhof.

„Respektlos!“ Remmers entdeckt einen Grabstein mit einer Graffiti-Inschrift bei den Arkaden und bringt seine Empörung auf der Stelle zum Ausdruck. Mit großen schwarzen Buchstaben stehen dort der Name der Rockband „SPLIFF“ und der Satz „Lass uns eine rauchen.“ „Friedhöfe erzählen, wie Leute mit dem Tod umgehen“, meint Remmers. Und noch mehr.

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