Der Angriff der Rhinozerosse

Donnerstag, 10. Januar 2013

Das Wahlbündnis der Rechten, ARD, versuchte, Wahlkampf u.a. mittels Vergangengenheitsbewältigung zu betreiben. Das ist vor einem Monat gescheitert und hat Rumänien praktisch ohne Opposition lassen. Das französische „travail de mémoire” hätte besser gepasst, das eher dem Durchschnittsrumänen bekommt, Unangenehmes zu verdrängen, statt darüber zu grübeln. In diesem Land haben Thematisierungen der jüngsten Geschichte einen unvorhersehbaren Ausgang. Es sind keine Botschaften, die mobilisieren.

Die USL-Variante war cleverer. Die Sozialdemokraten wurden von Herta Müller in ihrer jüngsten Stellungnahme zu Nachfolgern der Ceauşescu-Kommunisten gestempelt (echt hertahart). Intuitiv hat die Nobelpreisträgerin, die sich gern als Rumänienkennerin gibt, kapiert, dass mit der USL und der sie dominierenden PSD praktisch der rumänische Konservatismus gesiegt hat, der, in der Tradition der fundamentalistischen Orthodoxie, sich jedwelchen Veränderungen widersetzt. Das ist keine politische Doktrin, es ist eine Geisteshaltung. Die nicht gestört werden möchte.

Der Wähler in Rumänien sucht keine politische Doktrin mehr, er hat jedes Vertrauen in seine „Erwählten” verloren, weil die unfähig sind, politische und Wählertreue zu praktizieren, weil es keine Grenzen mehr gibt zwischen politisch rechts und links. So hat die USL – an sich schon eine absurde Verbindung zwischen Liberalität und Sozialdemokratie – den bequemsten Weg gewählt: keine Zweifel wecken, an den tiefsitzenden Überzeugungen der Wählerschaft nicht rütteln und das durch endlose Übergangsdebatten eingedöste Volk nicht wecken. Ihm das rote Tuch des „Kämpfers” gegen den Wahlstier Băsescu zu zeigen hat genügt, um einen Wahlsieg zu erringen, der Ceauşescu-Zeiten würdig ist.

Trotz Voraussetzunghen Richtung Passivität gab es einen Wahlkampf, der ungewöhnlich gewalttätig war. Schlachtfeld war das Fernsehen, das professionell Illusionen vorgaukelte. Lechzend nach Blut sah das Wählervolk öffentlichen Vernichtungen von Personen zu und ließ sich auf den eigenen Vernichtungsschlag in der Wahlkabine trimmen. Die zahllosen Feinde aus den „manele” wurden in Politikern des gegnerischen Lagers personifiziert, psychologische Vergewaltigung wurde Spielregel. Vernichtung das Schlagwort.

Erstmals seit 1990 tauchten wieder engagierte Intellektuelle auf – im Vorfeld hatte es den von den Intellektuellen verlorenen Krieg um das Rumänische Kulturinstitut gegeben, das ein machtgieriger Kulturphilosoph, Andrei Marga, für sich entschied. Exponenten der weltoffenen rumänischen Intellektualität (A. Pleşu, G. Liiceanu, H.-R. Patapievici, M.Cărtărescu) verkrochen sich in ihre Bücher. Sie zogen sich vor dem Angriff der Rhinozerosse und Nilpferde der Politik und deren Handlangern zurück. Die unverrückbare Mittelmäßigkeit der Unfähigen, der schulischen Störenfriede und Sitzenbleiber setzte sich per Wahlentscheidung durch. Die (intellektuelle) Erneuerung der politischen Klasse blieb, trotz Verjüngung der Kandidatenfauna, aus.

Kommentare zu diesem Artikel

Michael, 22.01 2013, 14:01
Es spricht mir aus dem Herz, was hier veroeffentlicht wird. Es ist einfach gesagt, DIE WAHRHEIT !! Wirklich schade ist nur, das die "Intellektuelle Seite" aufgegeben hat, das Land verlassen oder noch verlaesst, um im Ausland ein besseres Leben zu leben, was nicht zu verdenken ist. Aber, was ist mit unseren Juengsten, unsere Soehne und Toechter, die in diesem so zerrissenem Land aufwachsen. Wir nehmen Ihnen jede Chance und lassen es weiter zu in dem WIR die Augen verschliesen und die, die an der Macht sind einfach so weitermachen lassen. Klar, eine NEUE REVOLUTION wird keine Verbesserung bringen, aber, wegsehen und stillschweigen macht uns nur zu Mittaetern. Ich weiss jetzt noch nicht, was und wie ich es meinem Sohn erklaeren soll, warum ich nichts unternommen habe. Auch kann ich das denken von Herta Mueller (mit der ich sympatisiere) verstehen, das in ihrem Inneren nur noch Hass gegen das System, was nur eine moderne Form des "alten Systems" ist, herscht. Aber gerade diese Personen, Freidenker, Studenten, Intellektuelle und die richtigen Revolutionaere, sind jetzt gefragt. Ohne diese Menschen, die ein Land wieder aufwecken, oder gar ERWECKEN, wird es so weiterlaufen wie bisher. Ich frage jetzt nochmal: Was werden wir unseren Kinder und Enkelkinder erklaeren, wenn diese uns fragen. Vielleicht sollte eine Frau wie Herta Mueller ihren Hass umleiten und daraus eine art Sprachrohr des freien, demokratischen Rumaeniens werden. Nur solche Menschen, die ohne Angst sich einem Land gegenstellen werden gehoert.Siehe Beispiel "Gandhi". Einer schaffte es........ Warum sollte es nicht nochmal geschehen. Nicht mehr Diskutieren; HANDELN

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