Der Besuch der gar nicht einmal so alten Dame

Dürrenmatts Welterfolgsstück neu im Bukarester Nationaltheater

Freitag, 23. Dezember 2011

Maia Morgenstern in der Rolle der Claire Zachanassian und Mircea Rusu als Ill
Foto: Augustin Bucur

Die tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt wurde vor 55 Jahren mit Therese Giehse in der weiblichen Hauptrolle in Zürich uraufgeführt. Seitdem gehört sie zu den meistgespielten Stücken auf den Theaterbühnen der Welt. Dürrenmatt hat ein Vierteljahrhundert nach ihrer Entstehung eine Neufassung dieser Tragikomödie veröffentlicht, die auch derjenigen dramatischen Version zugrunde liegt, die Anfang Dezember im Bukarester Nationaltheater Premiere hatte und seitdem dort mit großem Erfolg gespielt wird.

Zu Recht! Denn die Inszenierung, ein mitreißendes Werk modernen Regietheaters, bringt frischen Wind in das Repertoire der mitunter angestaubten Darbietungen der ersten Bühne des Landes und sorgt für neue Theatererlebnisse im gegenwärtig seinerseits einer Renovierung unterworfenen Großen Saal des Bukarester Nationaltheaters. Zu beglückwünschen sind daher neben dem bulgarischen Regisseur Alexander Morfov, der das Dürrenmattsche Drama zuvor auch schon in Moskau inszeniert hatte, vor allem auch der bulgarische Bühnenbildner Nikola Toromanov, der die reichen technischen Möglichkeiten des Bukarester Nationaltheaters voll ausschöpft und die gesamte Bühnenmaschinerie mit ihren Hubpodien und Versenkungsmechanismen virtuos handhabt und das Bühnengeschehen somit auch szenografisch in permanenter Bewegung hält.

Welche literarische Übersetzung diesem kreativen Feuerwerk von musikalischen Eingebungen (Alexander Morfov), Kostümideen (Andrada Chiriac) und Lichteffekten (Chris Jaeger) zugrunde liegt, bleibt allerdings weitgehend im Dunkeln. Offenbar wurde der Dürrenmattsche Text aus dem Russischen ins Rumänische übersetzt, wobei der Übersetzer aus dem Deutschen ins Russische im Programmheft unerwähnt bleibt. Außerdem wurde in den Dürrenmattschen Text stark eingegriffen, sodass man an manchen Stellen eher von einer Adaptation sprechen muss. Zahlreiche groteske Elemente wurden getilgt, außerdem wird der feine Dürrenmattsche Humor vom Regisseur oft vergröbert oder überzeichnet wiedergegeben, um zusätzliche Lacher vom Publikum zu erhaschen. Damit wird aber einer Oberflächlichkeit Vorschub geleistet, die dazu beiträgt, dass dieser Inszenierung das Tragische im Komischen letztlich entgleitet.

Doch solcherlei philologische und philosophische Kritik tritt sofort in den Hintergrund, wenn man sich genießerisch dem lebhaften Bühnengeschehen überlässt und das von Morfov inszenierte Drama im wahrsten Sinne des Wortes Revue passieren lässt, mit seinen Steppeinlagen, seinem Wischmobballett, den Tangoszenen, Rocknummern, Songs, Volksliedern und Chorälen, die oftmals pointiert kontrastiv positioniert sind, etwa wenn eine getragene kirchenmusikalische Gesangsszene bruchlos in eine ausgelassene Tanzparty übergeht.

Besonders gelungen sind in dieser Inszenierung die Massenszenen, die einer ausgeklügelten Choreografie (Galina Bobeicu) gehorchen und den Wirbel, den der Besuch der Milliardärin Claire Zachanassian in der Kleinstadt Güllen verursacht, in höchstem Maße anschaulich werden lassen. Ermüdend ist dabei der permanente Brüllton, insbesondere in der Eingangsszene, der das große Ereignis des Besuchs der alten und schwerreichen Dame in die Nähe des Schwanks und des Klamauks rückt.

Das Dürrenmattsche Stück lebt zu einem großen Teil aus und von Kontrasten: etwa zwischen persönlicher Verantwortung und kollektiver Verantwortungslosigkeit, zwischen individueller Tragik und sozialer Komik, zwischen intimen Konflikten und nach außen gezeigter Harmonie. Dementsprechend ist auch in den Szenen, in denen nur wenige Schauspieler auf der überdimensionalen Bühne stehen, ein anderes Register zu bedienen als in den turbulenten Gesellschaftsszenen. Nicht immer gelingt es den hervorragenden Schauspielern, diese besondere Spannung im intimen Zwiegespräch aufzubauen, etwa wenn Claire Zachanassian (Maia Morgenstern) und Ill (Mircea Rusu) erstmals über ihre gemeinsame und früh verstorbene Tochter Geneviève reden. Der Dialog, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen müsste, wird zur leichten und luftigen Causerie, deren subkutane Tragik allenfalls in der Beschallung aus dem Radio hörbar wird: in den melancholischen Texten des sprichwörtlichen Selbstmördersongs „Gloomy Sunday“! Nur manchmal bricht das Tragische mit Urkraft hervor, etwa wenn Maia Morgenstern in der Kirche den Pfarrer (Dragoş Ionescu) und den Lehrer (Mircea Albulescu) in Grund und Boden brüllt: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.“

Selbstverständlich wäre eine moralinsaure Inszenierung des Dürrenmattschen Dramas im Stile der sechziger Jahre im Bukarest der Gegenwart weder angemessen noch wünschenswert. In diesem Kontext wäre zu fragen, ob in einem Land, in dem täglich in den Abendnachrichten von der Käuflichkeit der Justiz berichtet wird, der Tabubruch des Satzes von Claire Zachanassian „Ich gebe eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit“ überhaupt als Skandalon empfunden würde, und ob die „Totenstille“, die Dürrenmatt dem Ausspruch dieses Satzes als Regieanweisung folgen lässt, als theatralischer Effekt überhaupt verstanden würde.

Andererseits wünscht man sich in dieser Bukarester Inszenierung, neben allem oberflächlichen Geplänkel der gekonnt ablaufenden Bühnenshow, mehr Momente menschlicher Tiefe und psychologischer Spannung. Die Dürrenmattsche Claire Zachanassian ist eben keine Grande Dame, die als ewig jung gebliebene Diva ihrer Heimatstadt einen glamourösen Besuch abstattet, sondern eine vom Leben gezeichnete, geschundene, verkrüppelte, aus Prothesen zusammengesetzte und nur durch den Rachegedanken zusammengehaltene monströse Kreatur, die ihr brutales Werk der Vergeltung erbarmungslos vollendet. Sie ist der Racheengel des Jüngsten Gerichts verkappt ins Gewand einer diabolischen Greisin. Das Bukarester Drama handelt dagegen vom Besuch einer gar nicht einmal so alten Dame unter gar nicht mehr so tragischem Vorzeichen. Das blutige Geschäft der Rache wird eher zu einem Jagdvergnügen, bei dem zuerst Ills animalisches Alter Ego, der schwarze Panther, erlegt wird, und dann schließlich Ill selbst, in einer choreografisch meisterhaft gestalteten Szene, die allein schon den ganzen Abend lohnt.

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