Der Big Brother und die Yoghurtbecher

Adriana Ilin Tomici macht den Staubsauger zum Kunstobjekt

Donnerstag, 02. Februar 2012

„Big Brother“ – Jedes Objekt kann ein Kunstsymbol werden Foto: Ana Sălişte

Wenn Adriana Ilin Tomici eine Idee hat, so kommen meist ungewohnte künstlerische Assoziationen zum Vorschein. Sie stehen für Menschentypen und Charakterzüge. Originell und neu verpackt sind ihre Kunst-Stücke, auch wenn sie vorwiegend aus alten Gegenständen bestehen: Staubsaugerschläuche, Plastikstücke, leere Yoghurtbecher, Holzstücke sowie alte Einwegflaschen – eben diese materiellen Überreste sollen für menschliche Züge stehen. So etwa bringt Tomici einen Tennisschläger und eine elegante Krawatte zusammen und schafft dadurch das Porträt des zynischen Politikers. Es steht direkt neben „Lazăr/Lazarus“, der Gestalt mit einem Staubsaugerschlauch statt Bein und den Wäscheklemmen anstelle der Finger.
 

 

"Nimm dein Bett und geh!"
 

Sorgfältig durchdacht sind die Werke, die Adriana Ilin Tomici für ihre neue Ausstellung ausgewählt hat. Die Schau ist derzeit in der Kunstgalerie „Calina“ in der Temeswarer Innenstadt, der Oper gegenüber, zu sehen. Vor allem der „Big Brother“ mit den zahlreichen bunten Yoghurtbechern und den zwei CDs als Augen, der quasi über das gesamte Ausstellungsareal nieder-„blickt“, lässt den Besucher schmunzeln. „Nein, der Big Brother ist nicht der Präsident Băsescu“, so die Antwort von Tomici auf die Frage eines neugierigen Besuchers. „Er steht als Symbol für etwas viel Größeres“, sagt die 54-jährige Künstlerin.
 

„TransfiGURAre“ nennt Tomici ihre Schau, wobei das darin enthaltene Wort „GURA“ auf Rumänisch „Der Mund“ bedeutet. Denn die Ausstellungsstücke sollen für sich selbst sprechen und sich mitteilen, so die Künstlerin. Eine Message, ein Gedanke, eine Idee, egal was. Hauptsache: Allein die Kunstwerke sollen „sprechen“. Kein Speech, keine Eröffnungsrede sollte sie davon abhalten. Diese Art von „stummer“ Vernissage, wo niemand was Offizielles sagt, sei auch ein Experiment, so Tomici. Und damit nähert man sich auch dem Kern der Sache: Was kann ein lebloser Gegenstand mitteilen? Ein Körper, dem all seine Organe entnommen wurden? Die Frage schwebt unwillkürlich im Raum, vor allem wenn man das Werk „Nimm dein Bett und geh!“ erblickt: Ein Skelett soll es darstellen, dabei füllen „Artrostop“-Packungen die Brust und den Bauch.

 

Das Experiment verbindet Chemie und Kunst
 

Eine menschliche Dekadenz geht aus den Werken hervor. Ein Signal, eine Warnung. Denn es ist vor allem die Menschlichkeit, die am Überangebot an wertlosen Dingen und Gegenständen erstickt. Ein Zerfall, der sich in den deformierten Plastikgegenständen, in den alten Staubsaugern und den unnützlichen Secondhand-Objekten negativ und zerstörerisch deuten lässt. Die Menschlichkeit sei davon bedroht. Hinzu kommt noch die Message der Wiederverwertbarkeit: „Jedes verwendete Objekt kann eine Quelle für die Kunst sein und künstlerisch Symbolkraft bekommen“, so Tomici, die ursprünglich Chemie studierte und sich erst 10 Jahre nach dem Hochschulstudium für die Kunsthochschule entschieden hat.

„Die zwei Studiengebiete haben mindestens einen gemeinsamen Punkt: das Experiment. Es waren eben die Farbmischungen, die mich in der Chemie fasziniert haben. Diese Faszination fürs Neue, für das Experiment, ist auch in all meinem Schaffen zu erkennen“, so Tomici, die in Neumoldowa/Moldova Nouă geboren wurde und derzeit in Temeswar lebt. 

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