Der Dirigent als Primoballerino

Misha Katz mit russischer Musik im Bukarester Athenäum

Freitag, 13. Dezember 2013

In der vergangenen Woche gastierte der 1954 in Rostow am Don geborene Dirigent Misha Katz im Bukarester Athenäum mit Werken russischer Komponisten. Auf dem Programm standen zwei Bilder-Etüden von Sergei Rachmaninow in einer Transkription für Sinfonieorchester von Ottorino Respighi sowie die Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester, die 1934 in Baltimore mit Rachmaninow selbst am Flügel uraufgeführt wurde. Der Solist des Bukarester Konzertabends war Dan Grigore, der das aus Einleitung, Thema und 24 Variationen bestehende Werk gemeinsam mit dem Orchester der Philharmonie „George Enescu“ interpretierte. Nach der Pause wurden noch Modest Mussorgskis Tondichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ und Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ dargeboten.

Misha Katz, der regelmäßig in Bukarest als Gastdirigent auftritt, begann seine Musikerkarriere als Cellist. Er besuchte das Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und wurde von Mstislaw Rostropowitsch im Cellospiel unterrichtet. Zugleich erhielt er eine Dirigierausbildung von seinem Vater, dem berühmten Leonid Katz, die er dann bei dem amerikanischen Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein fortsetzte und vervollkommnete. Seit Beginn der neunziger Jahre wirkt er weltweit als Orchesterleiter, Gastdirigent und Festivaldirektor und stellt für das Bukarester Musikpublikum immer wieder eine besondere Attraktion dar.

Wenn man Misha Katz nicht nur zuhört, sondern ihm beim Dirigieren auch zusieht, kann man so weit gehen zu behaupten, dass er die von ihm aufgeführten Werke nicht nur musikalisch interpretiert, sondern auch choreografisch umsetzt, also im wahrsten Sinne des Wortes tanzt. Für einen solchen Nijinsky oder Nurejew des Dirigentenpultes ist das Dirigierpodest ein lästiges, störendes, ja gefährliches Requisit, das er deshalb, wenn es sich irgend vermeiden lässt, auch gar nicht besteigt, es vielmehr gar nicht erst auf der Bühne duldet, zumal er aufgrund seiner beeindruckenden Körpergröße seiner eigentlich nicht bedarf. Auf dem Bühnenparkett stehend, wird ihm das Halbrund, das aus den ersten Pulten der Streicher geformt wird, zur Tanzfläche, auf der er seine Ballettschritte vollführt und dabei nur mit Mühe einen Entrechat oder eine Pirouette unterdrückt.

Mit ausgreifender Bewegung schreitet er tief in das Orchester hinein, indem er seinen Taktstock über den Häuptern der zweiten Geiger und Bratschisten schwingt und so auf das Spiel der weiter hinten sitzenden Holz- und Blechbläser einwirkt. Mit beiden Unterarmen beugt er sich über das erste Cellopult, um die Intensität des Spiels der tiefen Streicher zu steigern, und der Zuschauer, der den Taktstock auf das Metall des Notenständers schlagen hört, bangt um die körperliche Unversehrtheit der Instrumentalisten.

Wie in der vierten Ballettposition reckt der Dirigent eine Hand in die Höhe und begleitet mit grazilem Spiel der Finger ein Harfensolo oder eine luftige Melodie der ersten Violinen. Wie ein großer schwarzer Vogel breitet er seine Arme aus und lässt sie weit ins Orchester schwingen, als müsse er es im Flug tragen wie ein Adler sein Junges.

Auch der Instrumentalsolist wurde von Misha Katz in dieses tänzerische Geschehen mit einbezogen. So endeten beispielsweise die Paganini-Variationen von Rachmaninow im Bukarester Athenäum damit, dass sich der Dirigent nach der letzten Variation tief zum Pianisten herunterbeugte, sodass sich deren Köpfe wie die zweier kampfbereiter Widder fast berührten, ein momentaner Jux, der von Dan Grigore dadurch pointiert wurde, dass er sein Haupt ruckartig noch ein paar Zentimeter weiter vorschnellen ließ, bis seine Stirn fast an die von Misha Katz prallte. Überhaupt wurde das überragende Spiel des rumänischen Pianisten, dem abgeklärter Ernst und distanzierte Entrückung eignet, von Misha Katz in die Sphäre des Humors, der Daseinsfreude und der Lebenslust gerückt, der funkelnden und schillernden Musik Rachmaninows durchaus angemessen, trotz oder gerade wegen des Dies-Irae-Motivs, das der russische Komponist in diesem seinem Werk mehrfach zitiert. Aus Dankbarkeit (und weil Misha Katz am Tag des Konzertes Geburtstag hatte) widmete Dan Grigore denn auch die erste seiner beiden Zugaben dem musikalischen „Freund und Bruder“.

Besonders beeindruckend war nach der Pause die Darbietung der Tondichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski. Das im Jahre 1867 entstandene Werk der Gattung Programmmusik beschreibt in wilden und leidenschaftlichen Klängen den Tanz der Hexen in der Johannisnacht, ihr höllisches Treiben, ihren Grausen erweckenden Streit und ihren schwarzen Geistersabbat. Beim mehrfach intonierten Cancan entfesselte sich Misha Katz geradezu, sein Körper verfiel in konvulsivische Zuckungen und tremorähnliche Raserei, die ihn erst wieder verließen, wenn das Tanzmotiv durch andere Melodien abgelöst wurde.

Spektakulär war auch das Ende der sinfonischen Dichtung im Bukarester Athenäum: Nachdem der Schlussklang bereits verhallt war, führte Misha Katz immer noch tänzerische Körper- und Handbewegungen aus, als müsse er den Klang weiter in die Stille zurückdrängen und die Zuhörer möglicherweise vor einer neuen Eruption des Tonvulkans bewahren. Lange Momente verharrte der Dirigent dann unbewegt wie eine in sich verrenkte Gliederpuppe, bevor er, ohne sich dem Publikum zuzuwenden, im aufbrandenden Beifall von der Bühne stürmte.

Das letzte Werk des Abends, Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“, bildete den Höhepunkt und Abschluss des Geburtstagskonzertes von Misha Katz. Der Musikkritiker Eduard Hanslick hatte einst in einer wenig freundlichen Besprechung der Wiener Erstaufführung, sechs Jahre nach der Moskauer Uraufführung 1870, sein Befremden darüber geäußert, „dass diese seelenlose, von grauen Dissonanzen und wildem Lärm durchtobte Tonschlacht eine Illustration der zartesten Liebestragödie sein sollte“, wie wir sie von Shakespeares gleichnamigem Drama her kennen. Aber genau diese Tonschlacht scheint Misha Katz in Bukarest gesucht zu haben, der sich nach Verausgabung sämtlicher Körperkräfte am Ende doch, wenngleich sichtlich von den Strapazen gezeichnet, dem begeisterten Publikum als strahlender Held und Sieger präsentierte. In einer immer wieder von Applaus unterbrochenen auf Französisch gehaltenen Rede widmete er das Konzert mit Werken russischer Komponisten schließlich dem in einer Loge sitzenden Dan Grigore, der auch die Auswahl der Werke für den Konzertabend besorgt habe und deshalb an dem gemeinsamen Musikgenuss „schuld“ sei – eine Schuld, die das enthusiastisch Beifall spendende Publikum den beiden großen Künstlern gerne dankbar verzieh.

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