Der Drache, der auf dem Seil tanzt

Mit dem Einrad durch Siebenbürgen und das Banat

Montag, 25. August 2014

Manchmal bleibt Flaviu Cernescu auch mit beiden Füßen auf den Boden. Seit 2006 ist Jonglieren sein Hobby.

Kein Gebäude ist für Flaviu Cernescu zu hoch: „Die schwierigsten Slacklines sind nicht die höchsten, sondern die längsten.“

Mit dem Einrad wird er durch Siebenbürgen und das Banat fahren und sich von Regisseur Sabin Dorohoi filmen lassen.
Fotos: privat

Es ist nur einige Monate her, seit sich Flaviu Cernescu und Sabin Dorohoi kennengelernt haben. Der erste – begeisterter Extremsportler, der zweite – preisgekrönter Regisseur, beide aus Bokschan/Bocşa stammend. „Wir haben uns in wenigen Minuten angefreundet“, so Sabin Dorohoi, als er sich an den Tag erinnert, der den Anfang ihrer Zusammenarbeit bedeutete. Als das Musikvideo „We are Happy in Reşiţa“, in nur einem Monat 35.000 Klicks auf dem Videoportal Youtube bekam, war es für den Regisseur klar, dass er mit dem „Drachen aus dem Banat“ – wie sich Flaviu Cernescu selbst nennt – auch in Zukunft arbeiten möchte.

„Happy“-Musikvideos zu drehen wurde zu einer Bewegung in der ganzen Welt, nachdem „Happy“, der Song des Amerikanischen Sängers Pharrell Williams, mit seinem 24-Stunden langen Video, das glücklich tanzende Menschen auf den Straßen zeigt, im Internet Furore machte. So sind weitere „Happy“-Musikvideos in Bokschan, Herkulesbad/Băile Herculane und Steierdorf/Anina entstanden – nicht zuletzt eine moderne Art, Städte zu promoten. Der Banater Drache kommt in allen vieren vor: Er fährt mit seinem Einrad herum, läuft auf der Slackline – eine Art Schlauchband, an zwei Befestigungspunkten gespannt, auf dem man balanciert – die an hochgelegenen Brücken befestigt ist, und steht jonglierend auf den Köpfen von Statuen. Ein neues Filmprojekt, als Fortsetzung dieser Videos, kam dann irgendwie ganz natürlich: „Schon als wir ‚We are Happy in Reşiţa‘ filmten, wusste ich, dass ich dieses Projekt durchführen möchte“, so Regisseur Sabin Dorohoi.

Touristischer Dokumentarfilm geplant

Es geht um einen touristischen Dokumentarfilm, der durch Extremsport die Sehenswürdigkeiten Siebenbürgens und des Banats hervorheben will. Flaviu Cernescu als Hauptfigur des Films soll auf seinem Einrad von Stadt zu Stadt fahren und dort an öffentlichen Orten seine ausgefallenen Tricks auf der Slackline vorführen. Auf seiner Reise soll der Akrobat von den Einwohnern – Handwerker, Künstler, Kleinunternehmer – die Geschichte und Traditionen der Gegend kennenlernen. Allerdings ist der Film zurzeit nur in Planung, denn noch gibt es keine Genehmigungen von den Lokalräten, an öffentlichen Orten die Slackline zu befestigen, und eine Finanzierung gibt es ebenfalls noch nicht. Trotzdem arbeiten die Veranstalter intensiv an der Planung und wissen schon: „Drei Wochen lang werden wir mit unserem Team auf der Reise sein und danach vier bis sechs Monate an der Produktion arbeiten“, sagt Sabin Dorohoi aus Erfahrung, denn mit seinen zwölf Jahren im Filmbereich ist das für ihn nichts Neues und Extremsport als Thema hat er auch schon gehabt. Gleichzeitig ist er sich jedoch bewusst, dass die größte Herausforderung nicht das Drehen und auch nicht die Produktion, sondern die Finanzierung sein wird, die für Leih-Equipment, Transport, Unterkunft und Nachbearbeitung nötig ist. Die Reise ist für September geplant, sodass der Film ungefähr im April nächsten Jahres veröffentlicht werden kann. Mehr Details dazu, auf der Webseite www.transylvaniadragon.com.

Was aus Spaß begann, wurde zur Lebensart

„Ich bin es gewohnt, dass mir die Leute bei den Stunts zuschauen“, sagt Flaviu Cernescu, wenn gefragt, wie er sich vorstellt, Schauspieler zu sein. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit Akrobatik, von Einradfahren bis Jonglieren. 2009 in Wolfsberg/ Gărâna, als das Jazz-Festival stattfand, stieg er zum ersten Mal auf die Slackline und lernte dann nach und nach den modernen Seiltanz zu meistern. „Ich wusste damals nicht, dass ich mit dieser Sportart weitermachen werde. Genauso war es auch mit dem Einrad. Diese waren für mich nur Hobbys“. Inzwischen ist er ein Profi in diesem Bereich, der den meisten Menschen in Rumänien noch fremd ist, doch durch seine verrückten Videos mit mutigen Stunts sogar im Ausland bekannt. Schon seit 2004, als er die Hochschule verließ, bewegt sich Flaviu Cernescu in Freundeskreisen, wo Akrobatik im Mittelpunkt steht. Erst mit dem Einrad, danach Jonglieren und seit drei Jahren intensiv Slacklining – so hat er sich von einer Sportart zur anderen entwickelt.

2009, als er von seinen Freunden gefragt wurde, ob er die Slackline ausprobieren möchte, war für ihn „die Linie“ keine Neuigkeit: „Ich wusste schon vorher davon, aus dem Internet, denn wenn man einmal in dem Bereich ist, bekommt man alles mit, was neu erscheint.“ Ein Jahr später hatte er schon seine eigene Slackline – eine für Anfänger, 15 Meter lang, „die keine großen Herausforderungen stellte“ – und 2012 kaufte er sich dann, auf Rat seiner Bekannten aus dem Ausland, das erste professionelle Slackline-Equipment aus Deutschland von der Firma, von der er sich schon 2006 das Einrad- und Jonglier-Equipment kauft. Diese ist bis heute sein Zulieferer geblieben. „Seit Rumänien Teil der EU ist, kann ich mir das Equipment ohne Probleme kaufen, aber früher war es nicht so einfach, denn ich hatte immer Probleme beim Zoll“, erinnert sich Flaviu Cernescu an die Zeit, in der er angefangen hat, sich seine eigenen Einräder – 13 Einräder hatte er zu einer Zeit – und die Jongleur-Ausstattung zu beschaffen. Was aus Spaß begann, ist langsam zu einer Lebensart geworden. Inzwischen hat Flaviu Cernescu sogar seinen Job als IT-Ingenieur aufgegeben, um seiner Leidenschaft nachzugehen.

Konzentration statt Adrenalin

„Es ist eine Art spirituelle Meditation. Du läufst auf Luft und es überwältigt dich“, erzählt der Akrobate mit Enthusiasmus. Es soll sich wie fliegen anfühlen und einzigartige Gefühle hervorrufen: von Angst bis Ekstase. Es gibt keine nahen Punkte, an die man seinen Blick heften kann, es ist „als ob man in der Unendlichkeit schwebt“. Trotzdem ähnelt das Slacklining anderen Extremsportarten kaum, wie z.B. Bungeespringen, erklärt Flaviu Cernescu, denn den Adrenalinschub gibt es hier nicht. Man muss sich einfach ganz gut konzentrieren, um auf einer„Linie“ von einem Ende zum anderen zu balancieren, und „mit seinen Gefühlen zurechtkommen, diese bis zum Ende der Linie tragen, auch wenn sie dich überwältigen.“ Das kann von 30 Sekunden bis fünf Minuten dauern. Sogar auf 20 Minuten hat es ein Slackline-Spezialist  gebracht. Dabei zählen die Gegebenheiten, an denen das Band befestigt ist, der Wind, was unter der Slackline liegt, die Zeit, die man zu Verfügung hat und natürlich auch die Stimmung, in der man in jenem Moment ist.

Es kommt darauf an, wie angenehm man sich auf der „Linie“ fühlt, denn wie in jeder Sportart gibt es auch beim Slacklining „Linien“ mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden: Bei den komplizierten „Linien“ muss man seinen Atem gut kontrollieren können und macht sich dann auch viele Gedanken darüber, wie man sich aufrecht halten soll, um nicht herunterzufallen. Bei einfachen „Linien“ dagegen kann man sogar „mit den zuschauenden Leuten sprechen oder Bier trinken“, erzählt Flaviu Cernescu. Die schwierigsten seien jedoch nicht die höchstgelegenen, sondern die längsten: 60 Meter in 4 Minuten gelaufen – das ist seine beste Leistung, aber hier hört er nicht auf, denn er hat sich vorgenommen immer längere, höhere und an immer außergewöhnlicheren Orten befestigte „Linien“ zu durchqueren: „Es ist eine wunderbare Methode, sich persönlich zu entwickeln, zu lernen, sich selbst Ziele zu setzen“.

Gelegenheiten, seine Slacklining-Fähigkeiten weiter zu entwickeln, wird Flaviu Cernescu beim Drehen des Films „Transilvania Dragon“ mit Sicherheit viele haben, denn die Gegend ist voller touristischer Sehenswürdigkeiten, die entsprechend genutzt werden können. Hermannstadt/Sibiu, Schässburg/Sighişoara, Klausenburg/Cluj-Napoca, Karlsburg/Alba Iulia, Temeswar/Timişoara, Arad, Großwardein/Oradea sind im Tournee-Plan, aber konkrete Beispiele gaben die Veranstalter noch nicht, denn diese hängen von den Genehmigungen der Lokalräte ab. Falls alles nach Plan läuft, werden die Einwohner der Städte bald etwas Besonderes erleben: jemanden hoch oben auf einer Slackline. Eventuell auch in einem alten Schloss…

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