Der Einsiedler und die Securitate

Nicolae Mărgineanus jüngster Spielfilm in den rumänischen Kinos

Sonntag, 07. Oktober 2018

Es ist ein seltenes Ereignis, dass der Film eines achtzigjährigen Regisseurs in Rumänien seine Premiere feiern kann. Der aus Klausenburg/Cluj-Napoca gebürtige Filmdirektor, Drehbuchautor und Filmproduzent Nicolae Mărgineanu hat mit seinem jüngsten Spielfilm für solch ein rares Geschehnis gesorgt, wobei die Finanzierung dieses seines innerhalb von zwei Wochen abgedrehten Streifens aus eigenen Mitteln bestritten wurde.

Der in den rumänischen Kinos mit englischen Untertiteln gezeigte Film trägt den Titel „Fals tratat de mântuire a sufletului“ (Falscher Traktat über die Erlösung der Seele) und basiert auf einem Skript des in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierten Drehbuchautors Bogdan Adrian Toma. Gegenstand des Spielfilms ist ein fiktiver Fall aus dem Arbeitsbereich des Nationalen Rates für das Studium der Archive der Securitate, jener mit dem Kürzel CNSAS bezeichneten rumänischen Behörde also, die sich seit rund zwanzig Jahren mit der Aufarbeitung der Aktivitäten der Securitate befasst: des 1948 gegründeten und 1990 aufgelösten rumänischen Geheimdienstes, der nicht nur über zahlreiche aktive Mitglieder verfügte, sondern mit dem auch unzählige Rumänen mehr oder weniger freiwillig kollaborierten.

Der Film hebt an mit dem Jahrzehnte zurückliegenden Selbstmord eines Priesterzöglings, der das Interesse eines Inspektors des CNSAS geweckt hat, weil er hinter diesem Suizid die Verstrickung der rumänisch-orthodoxen Kirche in die Verbrechen der Securitate vermutet. Für ihn ist die Kirche generell eine Schule der Obödienz, die absoluten Gehorsam erzwingt, anstatt Widerstand gegen Unrecht zu predigen.

Bevor sich besagter Inspektor Sorin Toma, glaubhaft verkörpert von Ioan Andrei Ionescu, gemeinsam mit seinem eben erst beim CNSAS eingestellten Kollegen Radu Olar (Bogdan Nechifor) auf den Weg macht, um diesen Fall aufzuklären, führt er den Juraabsolventen und Berufsanfänger erst einmal in den Alltag seines künftigen Wirkungsfeldes ein. Ein ehemaliger Securitate-Kollaborateur drückt dem Jobneuling bei einem Ortstermin den ihm ausgehändigten CNSAS-Bescheid buchstäblich ins Gesicht; ein anderer Rumäne berichtet davon, wie er von einem Securitate-Mitarbeiter gezwungen wurde, seine eigenen Fäkalien zu essen, um dieser Geschichte aus seiner Inhaftierungszeit in Gherla die Pointe folgen zu lassen, dass jener Folterknecht soeben verstorben sei und deshalb nicht mehr belangt werden könne.

Nach diesen in Bukarest spielenden Szenen, in denen die Charaktere der beiden CNSAS-Kollegen ausgiebig entfaltet werden – dem impulsiven, nach Rache und Vergeltung dürstenden Sorin steht der abwartende, auf Humanität und Milde bedachte Radu gegenüber –, fahren die beiden zu einem Kloster, in dem jener in den Selbstmord des Priesterzöglings involvierte orthodoxe Priester mit Namen Iustin zu kommunistischen Zeiten gewirkt hat. Dort erfahren sie, dass sich der auch als Wundertäter geltende Priester inzwischen zum Eremiten gewandelt hat und in den Bergen weit oberhalb des Klosters sommers wie winters alleine in seiner Einsiedelei haust.

Ohne einen der regelmäßigen Besuche des Eremiten in dem im Tal gelegenen Kloster abwarten zu wollen, steigen sie am späten Nachmittag desselben Tages noch auf, um mit dem Einsiedler zu sprechen. Zur selben Zeit macht sich, angestiftet von der Äbtissin, ein Klosterknecht ebenfalls auf, um dem Einsiedler bei dem unangekündigten Besuch der beiden Männer aus Bukarest beizustehen. Zu nächtlicher Stunde konfrontieren die CNSAS-Mitarbeiter den Eremiten mit den Erkenntnissen ihrer Behörde, worauf dieser sie bittet, seine Einsiedlerklause zu verlassen.

Beim Erscheinen des Klosterknechts kommt es dann zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf der junge Radu von dem Beil getroffen wird, das Sorin dem Klosterknecht gerade entrissen hat. Gemeinsam tragen sie noch in der Nacht den blutenden und bewusstlosen jungen Mann zu Tal, wo ein Krankenwagen sie bereits erwartet.

Die Fahrt im Sanitätsauto nach Bukarest wird dann zur finalen Schlüsselszene des Films. Hier beichtet der Einsiedler dem bewusstlosen Radu seine eigene Version der Geschichte: wie die Securitate den Priesterzögling auf ihn angesetzt hatte, um ihn zur Kollaboration zu zwingen; wie der Priesterzögling sich ihm dann als Securitate-Mitarbeiter offenbarte; wie er den Novizen daraufhin scharf verurteilte und ihn, ohne es zu wollen, in den Selbstmord trieb; wie ihn die Securitate aufgrund des Suizids um so mehr zur Kollaboration zwingen wollte; wie er aber widerstand und das Eremitendasein als letzten Ausweg wählte, wie die Securitate schließlich von ihm abließ und wie er immer noch an seiner Schuld im Hinblick auf den Tod des Priesterzöglings leide.

Der Film endet dann mit der Schilderung bloßer Fakten. Der Priester Iustin ist und bleibt seit dieser einen schicksalhaften Nacht verschwunden. Radu quittiert nach seiner völligen Rekonvaleszenz den Dienst beim CNSAS und sucht sich ein neues Wirkungsfeld. Sorin erhält von Radu als Abschiedsgeschenk das schriftliche Blanko-Schuldeingeständnis, das der Priester Iustin ihm im Krankenwagen unbemerkt zugesteckt hat. Und was macht Sorin, der sonst zu gerne belastendes Material sammelt, um CNSAS-Verdikte zu ermöglichen? Er verbrennt das Schriftstück!

Abgesehen von diesem speziell konstruierten Filmplot stellt sich natürlich die Frage, was Mărgineanus Film allgemein über die Tätigkeit des CNSAS aussagen möchte. Kritisiert er das Zelotentum seiner Mitarbeiter? Kritisiert er deren Ermittlungen als self fulfilling prophecies? Belächelt er die Aufklärungsquote des CNSAS, die im Film mit maximal fünf Verdikten pro Jahr angegeben wird? Plädiert er für eine Beendigung der Vergangenheitskrämerei, die – wie Radu einmal sagt – angesichts des Alters der zu inkriminierenden Securitate-Mitarbeiter zunehmend museale Züge annimmt? Gibt er Milde und Vergebung den Vorzug vor Rache und Vergeltung? Stellt er die Tätigkeit dieser Behörde generell in Frage? Oder transponiert er die Schuldfrage ins Metaphysische und Religiöse und entzieht sie damit der staatlichen Justiz? Und was sagt der Film über die Vergangenheitsbewältigung des rumänischen Staates in der Gegenwart überhaupt aus?

Auf all diese Fragen hält der Film keine eindeutige Antwort parat, vielmehr stehen sich in ihm zwei Welten (repräsentiert durch den Drehort Bukarest auf der einen und die Drehorte Sinaia und Cheia auf der anderen Seite) unversöhnt gegenüber: die Stadt und das Land, die Zivilisation und die Natur, die Institution und der Mensch, das Dokument und die Seele, Ahndung und Vergebung, Sanktion und Vergessen. Wenn man den wunderbaren Naturbildern des Films Glauben schenken darf, in die sich religiöse und klösterliche Welt harmonisch einfügen, liegt dessen Antwort klar auf der Hand.

 

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