Der erste regionale ethnografische Atlas Rumäniens

Das Gebiet um die Stadt Detta aus dem Kreis Temesch dokumentiert

Donnerstag, 09. April 2015

Der Kreis Temesch verfügt über den ersten regionalen ethnografischen Atlas in Rumänien. Der zweite Band dieses Werkes, das insgesamt aus fünf Bänden bestehen soll, ist in Temeswar vorgestellt worden. Sind im ersten Band die Arbeitsweise und die Instrumente der Forschungsgruppe unter der Koordination des emeritierten Universitätsprofessors Ioan Viorel Boldureanu präsentiert worden, so widmet sich der zweite Band einer der vier identifizierten spezifischen Zonen, nämlich Detta/Deta. Die weiteren Bände, die in Zukunft erscheinen werden, sollen die Gebiete um Fatschet/Făget, Lugosch/Lugoj und Hatzfeld/Jimbolia unter die Lupe nehmen.

Das 2013 begonnene Projekt soll bis ins Jahr 2017 reichen. Der Atlas umfasst Kapitel über den traditionellen Lebensraum, die Volkskunst, Ethnologie und Folklore, den Gemeinschaftsgeist, einen Steckbrief der Ortschaft, über die ländliche Architektur und die traditionellen Berufe und Künste, die Mundarten der Bewohner, bekannte Folkloregattungen wie „doina“, Balladen, Weihnachtslieder usw. sowie die Bräuche, die in dem betreffenden Raum weiter praktiziert werden.

Die Umfrage wurde in mehreren Ortschaften durchgeführt. Die Bewohner wurden unter anderem zu ihrem Haushalt und ihren Berufen befragt, zu ihren Traditionen und ihrer Mundart. Es ging um ethnografische Elemente und ethnologische Bedeutungen im Banat, speziell im Kreis Temesch. Es wurden kirchliche Feste dokumentiert, die im Laufe des Jahres an vielen Orten mit einigen Unterschieden gefeiert werden, aber auch die Traditionen rund um Hochzeit, Geburt und Beerdigung.

Die Banater wurden nach der Anzahl der Kinder in der Familie gefragt, da ja bekanntlich ein Witz über die Banater kursiert: Sie würden behaupten, sie möchten nur ein Kind haben, um ja nicht das Vermögen aufteilen zu müssen. Die Wirklichkeit zeigt aber, dass die Familien zwei Kinder vorziehen, manchmal auch drei, seltener ein einziges. Die befragten Banater wünschen sich, dass die Kinder „Langzeitstudien machen, aber nicht auswandern, nur etwa fürs Studium ausreisen“. Sie sehen als ehrliches Einkommen die Arbeit im eigenen Haushalt, die Bodenbewirtschaftung. Allgemein verpönt wird der Wucher als Einkommensquelle.

Bei den Steckbriefen der Ortschaften handelt es sich um die Aufzählung einiger wichtiger Elemente wie der Name der Ortschaft, die Bezeichnung durch die Bewohner (falls es eine Variante gibt), die geografische Lage und der administrative Status, es geht um die Einwohnerstruktur, die ersten Dokumente, die von der Existenz der Siedlung zeugen, um die Berufsstruktur der Bevölkerung, um die Kirchen, Schulen oder eventuelle Fabriken in der Ortschaft, auch etwaige Persönlichkeiten, die dort gelebt haben. Auch Dorffeste, allen voran die Kirchweihfeste („ruga“), wurden aufgezeichnet.

So erfahren wir zum Beispiel aus dem Steckbrief der Gemeinde Ghilad, die bis 2002 zu Tschakowa/Ciacova gehört hat, sowohl Historisches – die Siedlung ist schon 1212 unter dem Namen Giad in den Notizen des Historiografen Budinschi erschienen – als auch Gegenwärtiges: Heute rühmt sich die Gemeinde mit dem naiven Maler Viorel Cristea sowie mit dem Sänger Costel Busuioc, der 2008 einen Gesangswettbewerb in Spanien gewonnen hat. Vermerkt wird auch, dass in Ghilad die landesweit erste Fabrik entstehen soll, die elektrische Energie aus energetischen Weiden produzieren soll, eine Investition, die von der deutschen Firma „Rebina Agrar“ durchgeführt wird.

Wertvoll sind auch die Seiten, in denen die Architektur der Häuser beschrieben wird – so die alten Lehmhäuser oder Holzhäuser, interessant sind auch die dekorativen Elemente auf der Straßenseite der Häuser: der Lebensbaum, die Sonne, die Blumenvase oder der Ährenkranz. Es werden verschiedene Handwerke unter die Lupe genommen, so zum Beispiel die Herstellung von Heimtextilien, sei es nun mit Hilfe des Webstuhls oder aber anderer Werkzeuge – den Forschern lag viel auch an der Erkundung der Materialien sowie der Farben und Motive, die gebraucht wurden. So erfährt der Leser über die geometrischen Figuren auf den Kissenbezügen oder über Blumenmotive auf den Tischdecken.

Der Atlas wurde im feierlichen Rahmen im Festsaal des Kreisrates Temesch in Anwesenheit der Vertreter der Ortschaften aus dem Kreis Temesch vorgestellt. An den Umfragen haben bekannte Ethnologen wie Univ.-Prof. Dr. Otilia Hede{an oder Soziologen wie Univ.-Prof. Dr. Alin Gavreliuc gearbeitet.

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