Der Facebooker

Freitag, 14. Dezember 2012

Seit Kurzem hab ich eine neue Beschäftigung, die mir Kontakte aus aller Welt einbringt, mich täglich mehrere Stunden fordert – und außerdem endlich zum Promi kürt! Ich bin jetzt nämlich Facebooker. Endlich können nicht nur Freunde und Verwandte, sondern gleich die ganze Welt am Glück meiner Existenz hautnah und vor allem in Echtzeit teilhaben. Offensichtlich hat sie darauf sehnsüchtig gewartet, wenn man bedenkt, dass mich schon am Tag der Account-Eröffnung 67 Freundschaftsanfragen bestürmten. Whow! Menschen, die ich noch nie im Leben gesehen habe... und die sich hartnäckig wieder und wieder per Mail in Erinnerung bringen, sollte man die prompte Freundschaftsbestätigung mal vergessen haben.

Was sagt einem das? Ich muss unverzichtbar sein! Wie konnte die weltweite Facebook-Community bisher überhaupt ohne mich auskommen? Oder liegen die Massensympathiebekundungen daran, dass ich mangels eines aktuellen Passphotos eben mal schnell das Konterfei von Raquel Welch hochgeladen habe? Hat jedenfalls keiner gemerkt. Wie auch, da ich mich – soviel Anonymität muss wenigstens sein – als Soraya Esfandiari eingetragen habe. Namen sind ohnehin Schall und Rauch.
Und verraten die vielen „Likes“, die ich seit meinem virtuellen Promi-Leben so gnädig und großzügig vergebe, nicht tausendmal mehr über eine facettenreiche Persönlichkeit? Greenpeace und SOS Kinderdörfer: „Like“. Das UNESCO Kulturerbe von Rumänien: „Like“. Schuhe von Humanic und Kaiserschmarrn mit Apfelmus von www.chefkoch.de: „Like“. Das Youtube Video über meinen Mann: natürlich „Like“. Der hat sich aber gefreut! Was für ein Liebesbeweis, wenn man neben all den virtuellen Verpflichtungen auch noch Zeit für seine Allernächsten aufbringt. Natürlich schickte er mir auch gleich ein „Like“ für den ADZ Artikel zum Ökotourismus, obwohl er ihn auf Deutsch gar nicht lesen kann. Süß, nicht? Wo wir doch beide so beschäftigt sind – mit der Vergabe von „Likes“ als aussagekräftiger Bestandteil unseres virtuellen Lebenslaufs: „Show me what you like and I tell you who you are”.

Andererseits erspart Facebook auch unheimlich viel Arbeit. Statt persönlicher Mails an jeden einzelnen Kontakt – wer hat bei mittlerweile 1465 Freunden dafür überhaupt noch Zeit? – postet man einfach einen Rundbrief. „Hallo, mir geht’s gut. Wie geht’s euch?“ Und schon ist der andere in der Pflicht! Ein pauschales „Frohe Weihnachten oder Hanukkah oder was auch immer ihr feiern mögt!“ oder „Alles Gute zum Geburtstag für den, der heute zufällig hat!“ spart Tausende Lei für Kunstpostkarten und erlöst einen endlich von der Peinlichkeit, den ein oder anderen bei der globalen Pflichtwünscherei vergessen zu haben. Wär ja auch schwierig bei – oops, mittlerweile 12.887 Freunden. Oder die es werden wollen. Ich glaube, bald ist die ganze Welt mein Freund! Dann gibt es endlich keine Kriege mehr, keinen Terror und keine Gewalt, denn für all das gibt’s ganz bestimmt kein „Like“ von mir...

Überhaupt sollte man die praktischen Sympathiebekundungen auch auf die nicht-virtuelle Welt ausdehnen. Wie wär’s mit einem Knopf am Restauranttisch, mit dem man die Zufriedenheit über das Essen oder den Service zum Ausdruck bringen kann? Oder den Kellner um seine Freundschaft bitten, um zu vermeiden, dass man später zwei Kaffee auf der Rechnung vorfindet, die man weder bestellt noch getrunken hat. Ein Freund betrügt einen schließlich nicht. Und wenn doch, dann – ja, wo bleibt eigentlich das „Dislike“? Für öffentliche Toiletten ohne Papier, für Gensoja, Korruptionsskandale, grausame Tiertransporte, haarige Spinnen unterm Bett und Blutwurst mit Fettbrocken drin, mein Albtraumgericht aus der Kindheit? Auch könnte man sich ausschweifende Diskussionen zu umstrittenen Themen wie Arbeitsmigration, der Legalisierung von Prostitution oder zur Befriedung des Nahen Ostens sparen. Einfach die „Likes“ und „Dislikes“ zählen, und die Welt wird simpel digital. Sympathisch, nicht? Nur für den Fall, dass das Internet bei der Flut an „Likes“ für diesen Vorschlag weltweit zusammenbricht, hab ich eben mein Account gelöscht. Tja, tut mir leid, ihr – schnell nachgeschaut – 23.839 neuen Freunde! Nun müsst ihr irgendwie lernen, auch ohne mich auszukommen. Like it or not...

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