„Der FC Braşov ist mein Leben!“

Constantin Oprea und seine Sammlung von Zeitungsausschnitten über die Kronstädter Elf

Samstag, 29. April 2017

Constantin Oprea – der größte Fan und Sammler des FC Braşov

Ein kleiner Teil der Alben mit Fotos und Berichten zum bekanntesten Kronstädter Fußballverein

Dieses Team sorgte unter dem Namen „Steagul Roşu“ für die besten Kronstädter Fußballzeiten.
Fotos: der Verfasser

Fußballfans gibt es überall. Auch der FC Braşov hat seine Fangemeinde, die allerdings in den letzten Jahren geschrumpft ist, seitdem der Verein in der zweiten Liga spielt und ständig mit dem Damoklesschwert der Pleiteerklärung leben muss. Sein treuester Kronstädter Fan ist Constantin Oprea.  In dem kleinen Wohnblock-Appartement ist ein Zimmer dem bekanntesten und beliebtesten Kronstädter Fußballverein vorbehalten. Dort sammelt Constantin Oprea seit fast einem halben Jahrhundert alles, was in der Presse an Berichten und Fotos über den FC Braşov erschienen ist.

Er schneidet Artikel aus, klebt sie in Alben ein. Inzwischen sind es 110 geworden. Anfangs waren sie kleiner, nun sind die umfangreichsten  gut 200 Seiten stark. Die neueren sind schön gebunden;  auf dem Rücken der Sammelbücher wird die Zeitspanne vermerkt, die das Pressematerial zur Vereinsgeschichte abdeckt. Die Umschläge sind bunt, enthalten Farbfotos, manche Schlagzeilen und immer wieder das gelb-schwarze Vereinslogo.„Alles zu sammeln und zusammenzustellen hat mich schon etwas Zeit und Geld gekostet“, bekennt Constantin Oprea. Heute ist der 62-Jährige nach einem Berufsleben als Meister im Kronstädter Traktorenwerk Rentner. Ruxanda, seine Frau, hat diese Sammlerleidenschaft akzeptiert, obwohl sie anfangs nicht unbedingt begeistert war.

Statt Verbitterung ewige Treue

Ein Teil der Alben sind auf einem Sofa ausgebreitet, andere in einem Regal aneinandergereiht. An den Wänden sind Fotos der Kronstädter Elf aus verschiedenen Jahrzehnten zu sehen - bekannte Spieler und Trainer aus den besten Zeiten der Mannschaft. Zahlreiche Wimpel schmücken die Wände, manche hängen an einer robusten Zimmerpflanze wie Weihnachtsschmuck am Christbaum. Trikots und Fußbälle samt Unterschriften der Spieler sind ebenfalls vorhanden. Oprea trägt selbst ein Trikot des FC Braşov mit seinem Namen auf der Rückseite, wie bei den Spielern, das ihn als Fan der Mannschaft seit 1968 ausweist. Besonders gern hat er das Trikot mit der Spielernummer 5 und dem Namen von Nae Pescaru. Der ehemalige Spielerkapitän der Kronstädter, der es zusammen mit seinem Mannschaftskollegen, dem Torwart Stere Adamache, bis zur Nationalelf  geschafft hat und so auch bei der WM 1970 in Mexiko dabei war,  ist für Oprea das Vorbild eines begabten und zuverlässigen Fußballspielers. Heute ist er auch sein treuer Freund, mit dem er sich regelmäßig trifft.

Adamache, Ivăncescu, Pescaru, Györfi, Jenei, Hârlab, Kadar und die anderen dieser wahrscheinlich bekanntesten Steagul-Roşu-Teamaufstellung kann Oprea auswendig aufsagen wie das Vaterunser. Damals, Ende der 1960er Jahre, hatte er als Mitglied der Juniorenmannschaft selbst von einer Spielerkarriere bei „Steagul Roşu“, wie der Verein zu jener Zeit hieß, geträumt. Es hat nicht sein sollen – nach einem Konflikt mit dem Trainer verließ er die Mannschaft. Darunter hat er richtig gelitten.  Doch wer jetzt denkt, dass Oprea nach so einer Enttäuschung nichts mehr von „Steagu“ wissen wollte, liegt falsch. Die Mannschaft, die Spieler, vor allem Pescaru, waren ihm zu stark ans Herz gewachsen. Wenn nicht in der Mannschaft, dann neben der Mannschaft, war wohl seine Überlegung.

„Ein Leben mit der Schere in der Hand”

Doch Mitfiebern beim Stadionsbesuch, Mitreisen bei Auswärtsspielen waren ihm nicht genug. Oprea wollte alles dokumentieren, was die Presse über sein Lieblingsteam berichtete. Zu jener Zeit war es vielleicht nicht mal so schwer, weil die Zahl der Zeitungen überschaubar war, erst recht die lokalen und die Sportpublikationen. Nach der Wende vervielfältigte sich die Zahl der Printmedien. Oprea, der sich an mehreren Zeitungskiosken  regelmäßig einstellte, war bald gut mit den Verkäufern bekannt und durfte auch schon mal vorab in den Zeitungen und Zeitschriften blättern. Wenn etwas über FC Braşov erschien, wenn ein Foto im Zusammenhang mit einem FC Braşov-Spiel enthalten war, dann war es das, was er brauchte. Er kaufte und kaufte, schnitt sorgfältig mit der Schere alles aus und archivierte es gewissenhaft und übersichtlich. So entstand eine Dokumentation, die wohl landesweit einmalig ist.  Über seine Sammlertätigkeit plant er nun  sogar, ein Buch zu schreiben, das auch die Vereinsgeschichte miteinbezieht. „O viaţă cu foarfeca în mână“ („Ein Leben mit der Schere in der Hand“) lautet der Arbeitstitel. In einer schönen, leicht leserlichen Schrift liegen bereits die ersten überarbeiteten Seiten vor.

Constantin Oprea will darin nicht nur Zahlen und Fakten erwähnen, sondern auch Details über persönliche Treffen und Erinnerungen mit vielen der Spieler, Trainer und Vereinsführer einbauen. Manche von ihnen waren bei ihm zu Hause und waren von der Sammlung beeindruckt. Răzvan Lucescu, der, bevor er zum Nationaltrainer berufen wurde, den FC Braşov übernommen hatte, studierte aufmerksam die Sammlung und erfuhr vieles über die Vorgeschichte seiner Mannschaft, was ihm aus Zeitmangel unbekannt geblieben war. Ein gemeinsames Erinnerungsfoto samt Autogramm des damals noch jungen, vielversprechenden Trainers sind nun in Opreas Zimmer wiederzufinden.

Nur die Hoffnung nicht aufgeben!

Ein echter Fan hält auch in schweren Zeiten zu seinem Verein. Die Zukunft des FC Braşov sieht zur Zeit düster aus. Der Verein hat große Schulden, Investoren halten sich vorläufig zurück, die Finanzbehörden pochen auf die Pleiteerklärung, um dann alles noch Verwertbare für die Schuldenrückzahlung einzutreiben. Das betrübt die Kronstädter - und erst recht Constantin Oprea. Denn sportlich scheinen sich die Kronstädter Kicker unter Trainer Cornel Şălnar gegen eine Vereinsauflösung aufzubäumen. Der Aufstieg schien vor Beginn der Rückrunde selbst über einen Stichkampf mit dem Drittletzten der 1. Liga erreichbar. Eine bunt zusammengewürfelte und zunächst kaum eingespielte Elf schlug sich tapfer unter ständig strengeren Sparmaßnahmen und anstehenden Gerichtsterminen, von denen man sich als beste Variante nur einen Aufschub der Bankrotterklärung und somit der Vereinsauflösung erhoffen konnte. Ein Aufstieg würde die heiß begehrten Fernsehgelder für Live-Übertragungen der Spiele bringen; bessere Werbeverträge wären leichter abzuschließen, Investoren würden sich schneller melden. Constantin Oprea hofft bis zuletzt. Vielleicht finden sich Freunde des FC Braşov auch in Deutschland, meint er, als er erfährt, dass über ihn nun auch in einer deutschsprachigen Zeitung geschrieben wird, nachdem rumänische Pressevertreter ihn bereits mehrmals vorgestellt hatten. Borussia Dortmund trägt schließlich auch die Vereinsfarben Schwarz-Gelb.

Oprea selbst stellte sich zur Verfügung, um dem Verein im Marketing-Bereich zu helfen. Nach 1990 war er Gründungsmitglied und Vorsitzender der Kronstädter Fan-Liga. Ein Raum beim Vereinssitz hat sich leider nicht finden lassen, so dass diese Vereinigung eingegangen ist und andere Fan-Gruppierungen zustande kamen, die aber auch nicht viel erreichen konnten. Er selbst habe jetzt auch ein gewisses Alter und sitze nun nicht mehr unter den zumeist jüngeren Fans, sondern als VIP in der offiziellen Tribüne. Zumindest das sei eine Form der Anerkennung für seine Treue zum Klub, meint der bekannteste Steagu-Fan. Auf seine Sammlung würde er ungern verzichten – aber Kopien der Fotos und einiger Sammlerstücke könnte man beim Stadion schon anbringen, meint er. Auf den ehemaligen Vereinsboss Ioan Neculaie ist Oprea allerdings nicht gut zu sprechen. Ein Teil des Schlamassels sei ihm zu verdanken – nun solle der Millionär wenigstens versuchen, etwas wieder gutzumachen, damit er nicht als derjenige in die Vereinsgeschichte eingeht, der den FC Braşov begraben habe. Eine Auflösung des FC Braşov und ein Neubeginn ganz von unten aus den untersten Ligen – das wäre für Oprea ein Schicksalsschlag. Denn für ihn ist FC Braşov ein Teil seines Lebens geworden. Wohlgemerkt, FC Braşov als Team. „Die Mannschaft ist mein – der Verein gehört ihnen“, sagt er und meint damit, dass zu viele im Fußball nur ein Mittel gesehen haben, um bekannt zu werden, um ihr Image zu pflegen, um Geld zu verdienen oder mehr oder weniger krumme Geschäfte zu drehen.

Auch zwei Sportlerinnen im Blickpunkt

Vielleicht hat Oprea auch deshalb seine Sammlerleidenschaft mit der Zeit auf zwei weltbekannte rumänische Sportlerinnen erweitert: Nadia Comăneci und Simona Halep. Nadia, das Wunderkind der rumänischen Sportgymnastik, hatte Oprea kurz vor ihrer Flucht aus dem kommunistischen Rumänien kennengelernt: 1989, bei den Landesmeisterschaften in Ploieşti, wo Nadia als Schiedsrichterin mitwirkte. Er zeigte ihr mehrere Alben mit Presseechos zu ihren Erfolgen; beeindruckt gewährte sie auch ein Autogramm samt Glückwünschen. Als sie sich dann in den Westen absetzte, war das für Oprea völlig überraschend und auch traurig. Für seine Tochter Mihaela war Nadia  ein Vorbild gewesen. Ein Jahr verbrachte das Mädchen sogar in der Turnschule in Oneşti – für den großen Sprung zum Hochleistungssport reichte es nicht, auch weil letztendlich Schule und Studium den Vorrang bekamen. Sohn Romeo zeigte ebenfalls Interesse am Sport, ohne aber, wie vielleicht sein Vater es sich gewünscht hätte, Fußballer in der ersten Liga zu werden.

Zu Simona Halep hat Oprea bereits sechs Alben vorzuzeigen. Schon vor ihrem großartigen Aufstieg vor vier Jahren sei sie ihm durch ihren Willen, ihr Durchhaltevermögen und ihren kämpferischen Geist aufgefallen, so dass er ihren Werdegang, selbst als sie noch nicht zu den ersten hundert besten Tennisspielerinnen der Welt zählte, aufmerksam mitverfolgte und dokumentierte. Trotz mehrmaliger Versuche hat Oprea ein persönliches Treffen mit Simona in der Schulerau, wo diese ihre Wintervorbereitung absolvierte, knapp verpasst. Noch fehlt ihm daher ihr Autogramm. Doch der leidenschaftliche Sammler ist zuversichtlich, dass es ihm gelingen wird, mit ihr persönlich zu sprechen. Simona soll erfahren, dass einer ihrer treusten Fans aus Kronstadt sie stets begleitet und ihr fest die Daumen drückt. Mit dem FC Braşov heißt es derzeit eher mitzuleiden als mitzufeiern. „Es muss ein Wunder geschehen!“, hofft Oprea. Warum auch nicht? Schon einmal ist es geschehen, 1973, als Steagu in den letzten Spielminuten drei Tore gegen Besiktas schoss und die zweite Runde im UEFA-Pokal erreichte.

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