Der Fotoapparat und das Gedächtnis

Samstag, 28. Juni 2014

Im Mai habe ich eine Peru-Reise gemacht, ich flog aus Düsseldorf nach Arequipa und reiste von dort mit dem Bus durch die Anden. Am fünften Tag der Reise, in Puno, am Titcaca-See, begab ich mich in die Hotel-Lobby, um meine E-Mails zu checken, denn ich hatte weder Tablet noch Smartphone mitgenommen, um mich während meines Höhentrips durch nichts ablenken zu lassen. Der Computer für Hotelgäste, der sich in der ersten Etage befand, funktionierte jedoch nicht, und ich beschwerte mich bei der Rezeption, wo sich gerade zufällig der Hotelmanager zu schaffen machte. Er stellte sich vor, entschuldigte sich für die Störung und lud mich in sein Büro ein, wo er mir Coca-Tee servierte und mir seinen eigenen Computer zur Verfügung stellte. In Südamerika gibt es immer mal wieder eine Panne, aber sie sind die Würze des Alltags, denn dadurch ist man permanent aufeinander angewiesen und so lernt man fast täglich neue Menschen kennen. Der kleine, quirlige Manager war begeistert, als er hörte, dass ich aus Deutschland kam. Oh, Alemania! Deutschland habe eine Menge für die Armutsbekämpfung in Peru getan, aber auch Peru habe seinerseits Entwicklungshilfe für Deutschland geleistet, und zwar auf dem Fußballfeld, denn sein Landsmann Claudio Pizarro, dessen Hand sein Onkel Ende der 90er in Lima persönlich geschüttelt habe, sei der beste Stürmer aller Zeiten und habe Bayern München in den Fußballhimmel geschossen, erklärte er mir, dann ließ er mich, meine Post nachsehen.

Unter anderem hatte ich eine E-Mail von Jan Koneffke bekommen. Jan ist ein Schriftsteller aus Deutschland, der mit Cristina, einer charmanten rumänischen Architektin, verheiratet ist und bisweilen in Bukarest lebt. Er schrieb mir, er arbeite an einem neuen Roman, was ihn viel Kraft koste, aber er wolle keineswegs klagen, denn er habe außerordentlichen Spaß am Schreiben. Ich sei auf diesen Roman sehr gespannt, antwortete ich Jan per Mail, dann ließ ich ihn wissen, ich befände mich nun am Titicaca-See.
Am nächsten Abend fand ich eine neue Mail von Jan vor. Er wünsche mir viel Freude am Titicaca-See. Er befinde sich seit einer Woche in Honolulu, werde aber am nächsten Tag nach Bora Bora weiterfliegen. Er glaubte offensichtlich, ich würde zu Hause in Düsseldorf auf dem Sofa liegen, hätte ihm in meiner letzten Mail einen Bären aufgebunden, und nun wollte er es mir mit gleicher Münze zurückzahlen.
Okay, dann warte mal ab! Wenn ich wieder zurück in Deutschland sein würde, würde ich eine CD mit den Fotos meiner Reise brennen und sie ihm zuschicken, damit er auch sehen konnte, was Sache war: Ich mit den Indianern, ich beim Streichlen eines Lamas, ich und das moderne Weltwunder Machu Pichu usw. Der würde sich noch wundern.

Am vorletzten Tag der Reise hatte ich alles in allem um die 800 Fotos gemacht, und am späten Nachmittag hat man mir dann in der Fußgängerzone von Cusco den Fotoapparat gestohlen. Aus der Hosentasche, als ich auf ein Taxi wartete. Das hört sich nun wie eine unplausible Drehbuchwendung an, aber es ist leider wahr. Ungläubig durchsuchte ich immer wieder meine Hosentaschen und meinen Rucksack und war verzweifelt. Die peruanischen Bäuerinnen mit bunten Hüten auf dem Markt von Arequipa, deren zerfurchte Gesichter Bände sprachen, die fliegenden Kondore am Cruz del Condor, der Campesino, der in einem Kirchturm in Maca die Glocken läutete, und von dem man lediglich den Sombrero sah, die in allen Regenbogenfarben strahlenden Kostüme der Uros-Inselbewohner, all das hatte ich für immer festgehalten zu haben geglaubt, und nun war es auf einmal weg. Es war so, als ob man mir einen Großteil der Reise gestohlen hätte. Nun musste ich aber mit meinem persönlichen Super-Gau klarkommen, und wie nicht selten half mir dabei die Literatur. Ich erinnerte mich plötzlich an die Worte des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, die ich am Anfang der Reise im Literaturhaus in Lima, in der Bibliothek, die seinen Namen trägt, gelesen hatte: „Auf meinen Reisen führe ich nie eine Kamera mit, denn ich möchte das, was mein Gedächtnis behält, nicht beeinflussen.“ Vielleicht gibt es ja in unserem Leben gar keine Zufälle, sagte ich mir, und die Bedeutung der Llosa-Worte erschien mir auf einmal in einem ganz neuen Licht. Womöglich hatte es ja das Schicksal so eingerichtet, dass ich am Anfang der Reise über diese Llosa-Aussage gestolpert war, weil der Kameraverlust schon längst vorbestimmt war.

Ich fuhr fort, über die Worte des Schriftstellers nachzudenken. Was vergessen wir und was behalten wir eigentlich von unseren Erlebnissen? Llosa vertraute offensichtlich darauf, dass das Gedächtnis in seiner oft wirklichkeitsuntreuen Vorgehensweise alles viel richtiger macht als eine Kamera, die die Realität haargenau festhält. Auch wenn wir darauf schwören könnten, dass alles genau so war, wie wir es in Erinnerung behalten haben, war es in Wirklichkeit oft ganz anders. So konnte ich mich zum Beispiel bis vor einem Jahr erinnern, dass die Eisenbrücke über den Fluss Barzava, die ich in Reschitza am Anfang der 60er unterwegs zur Schule überquerte, sich unendlich breit und lang gestaltete, und die drumherum stehenden Häuser riesig. Doch vor einem Monat bin ich in einer Schubladenecke im Wohnzimmer auf ein altes Foto in Sepiatönen gestoßen, und ich stellte befremdet fest, dass meine Gedächtnisbilder mit der Realität nur wenig zu tun hatten. Die Eisenbrücke gab es zwar in der Tat, aber sie war so kurz und schmal, dass man schon fast darüber hätte springen können, und die Häuser, die sich am Fluss aneinanderreihten, sahen eher wie triste Lehmhütten aus. Unser Gedächtnis arbeitet wohl oft so, dass es die Dimensionen der Vergangenheit nach und nach verändert, die grauen Bilder von gestern verblassen und schließlich verschwinden lässt, und die hellen zunehmend zum Erstrahlen bringt und sie beschönigt. Und so ist es vielleicht überhaupt nicht schlimm, dass ich die Kamera mit den Fotos verloren habe, sagte ich mir, sie werden dadurch mit der Zeit in meiner Erinnerung nur noch schöner werden.

Aber nun ja, bis es soweit ist, habe ich mir ein paar Anden-Fotos aus dem Internet runtergeladen und gespeichert. Dann habe ich sie mit dem PC-Fotoprogramm ein wenig aufgemöbelt, das heißt ich habe mich hie und da in die Landschaft eingefügt, wie ich auf den höchsten und unzugänglichsten Gipfeln der Anden stehe und entspannt lächle. Sieht super aus, und ein paar davon werde ich wohl Jan Koneffke schicken. Da wird der sich noch wundern, was ich für ein toller Bergsteiger bin.

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