„Der ‘Geist’, der heute in Europa spukt, ist die Angst vor der Neuerung!“

Romano Prodi erhielt die Ehrendoktorwürde der West-Universität Temeswar

Donnerstag, 30. April 2015

Prof. Dr. Marilen Pirtea, der Rektor der West-Universität Temeswar, übergab Prof. Dr. Romano Prodi die Urkunde.
Foto: Zoltán Pázmány

„Zwei politische Entscheidungen waren damals wichtig: Eine ist nach wie vor unmöglich umzusetzen, nämlich die Errichtung einer europäischen Armee. Die zweite politische Entscheidung war die Einführung der gemeinsamen Währung. Ich wollte den Euro aus zwei Gründen: Zum einen habe ich meinen Bruder im Zweiten Weltkrieg verloren und heute herrscht Friede innerhalb der EU-Grenzen, außerhalb der EU ist Krieg. Zum zweiten ist selbst Deutschland zu klein, um im globalen Wettbewerb zu wetteifern“. So erinnerte sich Romano Prodi an die wichtigste Maßnahme, die während seines fünfjährigen Mandats als Präsident der Europäischen Kommission (1999-2004) getroffen wurde, in der Festrede, die er anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der West-Universität Temeswar hielt.

Die Verleihung fand am Montag, in der überfüllten Aula Magna der West-Universität statt: Die Fakultät für Politikwissenschaften, Philosophie und Kommunikationswissenschaften hatte die Nominierung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und EU-Kommissionspräsidenten beantragt. Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde waren Rektor Prof. Dr. Marilen Pirtea sowie alle Prorektoren anwesend.

„Ein Riese mit tönernen Beinen“

Für Romano Prodi, den entschiedenen Europäer, in dessen Amtszeit nicht nur der Euro eingeführt, sondern auch die größte Erweiterung der EU, auf 25 Staaten, vollzogen wurde, ist die heutige Situation in Europa, mit der Stärkung der populistischen Parteien, der Krise und den Terroranschlägen und vor allem wegen der „wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Bedingungen, die besonders ungünstig sind“, „alarmierend“ geworden. „Der ‘Geist’, der heute in Europa spukt, ist die Angst vor der Neuerung, dem Umbruch, eine allgemeine und verallgemeinerte Angst“, so lautete Prodis Diagnose, „Eine Angst, die Europa in einen Riesen mit Beinen aus Ton verwandelt hat, der sich nicht mehr bewegt, aus Angst nicht umzufallen, und der es vorzieht, sich nicht zu bewegen und nur dann zu reagieren, wenn die Lage verzweifelt ist“.

Warum es Europa so schwer fällt, aus der Krise herauszukommen? Für Romano Prodi steht fest, dass das Problem „vorwiegend politischer Natur ist“: „Selbst wenn die EU eine starke Wirtschaft hat, die – mir scheint – auch heute sehr gesund ist, hat sie immer noch nicht die nötigen Instrumente, um einen Markt, der aus über einer halben Milliarde Menschen besteht, zu regieren. Es sind politische, wirtschaftliche und Steuerreformen notwendig, aber die politische Führung will diese Verantwortung nicht übernehmen. Selbst wenn die EU und der Euro nicht zusammenfallen werden, wie sich einige beeilt haben zu prophezeien, so haben wir eine einheitliche Währung, der es an den nötigen wirtschaftlichen und finanziellen Pfeilern fehlt, die sie unterstützen müssten. Leider sehe ich keine politischen Bedingungen für die Durchführung dieser Reformen“.

Vertrauen in die Zukunft

Romano Prodi gab zu, dass er in der Wiederkehr des Populismus auch die Chance sah, dass „die große Koalition nun endlich, als Antwort auf die Provokation dieser anti-europäischen Bewegungen hin, einige längst hinausgeschobenen Entscheidungen fällen wird. Ich hatte gehofft, dass die Kommission zu ihrer früheren Rolle, eines Motors der EU, zurückkehren würde“. Er gab auch zu, dass er sich damit „getäuscht habe“.

Trotzdem ließ Romano Prodi durchblicken, dass er Vertrauen in die Zukunft hat: „Ich glaube, dass nach dieser Krise die Vernunft vorherrschen wird“. „Wenn sich Deutschland, Frankreich, Italien und alle anderen Staaten nicht wirklich vereinen werden, dann wird Europa in den kommenden Jahren nicht mehr die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen auf globaler Ebene beeinflussen können. Mein Vorschlag ist, über diese heikle Etappe nachzudenken, in der der Gemeinschaftsgeist und eine wahre gemeinsame Entscheidungskraft nicht nur für unser Wohl nötig sind, sondern für unser Überleben“.

Ein Akademiker und Politiker

Romano Prodi hat zwei-mal das Amt des Ministerpräsidenten in Italien bekleidet (1996-1998 bzw. 2006-2008) und ist auch der Präsident der Europäischen Kommission (in der Zeitspanne 1999-2004) gewesen.
Der Wirtschaftswissenschaftler hat eine Professur an der Universität Bologna innegehabt und hat sich auch intensiv der Forschung gewidmet, die zahlreichen Beiträge zur Volkswirtschaft und Industriepolitik sprechen dafür. Romano Prodi ist der Träger zahlreicher akademischer Titel, unter anderem wurde ihm die Ehrendoktorwürde an der Akademie für Wirtschaftsstudien in Bukarest im Jahre 2000 verliehen. 1981 gründete er „Nomisma“, eine der wichtigsten italienischen Gesellschaften für Wirtschaftsstudien, seit 1995 ist Prodi der Vorsitzende ihres wissenschaftlichen Beirates.

Zwischen 1982 und 1989 war er Präsident der damals größten italienischen Staatsholding „Istituto per la Ricostruzione Industriale“, IRI. Unter seiner Leitung wurde die Gesellschaft grundlegend saniert und so für einen Transformations- und Privatisierungsprozess vorbereitet. Im Mai 1993 übernahm Prodi erneut die Leitung von IRI und führte die Privatisierung wichtiger Unternehmen durch, darunter „Credito Italiano“ und „Banca Commerciale Italiana“.

1996 wurde Romano Prodi zum ersten Mal Ministerpräsident, er hatte im Namen des Mitte-Links-Wahlbündnisses „Ulivo“ („Olivenbaum“) kandidiert. Während sein politischer Gegner Silvio Berlusconi das TV als Karte in der Kampagne spielte, organisierte Prodi eine fünfmonatige Tour mit dem Bus durch Italien. Während Prodis erster Amtszeit hat sein rigoroser Sparkurs Italien den Beitritt zum Euro ermöglicht.

Drei Jahre später wurde Romano Prodi zum Präsidenten der Europäischen Kommission in Brüssel berufen. Während seiner fünfjährigen Tätigkeit als Kommissionspräsident wurde der Euro als gemeinsame EU-Währung eingeführt und es erfolgte die Erweiterung der EU auf 25 Mitgliedstaaten.

2006 wurde Romano Prodi erneut Ministerpräsident, ein Amt das er bis 2008 bekleidet hat.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 02.05 2015, 09:04
Romano Prodi schmückt sich mit den Meriten, die Helmuth Kohl und seinem französischen Partner gebühren.
Und ob die EU ein Gewinn für alle Mitgliedsstaaten ist, sei dahergestellt.
Was hat Rumänien als Staat bisher von der EU profitiert?
Die meisten EU-Gelder sind in die Taschen von Politikern und deren Freunden verschwunden.
Rumänien fehlt es immer noch an den grundsätzlichsten Dingen, um wettbewerbsfähig zu sein: stabile und gute Gesetze, stabiles ausreichendes Einkommen für mehr Bürger, Produktionsunternehmen, Infrastruktur, usw.

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