Der Gott des Gemetzels im bürgerlichen Wohnzimmer

Roman Polanskis „Carnage“ in den rumänischen Kinos

Freitag, 03. Februar 2012

Der Film „Carnage“ des polnischen Meisterregisseurs Roman Polanski basiert auf dem Theaterstück „Le Dieu du Carnage“ (Der Gott des Gemetzels) der französischen Schauspielerin und Schriftstellerin Yasmina Reza, das im Jahre 2006 seine Uraufführung im Schauspielhaus Zürich erlebte und seitdem zu den erfolgreichsten und am meisten aufgeführten Theaterstücken der letzten Jahrzehnte, zumindest im deutschsprachigen Raum, zählt. Die französische Erstaufführung fand im Jahre 2008 im Théâtre Antoine in Paris statt, mit der vielfach ausgezeichneten Film- und Theaterschauspielerin Isabelle Huppert in einer der vier Hauptrollen.

Auch Polanskis Film „Carnage“ wartet mit einer Starbesetzung auf: die beiden Ehepaare, die die Filmhandlung nach Art eines Kammerspiels tragen, werden ausschließlich von Oscar-Preisträgern (Christoph Waltz, Jodie Foster, Kate Winslet) sowie von dem für einen Oscar ‚nur’ nominierten John C. Reilly verkörpert. Das Drehbuch, an dem auch die Dramenautorin Yasmina Reza mitgeschrieben hat, wurde vom Oscar-Preisträger Roman Polanski verfasst, der die Dramenhandlung von Paris nach New York versetzte und auch sonst verschiedene Änderungen in dem Vierpersonenstück vornahm.

Gedreht wurde der Film allerdings in Paris, weil Polanski seit über dreißig Jahren von den US-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden mit einem Haftbefehl wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen belangt wird.
Die Handlung des Films „Carnage“ ist schnell erzählt.

Das Ehepaar Cowan hat das Ehepaar Longstreet zu Hause aufgesucht, um gemeinsam eine Erklärung für den Tathergang eines Versicherungsfalles abzufassen und zu unterzeichnen: Der elfjährige Sohn der Cowans hatte dem gleichaltrigen Sohn der Longstreets bei einem Streit im Brooklyn Bridge Park mit einem Aststück die beiden vorderen Schneidezähne ausgeschlagen.

Das Gespräch der beiden Ehepaare verläuft zunächst ganz in konventionellen Bahnen, mit höflichen Entschuldigungen und floskelhaften Bekundungen von Mitleid und Verständnis. Doch schnell ergreifen große Themen wie Gewalt, Schuld, Verantwortung und Erziehbarkeit des Menschen Besitz von den vier Akteuren, die nun allmählich selbst untereinander in Streit geraten: So beschimpft Nancy Cowan Michael Longstreet als Mörder, weil er den Hamster seiner Tochter ausgesetzt und damit dem sicheren Tod preisgegeben hat.

Zweimal scheint die Handlung vorzeitig enden zu wollen, zweimal befindet sich das Ehepaar Cowan bereits angezogen im Etagenflur, doch die unterschwellige Aggression wirkt wie ein Sog, der die Cowans jedes Mal wieder zurück ins bürgerliche Wohnzimmer der Longstreets zieht, wo sich dann endgültig die Türen schließen – wie in Sartres existentialistischem Drama „Huis clos“, dessen Kernaussage lautet: „Die Hölle, das sind die Anderen!“

Der Anlass der Begegnung, das aggressive Verhalten des Sohnes der Cowans, ist bald vergessen, stattdessen tun sich andere und neue Frontlinien zwischen den Erwachsenen auf. Zunächst geraten Alan Cowen, der zynische Rechtsanwalt, und Penelope Longstreet, die politisch hyperkorrekte Buchhändlerin, Kunstliebhaberin und Autorin, aneinander, wobei Nancy Cowan ihren Mann zunächst verteidigt, während Michael Longstreet den immer wieder aufflammenden Streit zu beschwichtigen sucht, beide aus Familiensinn und aus Gründen der Solidarität zwischen Eheleuten.

Doch bald verändern sich die Frontlinien der Auseinandersetzung: Plötzlich solidarisieren sich die beiden Männer miteinander, im Zeichen von Whiskyglas und kubanischer Zigarre und mit dem Ideal von Ivanhoe und John Wayne als Panier. Darauf reagieren dann die beiden Frauen, die ihre Ehemänner gnadenlos als unsensible Versager brandmarken, welche ihren gehobenen Ansprüchen in intellektueller oder emotionaler Hinsicht in keiner Weise zu genügen vermögen.

Aufschiebendes und zugleich aufschaukelndes Requisit der Dramenhandlung ist das Smartphone Alan Cowans, das unentwegt schnurrt, weil die Pharmafirma, die Alan anwaltlich vertritt, just in diesem Moment einen Skandal zu verhindern trachtet, der die unerwünschten Nebenwirkungen eines von ihr vertriebenen Medikaments aufdecken würde. Alans Smartphone unterbricht dabei fortlaufend Gespräche, bringt Ehefrau und Gastgeber permanent zum Verstummen und heizt dadurch die latente Gewaltbereitschaft der Anwesenden erst richtig an. Umgekehrt wird Michael unentwegt von seiner Mutter angerufen, die an den Nebenwirkungen just jenes Medikamentes leidet, dessen Schädlichkeit Alans Auftraggeber zu vertuschen sucht.

Zwischendurch übergibt sich Nancy auf Penelopes geliebte Kunstkataloge und auf Alans Hose, sodass der trocknende Föhn und das den Geruch des Erbrochenen überduftende Parfüm Penelopes plötzlich zu den wichtigsten und gleichsam symbolischen Requisiten der Begegnung im bürgerlichen Wohnzimmer werden. Schließlich wird Alans Smartphone von Nancy im Wasser der Blumenvase ertränkt, woraufhin sie selbst die gelben Tulpenblüten als Insignien bürgerlicher Lebensart und anmutiger Wohnlichkeit mit heftigen Schlägen gegen den Vasenrand entblättert.

Dass diese, wenngleich bürgerlich moderate, Gewalt und Aggression nicht als tragisches Blutbad („carnage“), sondern als Komödie wahrgenommen wird, bei der man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt, auch wenn es einem mitunter im Halse stecken bleibt, ist nicht allein das Verdienst der Dramenautorin, sondern vor allem auch des Regisseurs, der nicht nur die Pointen des Textes durch die Kameraführung genial lanciert, sondern auch seine vier Akteure aus ihrer anfänglichen Konventionalität in die einsamen Wüsteneien ihrer Seelen schickt: Alan in die Leere seines zynischen Nihilismus, Penelope in das Korsett ihrer politischen Korrektheit, dessen enge Schnürung nur ihr Alkoholismus ein wenig lockert, Nancy in das Verlies einer emotional alleingelassenen Ehefrau und Michael in die Ödnis seiner Biederkeit.

Gewiss hat Christoph Waltz als Alan den dankbarsten Part, weil er nicht nur in der Filmhandlung selbst agiert, sondern gleichsam voyeuristisch aus ihr heraustritt und die krude Realität in ihrer fantastischen Unwirklichkeit ästhetisch genießt. Sein Aus-der-Rolle-Fallen ist gleichsam das Einfallstor des Komischen ins Tragische.

Unnachahmlich sein geheucheltes Interesse an den Toilettenspülungen, die Michael als Vertreter für Badezimmerausstattung in seinem Sortiment hat, unübertrefflich seine zynische Abkanzlung Penelopes und ihrer Afrika-Fantasien, unglaublich sein Machismo und seine Seelenkälte gegenüber seiner Ehefrau Nancy, die ihren Schmerz im Alkohol ertränkt.

Die Pointen dieses cineastischen Kammerspiels zerstieben fortwährend wie im Nu, und wenn der Film nach viel zu kurzen 79 Minuten plötzlich endet, meint man, der Gott des Gemetzels habe sich noch gar nicht richtig gezeigt: Er aber war immer schon präsent in den Accessoires bourgeoiser Lebensform und bürgerlichen Wohlstands.

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